Von Wolfgang Tunze
26. Juli 2005 Als vor 22 Jahren die ersten Sommerfrischler mit einem Kamkorder im Gepäck auf große Ferienreise gingen, hatte das Bekenntnis zum Spaß an selbstgedrehten Filmen noch etwas Demonstratives - und nicht selten geriet es sogar ein bißchen peinlich: Immerhin wog die Hardware für die eigenen Aufnahmen noch mehrere Kilo, die es galt, forsch auf die Schulter zu wuchten und an pittoresken Orten mit sicherem Stand und wichtiger Miene in Aufnahmeposition zu recken. Heute filmt der Tourist diskreter, entspannter und spielerischer.
Denn die Gerätschaften, die er dazu braucht, sind oft schon so zierlich, daß sie locker in die hohle Hand passen. Dennoch schießen die Elektronik-Knirpse schärfer, als es sich der Video-Amateur in den frühen achtziger Jahren hätte träumen lassen. Und obwohl sich nur noch eine Handvoll Hersteller mit der Produktion von Kamkordern befaßt - die wichtigsten heißen Canon, JVC, Panasonic, Samsung und Sony -, ist die Auswahl der handlichen Zwerge so groß, daß wir mit einer Kaufberatung helfen wollen, im Elektronik-Supermarkt die richtige Entscheidung zu treffen.
Analog ist nicht mehr zeitgemäß
Daß es sich um ein digitales Modell handeln sollte, setzen wir anno 2005 ohne lange Diskussion voraus. Die Analogtechnik ist zwar noch nicht ganz ausgestorben, erfüllt aber einfach nicht mehr zeitgemäße Ansprüche. Gute Digitalos für Einsteiger gibt es heute schon für 350 Euro, Mini-Kamkorder mit Top-Ausstattung kosten zwischen 900 und 1.500 Euro. Mittlerweile streiten bereits eine ganze Reihe verschiedener Digitalformate um die Käufergunst. Das älteste heißt Mini-DV und bezeichnet jene kompakte Digitalkassette, die Platz für 60 Minuten lange Aufnahmen in Standardqualität bietet.
Sie hielt viele Jahre lang das Monopol unter den digitalen Aufzeichnungsmedien. Auch heute noch filmen die meisten Kamkorder mit Mini-DV-Kassetten - aus gutem Grund: Die zierlichen Speicher konservieren die Bilder mit sehr großzügigen Datenraten und bieten damit mehr Spielraum für gute Qualität als alle neueren Konkurrenzformate. Auch wenn das Magnetband allenthalben aus der Mode kommt - wer sich für einen DV-Kamkorder entscheidet, macht keinen Fehler, die kleine Kassette hat noch ein langes Leben vor sich.
Ohne Umspulen: bespielbare DVD
Die neueren Aufzeichnungsmedien bestechen allerdings mit mehr Komfort. Die acht Zentimeter große Variante der bespielbaren DVD (30 Minuten Spielzeit auf einer Seite) beispielsweise erspart umständliches Umspulen: Sobald die Aufnahme im Kasten ist, zeigt sie sich mit einem kleinen Index-Bildchen im Monitor-Schirm, und dann genügt ein Tasten-Klick, um die Szene zur Wiedergabe abzurufen. Scheiben vom Typ DVD-R (einmal bespielbar) lassen sich zudem in jedem DVD-Player abspielen.
Sie sind deshalb perfekte Austausch-Medien: Einfach den Rundling aus dem Kamera-Laufwerk herausfischen, in ein Kuvert stecken, Briefmarke drauf, und schon bekommt die Oma einen Live-Mitschnitt vom Kindergeburtstag ihres Lieblings-Enkels. Und weil der DVD-Standard auch die Möglichkeit einschließt, den Ton in Mehrkanal-Technik zu verewigen, baut Sony in sein DVD-Kamkorder-Modell DCR-DVD403 sogar ein veritables Surround-Mikrofon ein (F.A.Z. vom 14. Juni). So gelingen Videofilme mit verblüffend lebendigem Rundum-Klang nach Heimkino-Art.
