Suchmaschinen

„Google ist nicht gut genug“

Von Roland Lindner

Mitmachprinzip: Bald auch bei einer Suchmaschine

Mitmachprinzip: Bald auch bei einer Suchmaschine

22. November 2007 Jimmy Wales hat eigentlich allen Anlass, gut auf Google zu sprechen zu sein. Das von ihm gegründete Online-Lexikon Wikipedia schneidet nämlich auf den Trefferlisten der Suchmaschine von Google hervorragend ab: Ob der bei Google eingegebene Suchbegriff nun „Britney Spears“, „Angela Merkel“ oder „Jesus“ heißt: Bei den Ergebnissen steht der entsprechende Wikipedia-Eintrag zu diesen Namen ganz oben, an erster oder zweiter Stelle.

Die Chancen sind also sehr gut, dass der Nutzer sich von Google weiter auf die Wikipedia-Seite durchklickt. Google schickt auf diese Weise scharenweise Besucher zu Wikipedia. Das hält Wales aber nicht davon ab, den Internetgiganten zu attackieren und die Qualität seiner Suchtechnologie in Frage zu stellen: „Google ist nicht so gut, wie eine Suchmaschine es sein sollte“, sagte Wales der F.A.Z. Deshalb will er Google mit einer eigenen Suchmaschine Konkurrenz machen. Vor knapp einem Jahr hat Wales dies erstmals öffentlich angekündigt, und nun wird es allmählich ernst: „Wir wollen noch bis Ende des Jahres eine erste Testversion auf den Markt bringen", sagte Wales.

Ein gewinnorientiertes Unternehmen

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Abermals nimmt sich Wales vor, einen Markt aufzurütteln, genauso wie er das mit Wikipedia schon einmal gemacht hat. Wikipedia lehrte alteingesessene Lexikaverlage wie Brockhaus das Fürchten und revolutionierte die Art und Weise, wie Menschen sich Informationen beschaffen und Wissen aneignen. Es gibt aber einen gewaltigen Unterschied: Während Wikipedia ein gemeinnütziges Projekt ist, wird die Suchmaschine Teil eines von Wales gegründeten gewinnorientierten Unternehmens. Das Unternehmen heißt Wikia Inc., und Wales hat dafür Gil Penchina, einen langjährigen Manager beim Internetmarktplatz Ebay, zum Vorstandsvorsitzenden bestellt. Penchina hat die Aufgabe, sich ein Stück von einem lukrativen Markt zu holen, denn für Google ist die Internetsuche zu einer sprudelnden Geldquelle geworden.

Der Sprung von Wales auf das Revier wird in der Branche aufmerksam beobachtet, schließlich hat er mit Wikipedia schon eine geradezu sagenhafte Erfolgsgeschichte auf der Haben-Seite. Gestartet ist Wikipedia im Jahr 2001 mit einem Konzept, das zunächst abenteuerlich klang: Die Seite ist kostenlos und funktioniert nach dem Mitmachprinzip, die Inhalte kommen von den Nutzern. Wer immer Lust dazu hat und sich kompetent fühlt, kann Beiträge verfassen und ergänzen. Inspiration für Wikipedia war das Betriebssystem Linux, die lizenzgebührenfreie Alternative zu Windows von Microsoft. Auch hier gibt es eine Gemeinde von Nutzern, die an einer Verbesserung der Software arbeitet.

Suchmaschine übernimmt das Mitmachprinzip

Für das Mitarbeiten am Wikipedia-Lexikon muss man im Gegensatz zu Linux noch nicht einmal Programmierkenntnisse haben: Jeder Computernutzer kann auf einfachem Wege auf die Seite gehen und Einträge machen. Wales hat Korrekturmechanismen eingebaut, weil diese Politik der Offenheit die Seite auch sehr fehleranfällig macht, sei es durch bloße Unkenntnis eines Autors oder durch bösartigen Vandalismus. Eine ausgewählte Gruppe von Wikipedia-Nutzern versucht, die Seite frei von Fehlern und subjektiven Meinungen zu halten. Die engagierte Wikipedia-Gemeinde sorgte dafür, dass die Seite sehr schnell an Umfang gewann. Heute gibt es Wikipedia-Seiten in 250 Sprachen, auf denen sich insgesamt neun Millionen Einträge finden. Wikipedia ist eine der beliebtesten Internetadressen der Welt geworden: Das Marktforschungsinstitut Alexa setzt Wikipedia auf den achten Rang ihrer Liste der weltweit meistbesuchten Seiten, in Deutschland steht Wikipedia sogar auf Platz sieben.

Die geplante Suchmaschine von Wikia übernimmt das Mitmachprinzip von Wikipedia. Wikia will eine Grundversion eines Suchprogramms zur Verfügung stellen. Davon ausgehend, soll eine Nutzergemeinde an einer Verbesserung der Software arbeiten: Zum Beispiel indem sie am Programm mitschreiben oder die Reihenfolge von Ergebnissen bei einem Suchvorgang ändern, wenn sie nicht sinnvoll erscheint. „Im Prinzip kann jeder mitmachen, der einen Computer hat und programmieren kann“, sagt Penchina.

