Online-Spiel

Und jedermann ging, daß er sich schröpfen ließe

Von Andreas Rosenfelder

22. Dezember 2006 Das „Christmas Village“ auf „Anarchia Island“ (Koordinaten 158, 122, 501) sieht ungefähr so aus wie ein Weihnachtsbasar nach der Klimakatastrophe. Über die schneebedeckte Insel im Polarmeer pfeift rauher Nordwind, ein vollständiges Santa-Claus-Gespann mit Rentieren und Ballerinen steht bereit, und eine schnaufende Eisenbahn dreht ihre immergleichen Runden. In ein paar Holzhütten kann man virtuelle Weihnachtsstrümpfe für 50 Linden-US-Dollar (L$) erstehen, eine riesige Eisskulptur mit einem holprigen Gedicht zum Thema „Liebe & Tod“ für stolze 1999 L$ und, nun ja, eine buntbemalte „Weihnachts-Bong“ für 70 L$. Also eine Wasserpfeife. Weiß der Teufel, was die mit der Ankunft Christi zu tun hat.

Nun liegt die dem Kapitalismus offenbar nicht ganz abgeneigte Anarcho-Kolonie in der dreidimensionalen Parallelwelt von „Second Life“ - einer Welt, die zur Zeit mit ebensoviel Einfallsreichtum und Geschäftseifer besiedelt wird wie der Wilde Westen von den Pionieren des neunzehnten Jahrhunderts. Das 2003 von den „Linden Labs“ in San Francisco ausgetüftelte Online-Universum mit eigener Währung leidet im Gegensatz zu den westlichen Gesellschaften nicht an Bevölkerungsschwund: Erst vor wenigen Tagen begrüßte das virtuelle Weltreich seinen zweimillionsten Bewohner. Und auch wenn der Linden-Dollar zum realen US-Dollar noch in einem Wechselkurs von zur Zeit 270,8 zu 1 steht und selbst die sündhaft teure Eisstatue mit dem schlechten Gedicht somit nur knappe sechs Euro kostet: In „Second Life“ werden jeden Tag mehr als eine halbe Million harter US-Dollar umgesetzt.

Erschließung des gelobten Landes

Erst im November brachte es eine Deutschchinesin mit Immobiliengeschäften zur ersten US-Dollar-Millionärin in „Second Life“. Und als die Weltherrscher von „Linden Labs“ den Kaufpreis für eine Insel von echten 1300 auf echte 1675 US-Dollar erhöhten, ging ein Aufschrei durch die Gemeinde. Doch die anarchische Frühphase der Erschließung dieses gelobten Landes ist längst vorbei - spätestens, seit mit „Reuters“ eine reale Nachrichtenagentur einen eigenen Korrespondenten ins „Zweite Leben“ entsandt hat und mit dem Axel-Springer-Verlagein ein reales Zeitungshaus dort ein Blatt an den Mann bringt (siehe Kasten).

Der Reuters-Mann vermeldet zum Beispiel, daß eine spanische Hilfsorganisation einen obdachlosen Avatar ins „Second Life“ eingeschleust hat, um Geld für soziale Projekte zu sammeln. Immer noch ist die Einbürgerung in „Second Life“ einfacher als die Einrichtung eines neuen E-Mail-Kontos, und die Benutzung gleicht einem simpelsten Computerspiel. Der eigene Avatar wird mit den Pfeiltasten gesteuert - und kann durch einfache Texteingabe mit jedem beliebigen Passanten ins Gespräch kommen, gleich ob es ums Geschäft geht, um digitale Wettergespräche oder um direkte Anmache.

Gratis-Bürger zweiter Klasse

Mittellose Gratisnutzer, die bei der Anmeldung ihre Kreditkartendaten nicht herausrücken und sich die Monatsgebühr von zehn US-Dollar sparen, fühlen sich schnell als Bürger zweiter Klasse. Nicht nur im Vergleich zu jenen vollkommenen Selbstdarstellern, die Experten rund 500 US-Dollar dafür zahlen, einen Avatar ganz nach ihrem körperlichen und ästhetischen Ebenbild schaffen zu lassen - die Erzeugung einer maßgeschneiderten Spielfigur dauert eine Schöpfungswoche.

