Computerspiele

Europas Spielerparadies heißt Leipzig

Von Holger Schmidt

Gerne gesehener Gast auf der Games Convention: Lara Croft

Gerne gesehener Gast auf der Games Convention: Lara Croft

15. August 2005 "Eigentlich war Leipzig als Standort für die Games Convention gar nicht erste Wahl der Spieleindustrie. Aber die anderen Messen wollten uns nicht haben", verrät Gerhard Florin, Europachef des weltgrößten Spieleentwicklers Electronic Arts. Das war ein Fehler. "Es gibt keine Messe, die so boomt wie die Games Convention", sagt Florin.

Mehr als 100.000 Besucher werden zur größten europäischen Messe für Computer- und Videospiele vom 18. bis 21. August in Leipzig erwartet. Die Ausstellungsfläche der Games Convention (GC) ist gegenüber dem Vorjahr um 46 Prozent auf 80.000 Quadratmeter gewachsen. 270 Aussteller, darunter alle führenden Unternehmen der Branche wie die Konsolenhersteller Sony, Microsoft und Nintendo oder Softwareproduzenten wie Electronic Arts, Konami, Ubisoft oder THQ, zeigen ihre neuen High-Tech-Spiele. Große Trends in Leipzig sind auch mobile Spielekonsolen und Online-Spiele.

„Vorurteile von Menschen, die noch nie gespielt haben“

Daß Europas wichtigste Spielemesse ausgerechnet in Deutschland so einen starken Zulauf hat, grenzt an ein Wunder. "Inzwischen gibt es eine halbe Milliarde Menschen auf der Welt, die sich mit interaktiven Spielen beschäftigen. Nur Deutschland ist dabei, diesen Trend zu verschlafen", klagt Florin. Etwa 10 Prozent der Haushalte besitzt eine Spielekonsole, während es in Amerika schon 30 Prozent sind. Auch im europäischen Vergleich liegt Deutschland zurück. In Großbritannien oder Spanien nutzen ebenfalls rund 30 Prozent der Haushalte eine Spielekonsole, in Frankreich sind es immerhin 18 Prozent.

Florin, der Deutscher ist, aber seit Jahren in London lebt und arbeitet, macht kulturelle Unterschiede für den Rückstand Deutschlands verantwortlich. "In Amerika oder Großbritannien wird viel mehr über den kulturellen Wert der Spiele diskutiert als in Deutschland", hat er beobachtet. Computer- und Videospiele werden in Deutschland meist mit Gewaltverherrlichung und Isolation der jugendlichen Spieler in Verbindung gebracht. "Wir kämpfen in Deutschland gegen größere Vorurteile als in anderen Ländern. Diese Vorurteile kommen meist von Menschen, die noch nie gespielt haben", sagt Florin.

„Videospiele besser als viele andere Spielsachen“

Seine These: Spiele machen schlau - auch schlauer als die Lektüre eines Buches. "Ich will damit nicht sagen, daß Bücher lesen dumm macht. Aber Spiele sind sehr anspruchsvoll zu lösen und zudem interaktiv. Die Kinder müssen sich zwei, drei, vier Stunden an einem Stück auf die Lösung eines Spiels konzentrieren und dabei ihr Gehirn sehr anstrengen", sagt Florin, der in der Erziehung einen wichtigen Grund für den deutschen Sonderweg sieht.

"Die Mütter haben in Deutschland eine höhere Kontrolle über die Spiele ihrer Kinder als in Amerika, England oder Frankreich. Aber viele Mütter wissen nicht, daß interaktive Computer- und Videospiele ihre Kinder besser auf die Zukunft vorbereiten als viele andere Spielsachen", sagt Florin, der eine Generationenspaltung festgestellt hat: "Die ältere Generation hat große Schwierigkeiten, Zugang zu den Spielen ihrer Kinder zu finden. Die Spiele sind technologiegetrieben und haben eine wesentlich höhere Einstiegshürde als zum Beispiel das Fernsehen." Es müsse vermieden werden, daß die Messe unterhalb des gesellschaftlichen Radars ablaufe.

„Der Markt hat noch enormes Potential“

Spieler und Spielebranche in Deutschland zeigen den Ehrgeiz, die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen, um den Markt zu entwickeln. Die Messeveranstalter haben sich daher wieder dem Thema Medienkompetenz verschrieben. Im Bereich "GC Family", der sich an Pädagogen, Eltern und Kinder wendet, werden Schul- und Lernsoftware sowie kindgerechte Medien gezeigt. "Wissensvermittlung muß nicht langweilig sein", sagt Angela Schierholz, Projektleiterin der Messe.

Neben Leipzig will sich Hamburg als Spielestadt etablieren und die Branche mit einem neuen Förderpreis unterstützen. Dafür hat Hamburg@work, eine Initiative für Medien, Informationstechnik und Telekommunikation, gemeinsam mit der Behörde für Wirtschaft und Arbeit den "Games Award" ausgelobt. "Der Markt hat noch enormes Potential", sagte Stefan Klein von Hamburg@work. "Darum wollen wir die junge Branche gezielt fördern und Standortvorteile nutzen."

Deutscher Markt gewinnt an Attraktivität

Der deutsche Markt ist im vergangenen Jahr um rund 15 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro gewachsen. Trotz des Rückstands in Europa gewinnt der deutsche Markt an Attraktivität für ausländische Anbieter. Jüngstes Beispiel ist das britische Unternehmen Play It, das eine Niederlassung in Hamburg eröffnet.

Play It hat sich auf sogenannte Budget-Spiele für Konsolen spezialisiert, die unterhalb des Marktpreises angeboten werden. "Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um unser Budget-Konzept für die Playstation 2 auch in Deutschland umzusetzen. Die Playstation 2 richtet sich nun verstärkt an den Massenmarkt-Kunden, und genau diese Zielgruppe wollen wir mit unseren Produkten ansprechen", sagt Mark Cale, Vorstandsvorsitzender von Play It.

Elf Millionen Deutsche auf Spiele-Seiten im Internet

Großes Wachstum zeigen auch die Online-Spiele. "Das ist in Asien schon ein gigantischer Markt", sagt Andreas Heinze, Chef des Telekommunikationsunternehmens Versatel. Heinze hofft, daß superschnelle Internetanschlüsse dieses Geschäft auch in Deutschland in Schwung bringen können. Das Interesse ist vorhanden. Nach einer Messung des Marktforschungsunternehmens Nielsen-Netratings nutzen elf Millionen Deutsche die Spiele-Seiten im Internet. Marktführer ist die Seite Gameduell, die im zweiten Quartal von 1,44 Millionen Menschen besucht wurde. Dort können die Nutzer online gegeneinander spielen. Auf den Rängen 2 bis 4 folgen die Spieleangebote der großen Portale AOL, T-Online und Yahoo.

"Der Online-Spiele-Sektor in Deutschland ist sehr stark fragmentiert. Die führenden Anbieter liegen in bezug auf ihre Reichweite noch recht nahe beieinander. Das Rennen um die Top-Positionen bleibt also spannend", sagt Stefan Raum von Nielsen-Netratings. Online-Spiele werden mit den neuen mobilen Spielekonsolen an Bedeutung gewinnen. Zum Beispiel hat Sony der Playstation Portable (PSP) einen Webbrowser spendiert. Izumi Kawanishi, der Software-Entwicklungsleiter von Sony, verriet nun, daß Sony über eine E-Mail-Software für die Konsole nachdenke.

Text: F.A.Z., 15.08.2005, Nr. 188 / Seite 15
Bildmaterial: AP, F.A.Z., obs, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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