SAP

Betriebsratsfreie Zone

Von Michael Roth, Walldorf

02. März 2006 Dietmar Hopp hat für Aufregung gesorgt. Kurz vor der am heutigen Donnerstag um 16 Uhr stattfindenden Betriebsversammlung, die über die Wahl eines Betriebsrates entscheiden soll, hat der SAP-Mitgründer und Großaktionär den Konzernsitz in Walldorf in Frage gestellt. Hopp befürchtet einen von Gewerkschaften bestimmten Betriebsrat bei SAP.

In einem offenen Brief an die „lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SAP“, schreibt Hopp, es gehe darum, eine Diskussion zu vermeiden, „ob Walldorf noch der richtige Standort ist als Zentrale eines Weltunternehmens der Softwarebranche ist, das sich im globalen Wettbewerb behaupten muß“. Es folgt der Hinweis, daß die Hauptwettbewerber keine fremdbestimmten Betriebsräte hätten.

Drei Mitarbeiter wollen es versuchen

In Regionalzeitungen, die rund um Walldorf erscheinen, hat Hopp seinen Ärger auch gezielt öffentlich gemacht. „Kein Unternehmen kann sein Hauptquartier so schnell verlagern wie eine Softwarefirma, ich fürchte, es würde nicht lange gefackelt werden“, mahnte er im „Mannheimer Morgen“. Wenn sich bei SAP Gewerkschaftsinteressen in einem Betriebsrat durchsetzen, dann werde das Unternehmen all das verlieren, was es heute auszeichne.

„Ich fürchte, daß SAP nicht mehr die Fähigkeit haben wird, am Standort Walldorf als Konzernzentrale zu fungieren“, machte Hopp in der „Rhein-Neckar-Zeitung“ deutlich. Sollten sich bei SAP ein gewerkschaftsgesteuerter Betriebsrat durchsetzen der Entscheidungen verlangsame, dann befürchtet Hopp auch, daß weniger Arbeitsplätze bei SAP in Deutschland geschaffen werden. Hopp war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Ein SAP-Sprecher wollte keinen Kommentar abgeben.

Seit der Gründung 1972 hat die SAP keinen Betriebsrat. Die Arbeitnehmerinteressen vertreten acht gewählte Belegschaftsvertreter im paritätisch besetzten Aufsichtsrat. Bisher waren alle Versuche von Gewerkschaften gescheitert, bei SAP Fuß zu fassen. Nun haben drei SAP-Mitarbeiter, unterstützt von der IG Metall, mit der nun anberaumten Betriebsversammlung einen erneuten Anlauf zur Etablierung eines Betriebsrates gestartet.

Arbeitnehmer im Aufsichtsrat

Bei der Betriebsversammlung geht es um die Wahl eines Vorstands für eine Betriebsratswahl. Dafür genügt die einfache Mehrheit der anwesenden Mitarbeiter. Eingeladen sind die Beschäftigten der SAP AG an den Standort Walldorf und dem benachbarten St. Leon-Rot, insgesamt rund 9.000. Mit einem Ergebnis wird erst spät am Abend gerechnet, wenn alle Stimmzettel ausgezählt sind. Sollte ein Wahlvorstand bestimmt werden, wird dieser Kandidatenlisten für eine Betriebsratswahl aufstellen. Gewählt werden die Kandidaten mit den meisten Stimmen. Fachleute rechnen, daß ein Betriebsrat bei SAP AG um die 35 Mitglieder umfassen müßte.

Hopp, der wie die SAP-Mitgründer Hasso Plattner und Klaus Tschira um die 10 Prozent der Aktien des Konzerns hält, wendet sich in dem Brief „in großer Sorge um die Zukunft der SAP persönlich“ an die Mitarbeiter. Die Interessen der Belegschaft seien in den vergangenen Jahren mit Augenmaß und ausgesprochen erfolgreich von den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat vertreten worden, „quasi in der Rolle eines informellen Betriebsrates“, schreibt Hopp.

