08. Januar 2007 Die Rendite ist unseriös, sagt Lukasz Gadowski und grinst beglückt. Er ist einer der Gründungsinvestoren von Studi VZ, dem Internet-Netzwerk für Studenten. Ende 2005 hat er 5000 Euro Startkapital beigesteuert, um die Seiten aufzubauen, auf denen Studenten ihr Profil anlegen und Freunde suchen können.
Gerade wurde das Netzwerk für einen Betrag zwischen 50 und 100 Millionen Euro an den Holtzbrinck-Verlag verkauft. Die drei Firmenchefs Ehssan Dariani, Dennis Bemmann und Michael Brehm haben gemeinsam mit Investoren wie den Samwer-Brüdern und Gadowski ihren Gewinn mitgenommen - und das mit einem Unternehmen, das noch nicht einmal Umsätze macht, geschweige denn Gewinne verzeichnet (siehe dazu auch: Interview mit Oliver Samwer: Wir sind einen Schritt weiter).
Wer 2002 belächelt wurde, ist nun obenauf
Im Internet haben Gründer wieder Oberwasser. Vorbei ist die Zeit der Depression nach dem Absturz der New Economy, als niemand mehr bereit war, Geld für das Internet auszugeben, und als neue Seiten im Netz zu gestalten als brotlose Kunst verschrien war. Wer 2002 belächelt wurde, ist nun obenauf. In Amerika erlebt das sogenannte Web 2.0, das Internet zum Mitmachen, einen Aufschwung. Die Videoseite Youtube, 2005 gegründet, wurde Ende 2006 für mehr als eine Milliarde Dollar von Google übernommen. Schon 2005 kaufte der Medienkonzern New Corp. von Rupert Murdoch für 580 Millionen Dollar Myspace, das bisher größte Netzwerk von Freunden im Internet.
Auch in Deutschland gibt es einige Erfolgsgeschichten - zum Beispiel die von Lukasz Gadowski. Lange vor seiner Beteiligung an Studi VZ gründete er 2002, noch als Student, das Unternehmen Spreadshirt. Die Idee: Menschen können bei ihm T-Shirts bestellen, deren Motive sie selber entwickeln. Die Internetnutzer gestalten das Shirt, Spreadshirt bedruckt und verschickt es, Mindestbestellmenge: ein Stück. Außerdem kann jeder einen Spreadshirt-Shop auf seiner Internetseite eröffnen und dort eigene Artikel verkaufen. Ein virtuelles Spreadshirt-Geschäft haben zum Beispiel die norddeutsche Hiphop-Band Fettes Brot und Oliver Kahn.
Kein Geld und keine Kontakte
Die Bestellungen landen in Leipzig. Von dort aus verschickt Spreadshirt nach ganz Europa. Mehr als 50.000 Artikel gingen monatlich auf die Reise, teilt das Unternehmen mit, über Umsatz- und Gewinnzahlen spricht es jedoch nicht. Mittlerweile wurde eine Niederlassung in den Vereinigten Staaten gegründet, die dort fleißig gegen den größten Konkurrenten Cafepress ankämpft. 150.000 Shoppartner hat Spreadshirt, Cafepress hat schon über eine Million, außerdem gibt es die amerikanische Seite schon deutlich länger, seit 1999. Trotzdem will Gadowski nicht abgekupfert haben. Die Idee hatte ich schon im Hinterkopf, bevor ich Cafepress gesehen habe.
Damals war er Student an der Handelshochschule in Leipzig, hatte kein Geld und keine Kontakte. Zu der Zeit hatte das Internet den Ruf als reine Geldvernichtungsmaschine. Also startete er klein in einer Ecke im Keller der Handelshochschule, machte zunächst kleine Umsätze, wuchs langsam, aber stetig. Mittlerweile ist mehr Geld da, ein Risikokapitalgeber ist eingestiegen. Verkaufen wollen die Eigner aber angeblich in nächster Zeit nicht.
Auf der Suche nach Ideen im Netz
Oliver Samwer betrachtet Spreadshirt als eine Firma, die an die Börse gehen könnte. Samwer war mit seinen Brüdern Alexander und Marc bei der ersten Internetwelle in Deutschland sehr erfolgreich. Die drei bauten damals die Handelsplattform Alando auf, die sie nach weniger als einem halben Jahr für rund 50 Millionen Dollar an Ebay verkauften. Seither sind sie als Investoren unterwegs, suchen neue Ideen im Netz. Bei Spreadshirt sind sie nicht dabei, doch Samwer glaubt, dass die Firma eine von drei bis vier deutschen Internetunternehmen ist, die in den kommenden zwei Jahren an die Börse gehen könnten.