Ohne Moos ist allerdings auch am Fest der Liebe wenig los, wenn sich die gesamte Zweitwelt in einen riesigen Ramschladen verwandelt und fast jeder Bewohner mit Grundbesitz einen Garagenverkauf eröffnet. So lockt zum Beispiel „Fireangel Ophelia“ Last-minute-Einkäufer vor dem Fest in ihren Laden in der Region Haean (Koordinaten: 241, 39, 68). Hier stehen ein Teller Rentierkekse für 25 L$ und ein knisternder, grüner Marmorkamin für schlappe 50 L$ herum. Hinter solchem handgebastelten Nippes können unmöglich jene chinesischen Sweatshops stecken, in denen ein neues Internetproletariat mit müden Fingern an Billigwaren für Kunstwelten wie „Second Life“ oder „World of Warcraft“ werkelt, die dann an spielsüchtige Westler mit Zeitmangel weitervertickt werden. Und auch die bösartigen Werkzeuge zur Produktspionage, die das Abkopieren von Designermöbeln oder schicken Klamotten in „Second Life“ erlauben und somit das ökonomische Gleichgewicht des Systems gefährden, dürften bei den Tassen mit Eierpunsch für 50 L$ keine Anwendung finden.

Virtuelle Fortbewegungsmittel

Doch in „Second Life“ sind öde Plätze meistens gottverlassen, denn anders als in der tatsächlichen Welt gibt es hier keinerlei Ortsbindung. Nicht nur der ansonsten höheren Wesen vorbehaltene Modus der Himmelfahrt steht mit der Bild-aufwärts-Taste jederzeit zur Verfügung, so daß die meisten Figuren nicht kreatürlich auf dem Boden entlangschleichen, sondern wie Superhelden durch die Lüfte düsen. Per Teleportierung kann man sich auch - wie im „Raumschiff Enterprise“ - jederzeit feinstofflich an jeden beliebigen Ort der Weltkarte übertragen, wobei die Koordinaten für Länge, Breite und Höhe eine Punktlandung ermöglichen.

Ihrer nur halbkörperlichen Doppelnatur nach sind die Charaktere in „Second Life“ eher Engel als Menschen; auch wenn verschiedene, wie man so sagt „erwachsene“ Formen der Zerstreuung und Vergnügung die Parallelwelt manchmal in eine zivilisierte Neuauflage von Sodom und Gomorrha verwandeln. Auf Pink Rose Island (181, 134, 22) bietet ein „RAZOR SHARK“ in Ausstellungshallen mit häßlichen Teppichen „Weihnachtsgegenstände, Tätowierungen, Erotikfilme, Pflanzen und andere Gartenaccessoires“ an. Gleich neben dem christologisch korrekten „Peace Tree“ mit Löwe, Lamm und Taube für 50 L$ stehen die Pappdamen in den Latexkostümen, die den Shop „Exclusive Desires“ bewerben.

Nicht von dieser Welt

Auf dem „Christmas Formal Ball“ in der „Coyote Ugly Bar“ in der Region Plush Terra (102, 197, 22) geht es da vergleichsweise gesittet zu - auch wenn in der Spelunke, wo Plakate von „Black Sabbath“ und „Guns'n'Roses“ an der Wand hängen, keine wirkliche Weihnachtsstimmung aufkommt. Selbst der Dresscode - Smoking für den Herrn, Ballkleid für die Dame - wird nur von den auf der übervölkerten Tanzfläche zappelnden Besitzern des Ladens ernst genommen. Leichtbekleidete Kellnerinnen hoffen auf Trinkgelder, ein leerer Tisch steht zum Armdrücken bereit, und ein mechanischer Bulle wartet darauf, bestiegen zu werden - natürlich nur gegen klingende Linden-Münze. Abgesehen von ein bißchen Stallgeruch erinnert hier sehr wenig an Bethlehem. Teleportierung, bitte.

