19. September 2007 Wenn Smudo von MTV erzählt, dann sind das Geschichten von ganz früher. Als wir unser erstes Album aufgenommen haben, lief im Studio dauernd MTV, erinnert sich der Hiphop-Musiker von den Fantastischen Vier. Das war 1991. Musikvideos waren für die damals noch unbekannte aber aufstrebende Band aus Stuttgart eine Inspirationsquelle, und das Music Television (MTV) war das Synonym für Musikvideos.
Heute ist Michael Bernd Schmidt, so lautet Smudos bürgerlicher Name, ein 39 Jahre alter Familienvater, und MTV zeigt Anbandel-Shows (Dismissed) und Auto-Tuning-Berichte (Pimp my ride). Früher war das mal anders, da machte MTV Karrieren im Musikgeschäft. 1985 etwa wurden die bis dahin weithin unbekannten Musiker der norwegischen Popband A-ha mit ihrer Single Take on me über Nacht zu Stars. Am Lied kann es nicht gelegen haben, das hatte A-ha schon früher ohne großen Erfolg veröffentlicht. Erst das Musikfernsehen brachte den Durchbruch: Dass A-ha-Sänger Morten Harket im Video durch einen computeranimierten Comic wandelte, war damals eine Sensation.
Überangebot an Clips
Für MTV, eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Medienkonzerns Viacom, war das Musikvideo 20 Jahre lang eine glänzende Geschäftsbasis. Welcher Sender bekommt schon wie der Popkanal von der Musikindustrie sein Programm nahezu kostenlos geliefert? In den für die Musikkonzerne goldenen neunziger Jahren, als das Geld den Managern noch locker in der Tasche saß, waren Musikclips für die Plattenindustrie das wichtigste Marketing-Vehikel, um Promotion für Neuveröffentlichungen zu machen. Manche der Kurzfilme kosteten damals hohe sechsstellige Summen. Viele Clips schafften es zudem wegen des großen Überangebots gar nicht ins Programm der Musiksender und wurden nie ausgestrahlt.
Ohne Musikvideos lässt sich Popmusik heute nicht mehr verkaufen, glaubte noch 2001 Tim Renner, der damalige Deutschland-Chef des Marktführers Universal. So wichtig schien den Plattenbossen das Musikvideo, dass sie 1993 mit dem Kölner MTV-Klon Viva sogar einen eigenen Musiksender gegründet hatten. Doch genug Werbespots, von denen MTV letztlich lebt, können mit solch purem Musikfernsehen heute längst nicht mehr akquiriert werden. Noch immer machten zwar die Videoclips mehr als zwei Drittel des Programms aus, sagt der deutsche Programmchef des Senders, Elmar Giglinger. Musikvideos allein können die Zukunft von MTV nicht sichern.
Die Nachfrage steigt im Internet rasant an
Auf der Musikmesse Popkomm, die am Mittwoch in Berlin begonnen hat, wird gleichwohl die Zukunft des Musikvideos beschworen: im Internet. Die Online-Plattform MyVideo stellt auf der Messe eine Kooperation mit dem Musikkonzern Sony-BMG vor. Tot ist nicht das Musikvideo, sondern MTV und Viva haben sich überlebt, verkündet vollmundig Christian Vollmann, der für das Marketing von MyVideo zuständig ist.
Die Nachfrage nach Musikvideos steigt im Internet rasant an, sagt auch Musikmanager Ronald Horstman, der bei Sony-BMG in München neue digitale Einnahmequellen erschließen soll. Offenbar wurde auch die Plattenfirma von der digitalen Wiederauferstehung des Musikclips überrascht. Viele Videos gibt es bisher noch nicht einmal in digitaler Form. Man sei gerade dabei, das analoge Videoarchiv für die Online-Nutzung aufzubereiten, berichtet Horstman.
Das Musikvideo: Auferstehung im Internet
Anders als früher will Sony-BMG mit den Kurzfilmchen in Zukunft Geld verdienen. Auf MyVideo, das von der amerikanischen Video-Börse Youtube abgekupfert ist und dem Münchner Fernsehkonzern Pro Sieben Sat.1 gehört, werden Musikvideos mit einem Werbevorspann versehen, die Erlöse teilen sich beide Partner. Angeblich schrecken die Reklame für Haargel und Schokoriegel die Zuschauer nicht ab, wie die mittlerweile abgeschlossene Testphase ergeben habe. Im August haben die Nutzer von MyVideo knapp 2,6 Millionen Musikclips angeschaut. Das ist zwar noch nicht allzu viel, werden auf MyVideo doch jeden Tag etwa 7 Millionen Kurzfilmchen abgerufen. Doch Sony-BMG ist dennoch zufrieden und hat eine langfristige Kooperation mit MyVideo geschlossen.
Die Kooperation ist der Versuch, aus einem Phänomen ein Geschäft zu machen. Während das Musikvideo im Fernsehen keine große Relevanz mehr hat, erlebt es im Internet gerade seine Auferstehung. Youtube hat in gewisser Weise eine Renaissance des Musikvideos gebracht, glaubt Hiphop-Senior Smudo. Auf Online-Plattformen wie Youtube oder MySpace können die Nutzer kurze Filmchen aller Art plazieren und anderen Nutzern zugänglich machen.
Musik ist dabei zwar nur eines von vielen Themen, dennoch sind die Internet-Treffpunkte besser, als MTV je war: Jeder kann sich seine Wunschclips zusammensuchen - eine Art Musikvideo-Jukebox. Zugleich ist Youtube ein gewaltiges audiovisuelles Gedächtnis der Musikgeschichte geworden. Wer hätte etwa geahnt, dass die verblichene Hardrock-Ikone Bon Scott von AC/DC in früheren Jahren als fagottspielender Sänger der Hippie-Band Fraternity aufgetreten war? Der Bildbeweis steht im Netz.
Digitaler Schneeballeffekt: Virales Marketing
Doch das Mitmachinternet - das sogenannte Web 2.0 -, in dem die Nutzer selbst die Inhalte liefern und austauschen, ist mehr als nur ein gutsortiertes Musikarchiv. Es kann über Nacht auch neue Pophelden schaffen. Binnen Wochen etwa katapultierte die Mund-zu-Mund-Propaganda des Internets die Grup Tekkan bis in Stefan Raabs Fernsehshow TV Total.
Die türkischstämmigen Jugendlichen aus Germersheim in der Pfalz hatten vor anderthalb Jahren ihr schief, aber inbrünstig gesungenes Liedchen Wo bist du, mein Sonnenlicht? samt selbstgedrehtem Video bei Youtube eingestellt. Schon bald hatte die musikalische Realsatire im Netz Kultstatus erreicht. Virales Marketing nennen Marketingexperten diesen digitalen Schneeballeffekt, der, wenn er denn funktioniert, unschlagbar billig ist. Grup Tekkan jedenfalls brachte der Internet-Hype sogar kurzzeitig einen Plattenvertrag beim Marktführer Universal ein.
Text: F.A.Z., 20.09.2007, Nr. 219 / Seite 16
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, youtube
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