Hohe Qualität trotz Daten-Spartrick
Obwohl die DVD die bewegten Bilder nur mit einem Bruchteil der Datenrate aufnimmt, die sich eine DV-Kassette einverleibt, erreichen DVD-Kamkorder ein ähnlich hohes Qualitätsniveau. Das hängt mit der Methode der Datenkomprimierung zusammen: DV-Kamkorder dampfen die Digitalinformationen für jedes Einzelbild separat ein. MPEG-2, der Kompressionsstandard der DVD, kodiert dagegen immer gleich ganze Gruppen von Einzelbildern: das jeweils erste und letzte Bild der Gruppe komplett, von den Bildern dazwischen nur jene Details, die sich durch Bewegung von Einzelbild zu Einzelbild verändern. Dieser Daten-Spartrick läßt die Filme auf der Fernseh-Mattscheibe nicht zwangsläufig schlechter aussehen. Er macht sich - theoretisch - erst dann bemerkbar, wenn es ans Schneiden und Nachbearbeiten der Aufnahmen geht.
Dabei muß die Schnittsoftware die fehlenden MPEG-Bildinformationen errechnen und nach getaner Arbeit wieder selektiv verschwinden lassen - eine Prozedur, die Qualitätsverluste mit sich bringt. Auffällig allerdings werden solche Artefakte, wie der Fachmann sie nennt, aber erst dann, wenn der Hobby-Filmer das Ausgangsmaterial in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten und mit komplizierten Szenenübergängen bearbeitet. Anspruchsvolle Video-Veredler sind also mit einem DV-Kamkorder besser beraten; wer seinen Schnittcomputer lediglich nutzt, um ein paar Szenen aneinanderzureihen, kann mit der DVD und ihrem MPEG-2-Format gut leben.
Charakter von Multimedia-Spaßmaschinen
Gilt das auch für jene Kamkorder-Generation, die auf eine Festplatte als Datenspeicher setzt? Die ersten Geräte dieser Gattung hatten eher den Charakter von Multimedia-Spaßmaschinchen; für Fernsehbildschirm- oder gar abendfüllende Eigenproduktionen waren sie gar nicht gedacht. Das änderte sich, als JVC in diesem Frühjahr mit einer Kamkorder-Serie namens Everio auf den Plan trat. Diese Geräte filmen, ebenso wie DVD-Kamkorder, in MPEG-2, und zwar auf Wunsch mit Datenraten, die das Niveau durchschnittlicher DVD-Aufnahmen sogar noch übertreffen. Und sie sind, anders als DVD-Kamkorder, sehr schnell startklar. Die ersten Modelle dieser Baureihe, GZ-MC200E und GZ-MC500E genannt, verwenden winzige, gerade einmal 42 Millimeter breite und fünf Millimeter dicke Wechsel-Festplatten vom Typ Microdrive.
Auf ein vier Gigabyte fassendes Exemplar passen in der besten, sehr fein genannten Auflösungsstufe 60 Minuten lange Video-Aufnahmen, in einer Schärfe, die es ohne weiteres mit DVD-Eigenproduktionen aufnehmen kann. Der Vorteil dieser Bauform liegt auf der Hand: Selbst das größere der beiden Maschinchen geriet winziger als alles, was eine Kassette oder eine Scheibe rotieren läßt. Eben erst auf den Festplatten-Geschmack gekommen, geht der Hersteller gleich noch einen Schritt weiter. Die nächsten vier Everios, GZ-MG20 bis GZ-MG50 genannt und für September angekündigt, werden mit dauerhaft eingebauten Festplatten vom Kaliber 20 oder 30 Gigabyte arbeiten; bis zu sieben Stunden lange Aufnahmen in der höchsten Qualitätsstufe passen in den größeren der beiden Speicher.