Ein Unternehmen hat diesen Schritt schon gewagt. Es heißt mittlerweile Xing, ist aber besser bekannt unter seinem alten Namen Open BC. Auch Xing ist ein Netzwerk wie Studi VZ, hat als Zielgruppe aber eher Menschen, die schon im Berufsleben stehen und ihre beruflichen Kontakte über das Internet verwalten und pflegen wollen. Dort kann man sein Profil mit beruflichen Daten, Foto, Telefonnummer und Adresse hinterlegen, kann andere Mitglieder suchen und kontaktieren - oder von ihnen gefunden werden. Manche Mitglieder finden neue Geschäftskontakte über Xing, andere suchen nur alte Freunde oder Kollegen.
Man muss wissen, wo das Geld herkommen soll
Was sich etwas dröge anhört, ist erfolgreich. Das Netzwerk hat mittlerweile 1,5 Millionen Mitglieder, die meisten davon in deutschsprachigen Ländern. Xing will weiter in die Welt hinaus und mit dem amerikanischen Konkurrenten Linked In gleichziehen. Zunächst aber hat es sich an die Börse gewagt. Die Anleger reagierten noch vorsichtig. Trotzdem brachte der Börsengang knapp 75 Millionen Euro ein. Ausschlaggebend für den Mut, sich nach dem Debakel der New Economy wieder an die Börse zu wagen, war sicherlich, dass die Xing AG im Gegensatz zu Studi VZ schon Geld verdient. Man muss einfach wissen, wo das Geld herkommen soll, sagt Lars Hinrichs, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Xing. Das habe er bei seinen Engagements in der ersten Internetwelle gelernt, wo sein Unternehmen nach viel Euphorie Insolvenz anmelden musste.
Xing hat von Anfang an Geld verdient. Premiummitglieder müssen hier 5,95 Euro im Monat zahlen. Sie können dann erweiterte Funktionen nutzen wie zum Beispiel E-Mails an andere Mitglieder verschicken oder nach Menschen suchen, die in einer bestimmten Firma arbeiten. Die Zahl der Mitglieder, die dafür zahlen wollen, ist klein, aber sie genügt. 2006 hat Xing nach eigenen Angaben rund 10 Millionen Euro Umsatz und im letzten Quartal einen ersten kleinen Gewinn gemacht.
Das Geld sitzt wieder lockerer
Solche Erfolge regen die Phantasie an. Jedenfalls sitzt den Risikokapitalgebern das Geld wieder lockerer. Auch Medienunternehmen suchen nach lohnenden Investments im Netz. Es wird eine neue Welle von Gründungen geben, glaubt Gadowski. Dann werden wir auch wieder mehr Pleiten sehen. Bisher hätten sich vor allem Leute beteiligt, die Erfahrung hätten. Das wird nicht so bleiben.
Das konnte man schon bei Studi VZ sehen. Die Geschäftsidee des Unternehmens wurde 2005 aus Amerika abgekupfert, vom erfolgreichen Konkurrenten Facebook. Das schnelle Wachstum überrollte die jungen Gründer, immer wieder tauchten Sicherheitslücken auf. Zudem leisteten sie sich einige kapitale Fehler. So griffen sie nicht ein, als eine rein männliche Studi-VZ-Gruppe ungefragt Misswahlen unter den registrierten weiblichen Mitgliedern veranstaltete und sich dabei mit sexistischen Sprüchen nicht zurückhielt. Ehssan Dariani machte von sich reden, als er im Internet im Design des Völkischen Beobachters, des Kampfblatts der NSDAP, zu seiner Geburtstagsparty einlud.
Andere Gründer gehen mit dem neuen Rummel ums Internet behutsamer um. Man muss vorsichtig sein, darf sich nicht von der Euphorie mitnehmen lassen, sagt Gadowski. Über den Erfolg von Studi VZ würden manche Neider sagen: Klar, dass das funktioniert hat. Das haben wir doch schon immer gewusst. Das sei Unsinn. Der Erfolg komme im Internet dann doch meistens überraschend.
Text: lika. / F.A.Z., 08.01.2007, Nr. 6 / Seite 15
Bildmaterial: Christoph Busse - F.A.Z.
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