Bei „Christmas at the Pool“, veranstaltet von einer Samantha Winthorpe in der Region Hartwick (24, 188, 36), ist die Party längst gelaufen. Zwischen 17 und 19 Uhr, also zur besten Zeit für Büroheimkehrer, hat hier DJ Maggymae an den Plattentellern gedreht - in Europa also zwischen 2 und 4 Uhr in der Frühe, denn in „Second Life“ gibt die pazifische Zeit der Macher den Takt vor.

Jemand hat die hundert Linden-Dollar für die beste Weihnachtsbadekleidung eingestrichen. Jetzt dreht nur noch ein trauriger Schneemann auf Kufen seine Runden auf dem zugefrorenen Schwimmbecken. Im Hintergrund wachsen auf Fototapeten nebelverhangene Winterwälder. Glocken scheppern, und über dem Eis steht eine von Rentieren und Lämmern umlagerte Krippe. Wir stellen uns einsam unter den Kitschaltar und versinken in stiller Andacht. Dieses Reich ist nicht von dieser Welt.

„The AvaStar“: Bild.T-Online erobert parallele Klatschwelt

Die Markteinführung wurde um drei Wochen verschoben: Bei der Arbeitszeit endet die Virtualität. Um den Titel der ersten Boulevard-Zeitung bei „Second Life“, die keine Informationen aus der real-konsumistischen Welt enthält, wurde lange gerungen: „SL News“ galt zwischenzeitlich als Favorit, erwogen wurde auch „Vlife“ und allen Ernstes „IM“. Entschieden hat man sich bei Bild.T-Online, dem findigen Verlagshaus, das sich damit an die Spitze der virtuellen Presse setzt, letztlich für die sicher beste Option: „The AvaStar“.

Die erste Ausgabe des wöchentlich erscheinenden, englischsprachigen, optisch indes deutlich eine Papierversion imitierenden Blattes umfaßt 31 Seiten, wobei der Hauptanteil auf Nachrichten entfällt, gefolgt von den Rubriken Mode, Veranstaltungen, Klatsch, Wirtschaft und Reise. Zunächst einmal ähnlich wie „Bild Mallorca“, möchte man meinen. Der Projektleiter Maurizio Barucca will im „AvaStar“ nicht nur seine Redakteure fabulieren lassen. Hinzu kommen über zwanzig neu angeworbene „In-world“-Reporter, virtuelle Journalisten also, die über virtuelle Themen berichten und dafür virtuelle, aber konvertierbare Linden-Dollars erhalten. Für sie wurde ein eigenes Outfit kreiert.

Das Berliner Redaktionsteam um Chefredakteur Rowan Barnett arbeitet eng mit den technischen Gestaltern von „pixelpark“ und der Marketingagentur „CScout“ zusammen. Aber was heißt hier Berlin? Man hat sich flugs ein sphärisches Verlagsgebäude programmiert, das eine ganze Insel einnimmt und auch besichtigt werden kann.

Bild.T-Online teilt übrigens mit, das Parallelprodukt sei „deutlich als Boulevardzeitung zu erkennen“ - falls daran jemand gezweifelt hat. Was aber ist das Beste daran? „Das Beste“, so verkündet die zugehörige Website: Die ersten vier Ausgaben sind gratis. Danach kostet der „AvaStar“ 150 Linden Dollar (42 Cent). Dabei ist das „E-Paper“ zu einem guten Teil werbefinanziert: Die Anzeigen beziehen sich hauptsächlich auf Produkte innerhalb der „Second Life“-Welt. Die Firmen jedoch sind altbekannte. Überhaupt kann erstaunen, wie schnell sich das Meta- dem Universum angleicht und alle Utopien von Konsumfreiheit verrät: Eine andere Welt ist offenbar nicht möglich. Die Zukunft des Journalismus aber hat unzweifelhaft begonnen. Wieder einmal. Ein erstes Anzeichen war vielleicht, daß auch die reale „Bild“-Zeitung mit „Bildblog.de“ längst einen fulminanten Widerpart im Internet gefunden hat.

Autor: @oju



Text: F.A.Z., 22.12.2006, Nr. 298 / Seite 33
Bildmaterial: AFP, Linden Research, REUTERS

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