Speicher-Chipkarten statt Mechanik
Panasonic und Samsung schreiten noch konsequenter voran in der Technik-Evolution, mit Kamkordern, die ganz auf mechanische Medien verzichten und statt dessen mit Speicher-Chipkarten filmen. Solche Apparate passen dann in die Hemdtasche, und wenn sie obendrein noch ein zweites Objektiv zum Anstöpseln mitbringen wie das originelle Samsung-Modell VP-X110L, dann ist Spaß programmiert. Aber man muß auch wissen: In der Qualität bleiben diese Geräte, auch das immerhin in MPEG-2 filmende Modell SV-AV100 von Panasonic, noch recht weit hinter den Kamkordern mit rotierenden Speichern zurück. Sie taugen eher für launige Clips auf dem PC-Monitor als für das private Heimkino auf dem Großbildschirm im Wohnzimmer. Denn die Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen Kamkordern haben nicht allein mit Datenraten und Kompressionsverfahren zu tun, sondern mindestens ebensoviel mit der Qualität der optischen Baugruppen, der Sensor-Chips und der audiovisuellen Signalverarbeitung.
Ein gutes Objektiv zeichnet sich zum Beispiel durch hohe Lichtdurchlässigkeit aus, ganz banal zu erkennen am großen Objektivdurchmesser und am Wert der Lichtstärke (je kleiner die entsprechende, zumeist am Rand der Frontlinse eingravierte Zahl mit einer Eins oder einer Zwei vor dem Komma, desto besser). Ein gutes Objektiv sollte zudem die Geometrie der Motive möglichst wenig verbiegen; vor allem im Weitwinkelbereich neigen die meisten Linsen-Sätze zu dieser Unart. Sie läßt sich leicht testen: Einfach in der Aufnahmebereitschaft einen Türrahmen so anpeilen, daß sich die vertikalen und horizontalen Kanten möglichst weit am Bildrand befinden, und schon zeigt sich, ob sich die Balken biegen oder nicht.
Ein-Chip- oder Drei-Chip-Modell?
Allerdings: Die Kamkorder-Hersteller meiden diese tückische Schwachstelle gern, indem sie fast sämtliche Modelle einfach mit Weitwinkel-Perspektiven ausrüsten, die kaum diesen Namen verdienen. Auf die Verhältnisse von Kleinbild-Kameras umgerechnet (nur so werden Kamkorder-Brennweiten vergleichbar), liegen die Weitwinkel-Einstellungen typischerweise bei 45 Millimeter. Wer in geschlossenen Räumen filmen will, braucht aber häufig breitere Aufnahmewinkel, also das Kleinbild-Brennweiten-Äquivalent von etwa 35 Millimeter. Hier hilft nur die Fahndung nach jenen Exoten, die solche Sichtweisen anbieten, oder eine spezielle Weitwinkel-Vorsatzlinse muß her, die genau zum Objektiv-Durchmesser paßt und möglichst wenig Licht in den Ecken des Bildes abschattet - das kann man im Fachgeschäft leicht ausprobieren.
Was die Sensoren hinter den Linsen betrifft, so setzen die Hersteller in den gehobenen Kamkorder-Preisklassen immer häufiger auf das Prinzip: Drei Augen sehen mehr als eins. Also pflanzen sie ihren Zöglingen drei Aufnahme-Chips ein und dokumentieren diesen Umstand werbewirksam mit dem Schriftzug 3CCD am Gehäuse. Daß die somit vorhandene dreifache Pixel-Anzahl schärfere bewegte Bilder einfange, ist ein Irrglaube: Für das Mattscheibenbild braucht man haargenau 768 mal 576 Pixel, jeder Überschuß dient anderen Zwecken. Drei auf die Grundfarben spezialisierte Chips können aber für besonders farbtreue Aufnahmen sorgen. Und sie können das Farbrauschen, also lästiges Flackern in dunkleren, großen Farbflächen, sichtbar verringern. Allerdings gelten diese Eigenschaften nicht absolut: Die Grenzen zwischen guten Ein-Chip-Modellen und weniger gelungenen Drei-Chip-Konstruktionen sind durchaus fließend.