Wikia stellt zunächst nur eine primitive Rohversion

Gibt es denn bei bestehenden Suchmaschinen wie Google so viel Verbesserungsbedarf? „In erster Linie gibt es einen Transparenzbedarf“, meint Wales. „Das Google-System fällt ja gewissermaßen hinter verschlossenen Türen eine Entscheidung über die Ergebnisse und ihre Reihenfolge. Darauf muss der Nutzer blind vertrauen, weil die Mechanismen von Google nicht öffentlich bekannt sind. Genau diese Transparenz soll unser offenes Suchprogramm haben.“ Daneben haben Suchmaschinen nach Ansicht von Wales heute noch immer viele Schwachstellen, zum Beispiel bei lokaler Suche: „Es ist bis heute schwierig, mit Suchmaschinen Geschäfte oder Restaurants in der Nachbarschaft zu finden.“

Wales will noch nicht einmal versprechen, dass er mit seinem Projekt diese Defizite beheben kann, zumal das von Wikia zur Verfügung gestellte Suchprogramm zunächst wohl nur eine sehr primitive Rohversion sein wird. Er ist darauf angewiesen, eine engagierte Nutzergemeinde zu finden, die sein Grundgerüst verfeinert und optimiert. Aber Wales sieht diesen Kollektivgedanken als den aussichtsreichsten Weg zu einer besseren Suchmaschine.

Umsätze erzielen will Wikia mit Werbung

Er strebt mit seinem Projekt einen Marktanteil von 5 Prozent bei der Internetsuche an. „Die 5 Prozent sind etwas willkürlich gewählt. Wir wollen damit nur deutlich machen, dass wir an das Potential unserer Idee glauben“, sagt Wales. Heute dominiert Google das Geschäft klar mit einem weltweiten Marktanteil von mehr als 60 Prozent. Umsätze erzielen will Wikia ähnlich wie Google mit Werbung, die inhaltlich zu den Suchanfragen passt. „Ich sehe keinen Anlass, hier das Rad neu zu erfinden. Google hat einen Standard geschaffen für Werbung, die von Nutzern nicht als Belästigung empfunden wird.“

Die geplante Suchmaschine ist das zweite Projekt von Wikia. Gestartet ist das Unternehmen mit einer Sammlung von Themenseiten, die sich an bestimmte Interessengruppen richten. Beispiele sind Seiten zum Videospiel „World of Warcraft“, der Filmreihe „Star Wars“ oder der Fernsehserie „Die Muppet Show“, aber auch zu politischen oder religiösen Themen. Auf diesen sogenannten „Wikis“ stehen oft sehr ins Detail gehende Einträge von Fans und Interessengruppen, die für die reguläre Wikipedia-Seite zu ausführlich und spezifisch sind.

Suchprojekt unter großer Beobachtung

Wales nennt diese Wikis gerne den „Rest der Bibliothek“, sie sollen also das Online-Pendant zu Fachbüchern jenseits von allgemeinen Lexika sein. Nach Angaben von Penchina gibt es heute 5000 solcher Wikis in 70 Sprachen. Wikia erzielt auf diesen Seiten Umsätze mit Werbung. Dazu gibt es eine Allianz mit dem künftigen Wettbewerber Google, der mit seiner Werbetechnologie inhaltlich passende Anzeigen auf die Seiten stellt. Wie hoch die Umsätze heute sind, dazu will sich das Unternehmen nicht äußern. Die Zeichen stehen aber auf Expansionskurs: Wikia hat heute 40 Mitarbeiter, in ein bis zwei Jahren könnten es nach Angaben von Penchina einhundert sein.

Jimmy Wales steht mit seinem ehrgeizigen Suchprojekt heute unter ganz anderer Beobachtung als beim Start von Wikipedia. Damals war er ein gänzlich unbekannter Außenseiter, heute hat er einen Ruf als Internet-Revolutionär zu verteidigen. Außerdem ist er mit Wikipedia nach der anfänglichen Euphorie in den vergangenen Jahren auch zunehmend in Negativschlagzeilen geraten. Es gab einige öffentlichkeitswirksame Affären über fehlerhafte oder manipulierte Einträge bei Wikipedia, die für viel Kritik gesorgt haben. Wales gibt sich davon unbeeindruckt: „Ich versuche, die ganze Aufregung zu ignorieren. Gehen Sie davon aus, dass wir selbst unsere schärfsten Kritiker sind. Wir arbeiten ständig an neuen Ideen zur Qualitätskontrolle auf der Seite, damit wir den Kritikern von außen zuvorkommen.“

Text: F.A.Z., 22.11.2007, Nr. 272 / Seite 20
Bildmaterial: AP, dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
03.07.2009 | 23:04
Name Kurs in %
DAX 4.708,21 −0,22%
Eurostoxx 50 2.376,48 +0,29%
Dow Jones 8.280,74 −2,63%
MDAX 5.701,98 −1,04%
Nasdaq 100 1.446,28 −2,37%
Nikkei225 9.816,07 −0,61%
REX 365,27 +0,20%
SDAX 2.853,47 −1,32%
S&P500 896,42 −2,91%
TecDAX 618,50 −0,73%
Bund Future 121,57 € −0,02%
EUR/USD 1,3981 +0,22%
Gold 932,50 $ +0,32%
Rohöl Brent Crude 65,43 $ −1,43%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche