12. Februar 2007 Craig Newmark, Gründer der populären Kleinanzeigenseite Craigslist, erklärt sein Geschäftsmodell, seinen Verzicht auf viele Werbemillionen, seine Pläne im Ausland und was Zeitungsverleger im Internetzeitalter tun sollten.
Herr Newmark, Ihre Internetseite ist vor allem Zeitungsverlegern ein Dorn im Auge. Wie viele Verleger haben versucht, Craigslist zu übernehmen?
Ich glaube nicht, dass es einer ernsthaft erwogen hat. Im Sommer 2004, als ein Mitarbeiter seinen 25-Prozent-Anteil an der Firma verkaufen wollte, hatten mehrere Unternehmen Interesse an Craigslist gezeigt. Aber das waren Internetunternehmen.
Wie sieht eigentlich das Geschäftsmodell von Craigslist aus?
Schon die Aussage, wir hätten ein Geschäftsmodell, ist eine Unterstellung. Wir verstehen uns als Dienstleister für unsere Community. Vor sechs Jahren haben wir die Mitglieder unserer Community gefragt, welche Dienstleistung kostenpflichtig werden solle. Das Ergebnis war: Wir sollten Stellen- und Immobilienanzeigen kostenpflichtig machen. Heute verlangen wir Geld für Stellenanzeigen in sieben Städten und für Immobilienanzeigen in New York. Die dortigen Makler haben uns darum gebeten, damit die Qualität der Anzeigen steigt. Das ist unser Geschäftsmodell, wenn Sie so wollen. Wir haben etwa 1 Prozent der Internetseite monetarisiert. Wir haben kein Interesse, viel mehr zu Geld zu machen. Zwar haben wir kürzlich noch in vier Städten Gebühren für Stellenanzeigen eingeführt, aber nur, um Spam-Anzeigen herauszuhalten.
Wie hoch ist der Umsatz von Craigslist?
Wir geben diese Zahl nicht bekannt. Und ehrlich gesagt: Ich weiß es im Moment gar nicht.
Interessiert Sie Ihr Umsatz nicht?
Doch, ich bin schon neugierig darauf. Ich sollte Jim, unseren CEO, oder Mabel, unsere Controllerin, fragen. Aber ich habe einfach vergessen zu fragen. Nein, im Ernst: Wir sind finanziell sehr gesund, wir haben keine Investoren an Bord, und an viel Geld sind wir nicht interessiert. Es reicht.
Es reicht, um Ihre Mitarbeiter zu bezahlen?
Alle 23 bekommen ihr Gehalt. Wir haben keine MBAs, keine Anwälte, nur Ingenieure. Und das ist gut für das Unternehmen.
Wie populär ist Craigslist?
Mit etwas Glück werden wir bald mehr als 6 Milliarden Seitenaufrufe im Monat haben.
Damit wird Craigslist etwa zweieinhalb Mal so häufig aufgerufen wie T-Online, die größte deutsche Internetseite. Und da juckt es Sie nicht, zum Beispiel das Google-Adsense-Programm auf Ihren Seiten einzuführen? Auf einen Schlag wären Sie reich.
Wir haben es erworgen. Aber das bringt nichts. Wir haben Genug Geld zum Leben.
Warum reizt es Sie nicht, mehr Geld zu verdienen, wenn Sie kaum etwas dafür tun müssen?
Mir geht es persönlich sehr gut. Jim und ich kennen eine Menge Dot.com-Millionäre und sogar -Milliardäre, die nicht glücklich sind. Wer so reich ist, muss mit Sicherheitsleuten reisen, um nicht das Ziel von Kidnappern zu werden. Ich bin glücklicher, nicht so viel Geld zu haben.
Wenn Sie Geld für Anzeigen nur in amerikanischen Städten verlangen, verlieren Sie mit dem Eintritt in neue Länder wie Deutschland, wo Craigslist inzwischen in acht Städten vertreten ist, doch Geld. Macht Ihnen das nichts aus?
Nein. Wir sind ein sehr schlankes Unternehmen. Da wir kein Geld für Werbung ausgeben, sind die Kosten für eine weitere Stadt oder Land nahe null. Das ist nur ein weiterer Eintrag auf unserer Internetseite.
Planen Sie lokale Seiten für weitere Städte in Deutschland?
Keine Ahnung. Wir reagieren erst, wenn unsere Nutzer dies wollen.
Können Sie sich vorstellen, Ihr Modell über die Rubrikenanzeigen hinaus auszudehnen?
