05. März 2004 Manchmal werden Musikkarrieren in Detmold gemacht. Den Musikverlag Wintrup, der dort sitzt, kennt außerhalb der Branche niemand. Doch ohne Detmold wäre die von Umsatzeinbrüchen gebeutelte deutsche Musikindustrie, wenn sie am Samstag abend in Berlin zur alljährlichen Echo-Verleihung zusammenkommt, um einen großen Hoffnungswert ärmer. Die Berliner Gitarrenpop-Band "Wir sind Helden" geht gleich in fünf Kategorien ins Rennen um den deutschen Musikpreis und bringt es damit auf die meisten Nominierungen des Abends.
Einen Preis gab es schon vorab, für das gelungene Marketing der Band. Auch ein dreiviertel Jahr nach seiner Veröffentlichung hält sich das Debütalbum "Die Reklamation" in den Verkaufscharts. Die Helden gelten als eine der wichtigsten Neuentdeckungen des vergangenen Jahres. Daß das so ist, haben die Musiker freilich nicht ihrer Plattenfirma - der Kölner Deutschland-Filiale des Musikriesen EMI - zu verdanken, sondern Wintrup-Geschäftsführer Walter Holzbaur und seinem Sieben-Mann-Unternehmen aus der nordrhein-westfälischen Provinz.
Billig-Video
"Nicht marktfähig" habe noch vor anderthalb Jahren das einhellige Urteil der Plattenfirmen über die Helden-Lieder gelautet, erzählt Holzbaur, ein 52 Jahre alter Branchenveteran, der schon Anfang der achtziger Jahre legendäre Neue-Deutsche-Welle-Bands wie "DAF", "Rheingold" und die "Krupps" unter Vertrag hatte. Holzbaur jedoch glaubte trotz der reihenweise eintreffenden Absagen an seine Entdeckung. Auf eigene Kosten brachte er zunächst über einen unabhängigen Vertrieb 1500 CDs in den Handel und schickte einen Mitarbeiter eine Woche auf Deutschland-Tour durch die Musikredaktionen der Radiosender.
Und dieses Mal zeigten die von der Plattenindustrie oft für ihre wenig innovative Musikauswahl gegeißelten Sender mehr Gespür als die Talentsucher der Musikriesen. Bei Jugendsendern wie "Radio Fritz" in Berlin oder "Einslive" in Köln liefen die Helden bald regelmäßig. Ein für 1000 Euro produziertes Billig-Video konnte Holzbaur im Programm des Musikfernsehsenders MTV unterbringen. "Danach waren die großen Plattenfirmen auf einmal alle da", erinnert sich Holzbaur.
"Hochrisikogeschäft"
Der Weg der Helden in die Regale der Plattenläden ist ziemlich ungewöhnlich und dennoch symptomatisch. In den vergangenen Jahren hat die Musikindustrie ihr wichtigstes Geschäft - das Entdecken und Entwickeln von neuen Musikern - immer stärker vernachlässigt. "Damit haben wir im Grunde unsere Kernkompetenz preisgegeben", sagt Balthasar Schramm, Präsident der deutschen Filiale von Sony Music, die zu den fünf Großunternehmen (Majors) zählt, die den Musikmarkt beherrschen.
Für deutsche Künstler wird es angesichts der Branchenkrise immer schwieriger, an Plattenverträge zu kommen. Investitionen in junge deutsche Musiker seien ein "Hochrisikogeschäft", sagt Schramm. Denn in anderen Ländern ist deutsche Musik - von wenigen Ausnahmen abgesehen - traditionell nahezu unverkäuflich. Selbst im Erfolgsfall sind also die Absatzchancen viel geringer als etwa bei britischen oder amerikanischen Alben. Auch Fernsehshows wie "Deutschland sucht den Superstar" bringen die Branche offenkundig nicht weiter, wenn es darum geht, mit deutscher Musik Geld zu verdienen. Zwar schafften manche der über das Fernsehen zu rascher Popularität gelangten Sänger hohe Plazierungen in den Charts. Doch bei der Bertelsmann-Musiksparte BMG, die die Superstar-Sänger unter Vertrag nahm, blieb wohl nur ein magerer Gewinn hängen. Den Löwenanteil kassierten der Fernsehsender RTL und der britische Erfinder des Showkonzepts, Simon Fuller.
Quersubvention
Angesichts ihrer beschränkten Absatzchancen ist Kostendisziplin für die Produktion deutscher Musik um so wichtiger. Diese Tugend haben die Plattenfirmen, die in den neunziger Jahren noch viel Geld verdient haben, freilich aus den Augen verloren. "Vor fünf Jahren wurden für die Produktion einer Single manchmal 60 000 Mark ausgegeben, für das Geld kann man ein ganzes Album machen", sagt Wintrup-Geschäftsführer Holzbaur. Jahrelang wurde die deutsche Musik durch die vergleichsweise sicheren Erträge aus der Vermarktung internationaler Stars quersubventioniert - eine Rechnung, die wegen der Musikkrise mittlerweile nicht mehr aufgeht. Sony-Chef Schramm will allerdings dennoch an der deutschen Musik festhalten: "Wir haben heute noch genauso viele deutsche Künstler unter Vertrag wie früher."
Dennoch ist in den neunziger Jahren trotz der damals guten wirtschaftlichen Entwicklung eine gewaltige Lücke beim Aufbau langfristig erfolgreicher deutscher Künstler entstanden. Ob Nena, Grönemeyer, "Die Ärzte" oder "Die Toten Hosen" - "die großen Namen stammen alle aus den achtziger Jahren", sagt Michael Haentjes, Vorstandschef der Hamburger Plattenfirma Edel Music, die zu den kleineren Unternehmen in der Branche gehört. Schramm sieht zumindest Sony Music auf gutem Weg. Im Ende März auslaufenden Geschäftsjahr werde Sony Music mit ihrem deutschen Repertoire trotz des schlechten Marktumfelds ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen. "Vor zwei Jahren haben wir noch einen zweistelligen Millionenverlust gemacht." Detaillierte Zahlen zum deutschen Geschäft veröffentlichen freilich weder Sony noch die vier anderen Majors.
Der Sony-Chef will auch in Zukunft auf Künstler aus dem eigenen Land setzen. "Das ist notwendig, denn diese Musik hat eine größere kulturelle Relevanz, die wir brauchen, wenn wir den Leuten in Zeiten des Raubkopierens vermitteln wollen, daß Musik einen Wert hat, für den sie auch bezahlen sollen." Wintrup-Branchenveteran Holzbaur hält ohnehin die Schwäche des deutschen Musikrepertoires für einen der Hauptgründe dafür, daß die Umsatzeinbrüche in Deutschland wesentlich stärker sind als in anderen Ländern. "Die Märkte, in denen das Geschäft zur Zeit besser läuft, haben alle ein stärkeres inländisches Musikangebot."
Auf Talfahrt
Das CD-Geschäft steckt seit Jahren und auf fast allen wichtigen Märkten in der Krise. Viele Jugendliche, die früher die Hauptkunden der Plattenkonzerne waren, geben ihr Geld mittlerweile lieber für Handys oder Computerspiele aus und laden Musik illegal aus dem Internet herunter. In Deutschland ist die Situation besonders dramatisch. Der Phonoverband schätzt, daß der Tonträgerverkauf in Deutschland 2003 um rund 20 Prozent - und damit doppelt so stark wie im Jahr davor - eingebrochen ist. In anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien hat sich die Talfahrt im vergangenen Jahr dagegen deutlich verlangsamt.
Text: theu. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2004, Nr. 56 / Seite 18
Bildmaterial: AP
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