Neue Trends im Web 2.0

Auf den Spuren von Youtube und Myspace

Von Holger Schmidt

10. April 2007 Im Internet herrscht wieder Gründerzeit. Im Gegensatz zur ersten Blütezeit in den Jahren 1999/2000 reichen nun schon vergleichsweise kleine Summen der Gründer oder Risikokapitalgeber, um Web-2.0-Seiten wie Myspace oder Youtube innerhalb weniger Monate groß zu machen. Allerdings ist ein Erfolg im „Mitmach-Web“ kaum planbar; selbst erfahrene Internetunternehmer wie Ralph Dommermuth von United Internet wagen keine Prognose mehr.

„Unsere Seite unddu.de kann ein Erfolg werden, aber auch völlig danebengehen. Wir wissen es einfach noch nicht“, sagt Dommermuth. Sein Trost: Nach dem Start am 19. April wird sich schnell herausstellen, ob seine Online-Gemeinschaft von den Internetnutzern angenommen wird. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Weltmarktführer Myspace hat seinen deutschen Ableger schon im März ins Netz gestellt.

„Ein bisschen verrückt, aber sehr erfolgreich“

Die ganze Internetbranche ist mal wieder auf der Suche nach der nächsten großen Idee im Netz. Als heißer Favorit gilt zurzeit die amerikanische Seite Twitter.com. Dort können die Nutzer kurze Mitteilungen bis zu 140 Zeichen per SMS auf das Handy, als Echtzeitnachricht über Instant-Messaging-Programme oder per Internetsoftware an beliebig viele Menschen versenden und sie damit auf Schritt und Tritt an ihrem Leben teilhaben lassen.

„Twitter folgt konsequent dem Trend, seine Person im Netz zu entblättern, jetzt eben realtime“, charakterisiert Blogger Robert Basic, der Twitter einen ähnlichen Suchtcharakter wie der SMS zutraut. „Die Seite ist ein bisschen verrückt, aber sehr erfolgreich“, sagt der frühere Chefwissenschaftler von Amazon, Andreas Weigend. Ein Nutzer könne seinen Freunden über Twitter mitteilen, was er gerade tue. Aber mit Twitter lassen sich auch Gruppen in Echtzeit organisieren.

Kampf gegen Verletzung der Urheberrechte

Auch der Seite Scribd.com wird das Potential zugetraut, einen neuen Hype auszulösen. Vereinfacht gesagt, ist Scribd die Textversion von Youtube, also eine Plattform, auf der Nutzer Texte aller Art hochladen können, um sie anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen. Scribd eignet sich für Verlage und Autoren, die auf ihre Publikationen aufmerksam machen wollen, ebenso wie für Schüler und Studenten, die Hausarbeiten einfach und anonym verbreiten wollen.

Ähnlich wie Youtube kämpfen die Scribd-Macher gegen die Verletzung der Urheberrechte. Zurzeit können die Beiträge, die gegen den Willen der Rechteinhaber auf die Seite gestellt werden, noch einzeln gelöscht werden. Sollte Scribd ein ähnlich rasantes Wachstum wie Youtube schaffen, sind schnell automatische Systeme zum Schutz der Urheberrechte nötig.

Inhalte automatisch auf neuestem Stand gehalten

Dass kleine Anbieter auch Branchengiganten wie Google oder Microsoft schlagen können, zeigt Netvibes.com. Das in Paris gegründete Unternehmen hat eine moderne, sehr einfach zu bedienende Startseite für das Web 2.0 gebaut. Dort können die Nutzer Informationsangebote aller Art, E-Mails, Fotos oder Videos nach Belieben auf einer Seite zusammenstellen. Die Inhalte werden - ohne manuelle Aktualisierung - automatisch auf dem neuesten Stand gehalten, da es sich um sogenannte RSS-Feeds handelt.

In Deutschland überzeugt Qype.de. Gründer Stephan Uhrenbacher lässt die Internetnutzer in typischer Web-2.0-Manier ein Branchenbuch zusammenstellen, das Anbieter aufgrund persönlicher Empfehlungen auflistet. Rund 25 000 registrierte Mitglieder haben inzwischen rund 50.000 Bewertungen für Geschäfte, Restaurants oder Dienstleister aller Art geschrieben. Rund 700.000 Nutzer haben im vergangenen Monat die Seite aufgesucht; jeden Monat kommen rund 20 Prozent hinzu. Seit Februar vermarktet Qype lokale Werbung auf den Seiten.

„Kreditnehmer und -geber teilen sich die Marge“

„Ende 2008 wollen wir profitabel sein“, sagt Uhrenbacher. Auch für ihn heißt der Hauptkonkurrent Google. „Der Markt für lokale Werbung ist riesig. Dazu gehören nicht nur die Einträge in die Gelben Seiten, sondern auch die Werbung in lokalen Zeitungen. Google geht diesen Markt aggressiv an. Hier heißt die Devise zurzeit: Alle gegen Google“, sagt Uhrenbacher. Allerdings ist auch Qype auf die Suchmaschine angewiesen: Deutlich mehr als die Hälfte aller Qype-Nutzer kommen von Google auf seine Seite.

Ganz frisch auf dem Markt ist Smava.de, wo sich Nutzer gegenseitig Kredite geben können. Der Vorteil: „Kreditnehmer und -geber teilen sich die Marge, die sonst die Bank einstreicht“, sagte Gründer Alexander Artopé. Ein Prozent der Kreditsumme muss der Schuldner an Smava zahlen. In Amerika und Großbritannien funktionieren diese Modelle schon seit Jahren. Für die Sicherheit aller Beteiligten sei gesorgt. „Wir haben ein Jahr lang mit der Bafin alle Kriterien für die Kreditvergabe besprochen. Das ist alles wasserdicht“, sagt Artopé.



Text: F.A.Z., 10.04.2007, Nr. 83 / Seite 23
Bildmaterial: Qype.de, Scribd.com, Smava.com, Twitter.com

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von Holger Schmidt, 07.10.2008 10:57

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