Vielleicht sollten wir diversifizieren, aber aus unserer Community hat uns niemand darum gebeten.
Die Craigslist-Seiten für Deutschland sind in englischer Sprache und laufen nicht sehr gut. Sind Sie damit zufrieden?
Das stimmt. Wir liegen hinter unseren Plänen für die Unterstützung zusätzlicher Sprachen. Aber wir wollen Craigslist auch in deutscher Sprache anbieten. Aber noch haben wir keinen festen Zeitplan dafür. Manchmal nimmt Jim die Dinge einfach in die Hand, wenn ich nicht da bin. Als ich das letzte Mal verreist war, hat Jim einfach Seiten für 150 neue Städte eröffnet. Die Firma ist produktiver, wenn ich nicht da bin.
Wie sieht Ihr Job aus?
Ich mache den Kundendienst, und ich plane, das für immer zu tun. Aber nicht als Vollzeitjob. Ich will in diesem Jahr kürzertreten.
Wie sehen Sie die Zukunft der Rubrikenanzeigen? Das dürfte die Zeitungsverleger sehr interessieren.
Der Kleinanzeigenmarkt wird sich auf verschiedene Internetseiten verteilen, vor allem lokale Seiten, wozu auch die Internetseiten der Zeitungen gehören. Zeitungen haben einen großen Vorteil im Netz, da Papier so teuer ist. Dieser Kostenblock fällt im Internet weg. Die Zeitungen sollten sich aber sehr schnell ins Internet bewegen und - in Amerika - kritische Fragen stellen, zum Beispiel an unseren Präsidenten. Jetzt beginnen sie damit, aber das ist fünf Jahre zu spät.
Das Gespräch führte Holger Schmidt.
Craig Newmark hat alles andere als eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Geboren 1952 im amerikanischen Bundesstaat New Jersey, verbringt er den Großteil seines Berufslebens als Programmierer bei IBM. Als der Konzern umstrukturiert, fliegt Newmark raus. Er geht nach Kalifornien und arbeitet zwei Jahre freiberuflich für die IT-Abteilung des Online-Brokers Charles Schwab. 1995 beginnt er damit, täglich einen E-Mail-Newsletter an Freunde zu verschicken, in dem er auf interessante Partys, Filme oder Ausstellungen hinweist. Die Zahl der Empfänger von Craigs Liste wird immer größer, so dass Newmark beschließt, eine eigene Internetseite zu bauen. Den Namen behält er bei: Craigslist ist geboren. Aus dem Newsletter entwickelt sich ein Kleinanzeigenmarkt, auf dem Menschen alles und jedes verkaufen und kaufen können. Anfangs belächelt, wächst die Seite immer schneller, weil die Anzeigen weitgehend kostenfrei sind. Die 23 Mitarbeiter, die alle in einem Wohnhaus in San Francisco zusammen arbeiten, eröffnen Seiten in immer mehr Städten. Heute ist Craigslist in mehr als 450 Städten in 50 Ländern vertreten, darunter auch in acht deutschen Städten. Mehr als 15 Millionen Menschen geben jeden Monat mehr als 14 Millionen Kleinanzeigen bei Craigslist auf. Die Märkte wachsen schnell, da Newmark persönlich sehr viel Wert auf Kundenservice legt. Er baut Communities um seine Seite auf, die unseriöse Anzeigen melden. Auf diese Weise hält Newmark die Qualität der Anzeigen hoch. Überall, wo sich um die Craigslist-Seiten aktive Communities bilden, geraten die Kleinanzeigengeschäfte der lokalen Anbieter schnell unter Druck. Sie können mit Craigslist kaum konkurrieren, denn nur Arbeitgeber und Wohnungsmakler in sieben amerikanischen Städten müssen zwischen 25 und 75 Dollar je Anzeige zahlen. Craigslist gerät nur einmal negativ in die Schlagzeilen, als ein Mitarbeiter ohne Rücksprache mit Newmark seinen 25-Prozent-Anteil an dem Unternehmen zum Verkauf stellt. Ebay schlägt zu, hält sich aber bis heute aus Craigslist heraus. Lieber versucht Ebay sich bei Newmark abzuschauen, wie solche Anzeigenmärkte funktionieren. Mit Kijiji kopiert Ebay das Erfolgsmodell. (ht.)
Text: F.A.Z., 12.02.2007, Nr. 36 / Seite 17
Bildmaterial: AFP, Andreas Müller, AP
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