Hohe Standbildauflösung
Drei-Chip-Lösungen lassen sich von cleveren Ingenieuren aber auch noch anders verwerten: Panasonic und JVC nutzen sie zur wundersamen Pixelvermehrung im Foto-Modus, den die Kamkorder der gehobenen Klassen heute durchweg beherrschen. Indem einige der Dreichipler einfach mit einem Grün-Sensor arbeiten, der um eine halbe Pixelbreite gegenüber seinen auf Rot und Blau spezialisierten Sensor-Geschwistern verschoben wurde, ergibt sich eine treffliche Basis für die Interpolation zusätzlicher Bildpunkte. Auf diese Weise bringt es zum Beispiel der Festplatten-Wicht GZ-MC500E von JVC auf stolze 5 Megapixel Standbild-Auflösung.
Das ist ein feineres Raster, als es so mancher digitale Fotoapparat hergibt; scharfe Ausdrucke im DIN-A4-Format sind kein Problem. Kann die Digitalkamera also zu Hause bleiben, wenn der Kamkorder mit ordentlichem Pixelraster knipst? Geht es um Familienschnappschüsse am Strand, so taugen schon Kamkorder mit zwei Megapixel als Digitalkamera-Ersatz. Anspruchsvollere Motive, für die man zum Beispiel einen sehr weiten Aufnahmewinkel, denkbar geringe Verzögerungszeiten, hohe Lichtempfindlichkeit, einen sehr schnellen Autofokus oder einen Makro-Modus für besonders geringe Distanzen braucht, fängt eine gute digitale Fotokamera nach wie vor besser ein.
Lupenreines Heimkino
Der Dia-Abend mit der Standbild-Ausbeute des Kamkorders macht am Ende besonders viel Spaß, wenn auf dem Medienregal im Wohnzimmer bereits ein moderner Flachbildfernseher mit hoher Auflösung thront. Das gilt natürlich auch für die eigenen Videos. Die Freude am bewegten Bild erfährt allerdings noch eine Steigerung, wenn der Kamkorder bei seinem nächsten Einsatz im Breitbild-Format 16:9 filmt, um später bei der Vorführung die gesamte Fläche des Heimkino-Bildschirms zu füllen. Immer mehr Modelle verstehen sich auf die 16:9-Aufnahme; es lohnt sich, auf dieses Detail zu achten: Eigene Aufnahmen in cineastischer Breite wirken stets besonders eindrucksvoll. Für weitere Steigerungen der Lust am Selbstgedrehten gibt es dann nur noch eine Option: die Anschaffung eines Kamkorders, der bereits in High-Definition-Qualität mit 1080 Zeilen filmt.
Bis zum Frühsommer dieses Jahres ging das nur mit einem ziemlich kostspieligen, halbprofessionell ausgestatteten Kaventsmann von Sony, der mit seinem Volumen und seinem stattlichen Auftritt ein wenig an Kamkorder-Gründerzeiten gemahnte. Jetzt setzt der Hersteller bereits mit einem zweiten, reisetauglichen Modell namens HDR-HC1 nach, das mit einem Preis um 2000 Euro sogar erschwinglich ist. In die hohle Hand paßt der brandneue Scharfblicker immer noch nicht. Aber er revanchiert sich für seine etwas gewichtigere Präsenz mit traumhaft detaillierten Aufnahmen, die erst so richtig zeigen, was in einem großen, hochauflösenden Plasma-Bildschirm steckt - lupenreines Heimkino eben.
Text: F.A.Z., 26.07.2005, Nr. 171 / Seite T1
Bildmaterial: Hersteller
Britische Regierung will Banken ![]()
Nachfrageschwäche: Volvo entlässt 3300 Leute
Angst vor globaler Rezession: Dax zeitweise unter 5000 Punkten
Am Rand der Krise: Jetzt haben Goldbarren und Fernseher Konjunktur
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 4.998,91 | -6,15 |
| TecDax | 526,45 | -8,13 |
| DowJones | 9.447,11 | -5,11 |
| Nasdaq | 1.754,88 | -5,80 |
| STOXX 50 | 2.710,11 | -5,88 |
| Nikkei 225 | 9.203,32 | -9,38 |
| S&P 500 Zert. | 9,82 | -6,48 |
| Euro/Dollar | 1,36 | +0,44 |
| Bund Future | 117,67 | +0,33 |
| Gold | 912,70 | +2,72 |
| Öl | 85,76 | -1,06 |