25 Jahre Walkman

Als die Musik laufen lernte

Von Stephan Finsterbusch, Tokio

Der Walkman gehörte zum Lebensgefühl der 80er

Der Walkman gehörte zum Lebensgefühl der 80er

01. Juli 2004 Bei Sony knallen am heutigen Donnerstag die Champagnerkorken. Japans extravagantestes Unternehmen feiert 25 Jahre Walkman. Die Party steigt auf der künstlich angelegten Insel Odaiba. Die Gäste sind handverlesen. Als die Japaner im Juli 1979 die ersten kleinen Kassettengeräte auf den Markt brachten, glaubten nur wenige im Konzern an einen Erfolg. Heute ist der Walkman auf der ganzen Welt das, was man einen "Hit" nennt. Mit ihm hat die Musik laufen gelernt. Auf ihn gehen auch tragbare Abspielgeräte wie MP-3, I-Pode und Mini-Disc-Player zurück; er war einer der Katalysatoren des Multimilliardengeschäfts mit Kopfhörermusik.

Sony hält die Rechte am Namen, nennt wichtige Patente sein eigen und weist mit dem Walkman eine stattliche Bilanz vor. Seit der Markteinführung verkaufte es eigenen Angaben nach 335 Millionen Geräte. Über Lizenznehmer gingen rund um den Erdball Hunderte Millionen über die Ladentische. Es gab mindestens einen großaufgezogenen und langwierigen Patentstreit mit einem Deutschen, der die Erfindung für sich reklamierte; es gab Raubkopien, Nachahmer und sicher wohl auch so manchen hausgemachten Vorgänger. Was das Transistorradio in den sechziger Jahren, wurde der Walkman in den Achtzigern. Nach wie vor gehen die mit ihm erzielten Erlöse jedes Jahr in die Milliarden, die Gewinne in die Millionen. Mit dem Gerät ist Sony erfolgreich und berühmt geworden. Das aber ist im harten Wettbewerb der Unterhaltungsindustrie keine Garantie auf Bestandsschutz.

Tüfteln, Basteln und Gewinn

John Nathan verweist in seinem Buch "Sony. The Private Life" darauf, daß das zigarettenschachtelgroße Abspielgerät letztlich auf Wunsch Masaru Ibukas entwickelt wurde. Der Mitgründer der Sony Corp. verlangte an einem kalten Tokioter Februartag 1979 von seinen Hausingenieuren, ihm ein handhabbares Abspielgerät für Musik-Kassetten zu bauen. Ibuka stand vor einem langen Flug nach Amerika und wollte ein wenig Unterhaltung zur Hand haben. Der studierte Ingenieur liebte Beethoven und Bach, mochte Technik und Experimente, Tüfteln, Basteln und Gewinn. Er hatte Sony zusammen mit seinem Partner Akio Morita nach dem Krieg aus dem Nichts aufgebaut, hatte zunächst kofferschwere Tonbandgeräte gefertigt und nebenher versucht, aus allerlei kleinen Erfindungen große Produkte zu machen. So war Sony Ende der siebziger Jahre bereits ein internationaler Markenname. Mit dem Walkman gelang dann der ganz große Wurf.

Dafür hatten Ibuka und Morita ihre Leute. Lange stand Norio Ohga hoch in der Gunst. Der hatte in den siebziger Jahren noch die Audio-Sparte des Hauses geführt. Später war er selbst an die Spitze von Sony gerückt. Dort hatte er den Weg für Produkte wie die Videospielkonsole Playstation frei gemacht. Zur Zeit der Erfindung des Walkmans stand auf seiner persönlichen Agenda die Entwicklung der Compact Disc (CD) ganz oben. Den Walkman fand er etwas profan. Jahre später wird er sagen, er habe das Gerät "technisch für langweilig gehalten". Dagegen waren seine Chefs Ibuka und Morita vom ersten Moment an Feuer und Flamme. Nach einem kurzen Gespräch mit ihnen war Ohga zu Kozo Ohsone gegangen. Der Leiter von Sonys Abteilung "Kassettenrekorder" machte sich mit seiner Mannschaft an die Arbeit. Nach vier Tagen legten sie das Ergebnis vor.

Die Hörer begeistert, der Preis erschwinglich

Sie hatten ein kleines Sony-Diktiergerät, den sogenannten "Pressman" für Journalisten, umgebaut, hatten Aufnahmemechanismen und Lautsprecher herausgenommen und durch die hauseigenen Miniverstärker und Schaltkreise zur Stereowiedergabe ersetzt. Das Ganze wurde mit ein paar kleinen Kopfhörern aus der Tüftlerabteilung komplettiert. Ohga zeigte sich mit Sound, Größe und Gewicht zufrieden; Ibuka war begeistert. Morita witterte das große Geschäft. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um das kleine Abspielgerät noch vor der japanischen Urlaubssaison in die Massenfertigung zu bringen. Der Preis wurde von ihm auf 33 000 Yen festgelegt. Das entsprach damals knapp 125 Dollar. Der Pressman kostete das Dreifache. Später gefragt, warum der Walkman vergleichsweise preiswert gewesen sei, antwortete Morita, im dreiunddreißigsten Jahr des Bestehens von Sony sei ihm diese Zahl in den Sinn gekommen.

Wenige Tage nach der Markteinführung des sogenannten TPS-L2 schossen die Verkaufszahlen in die Höhe. Die Produktion hielt mit der Nachfrage nicht mehr Schritt. Morita hatte in seinen eigenen Fabriken zunächst 30 000 Stück bestellt. Die war innerhalb von acht Wochen ausverkauft. Sony investierte binnen weniger Monate Millionen in neue Fertigungskapazitäten. Das Investment zahlte sich aus. Ein Jahr nach Ibukas erster Forderung nach einem handlichen und soundstarken Reisebegleiter kam der Walkman in Europa und Amerika auf die Märkte. Die Hörerschaft war begeistert, der Preis erschwinglich, in der Produktion arbeitete man auf Hochtouren. An der Tokioter Börse wurde Sonys Aktienkurs im Januar 1979 mit 765 Yen, im September 1980 mit 1580 Yen notiert. Bis 1990 stellte Sony unter der Leitung Kozo Ohsones mehr als 80 verschiedene Modelle vor. Heute sind es Hunderte.

Trotz Digitalisierung und chipgesteuerten Music-Sticks findet der Walkman immer noch seine Kunden, von Asien bis Amerika, von Australien bis Europa. Während der Feier auf der futuristischen Kunstinsel Odaiba in der Bucht von Tokio werden die alten Geräte alle noch einmal zu sehen sein; alle bis auf eines: der Prototyp aus dem Jahr 1979. Er liegt in einer Glasvitrine in den für die Öffentlichkeit verschlossenen Etagen des Top-Managements. Dort macht man sich mittlerweile über den weiteren Weg Gedanken. Ist doch die Konkurrenz von Apple gerade mit einem chipbasierenden und bleistiftgroßen Abspielgerät in der Publikumsgunst an Sonys "Walkman" vorbeigezogen. Das aber werden die Japaner bei aller Sektlaune und allen Feierlichkeiten nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich kontrollieren sie nicht nur die Form moderner Unterhaltung, sondern als Besitzer großer Film- und Musikstudios auch die Inhalte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2004, Nr. 150 / Seite 18
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, gms, REUTERS, Sony

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