In seinem Brief heißt es weiter, daß der Vorstand in einem klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland an den Standorten Walldorf und St. Leon-Rot eine Investition begonnen habe, die weitere Büroräume für mehr als 3.000 Mitarbeiter schaffe. Hopp verweist auf das zuletzt stagnierende Deutschland-Geschäft von SAP. Dennoch seien weitere Einstellungen beabsichtigt, weil Zuversicht herrsche, daß sich der Standort Deutschland im Wettbewerb behaupten könne.

In China warten viele

Man könne einen Betriebsrat nicht verhindern, und er wolle das auch nicht, sagte Hopp. Wenn es aber einen Betriebsrat bei SAP geben soll, dann müsse er mit eigenen Mitarbeitern besetzt werden, die etwas vom Geschäft verstehen. Ein von der IG Metall bestimmter Betriebsrat würde die Erfolgsgeschichte von SAP in Gefahr bringen.

„Die Leute sind von gestern. Sie würden SAP mit Bürokratismus überhäufen und die Flexibilität zunichte machen“. Die Gewerkschaft werde die Globalisierung nicht aufhalten. Es warteten viele Menschen in China, um den SAP-Job zu erledigen. SAP sei erfolgreich geworden, weil sie eine schlanke Hierarchie habe, weil Bürokratie immer bekämpft werde und das Prinzip der offenen Türen bei Konflikten eine Einigung auf vernünftiger Basis möglich gemacht habe.

Die Argumentation der Gewerkschaft, die SAP-Mitarbeiter müßten auch vor Selbstausbeutung geschützt werden, nennt Hopp eine Zumutung. „Die sollen doch selbst bestimmen, wie sie ihre berufliche Karriere gestalten möchten“, sagte Hopp. Er sehe darin ein Stück versuchter Gleichmacherei. SAP besitze absolute Flexibilität.

Wenn sich ein Beschäftigter nicht in Form fühle, arbeite er an einem Tag wenig oder gar nicht, an anderen Tagen könne er dafür problemlos auch mal zehn Stunden arbeiten. „Warum soll diese Praxis, die Mitarbeitern entgegenkommt, reglementiert werden?“, fragt Hopp. Provokant fragt er im Mitarbeiterbrief, „ob diese Herren als erstes Stempeluhren bei der SAP einführen werden?“.

Unabhängige Arbeitnehmervertreter gesucht

Hopp hofft, daß die drei SAP-Mitarbeiter, welche die Betriebsversammlung zur Betriebsratswahl initiiert haben, ihr Vorhaben aufgeben, wenn die Rückendeckung der Belegschaft ausbleibe. Wenn ein Betriebsrat nicht zu verhindern sei, dann könne er nur raten, daß er nicht gewerkschaftsgesteuert ist und „die SAP nicht mit der Krankheit infizieren, an der viele Unternehmen in der Wirtschaft leiden“. Die SAP-Mitarbeiter sollen zur Betriebsratswahl gehen und „zeigen, daß sie nicht fremdbestimmt werden wollen“, hofft Hopp. SAP wurde in der Vergangenheit bei diversen Wettbewerbern zum „besten Arbeitgeber“ gewählt.

Nach Angaben der bisherigen Arbeitnehmervertreter fühlt sich die „überwältigende Mehrheit der SAP-Mitarbeiter“ durch die derzeitige Form der Mitarbeiterbeteiligung über den Aufsichtsrat „gut repräsentiert“. Das sagte Stefan Schulz, einer der SAP-Belegschaftsvertreter im Aufsichtsrat. Die Mehrheit der Mitarbeiter wolle über die Arbeitnehmervertretung die eigenen Interessen und nicht von außen gesteuerte Gewerkschaftspositionen vertreten.

Sollte dennoch die Wahl eines Betriebsrates beschlossen werden, werden sich auch den Reihen der Mitarbeiter unabhängige Kandidaten finden, kündigte Schulz an. Dann könnten die Mitarbeiter selbst dafür sorgen, daß das Gremium mit ihren eigenen und nicht mit Interessenvertretern der Gewerkschaft besetzt werde. Das deckt sich mit Hopps Aussagen. „Gehen Sie zur Betriebsversammlung und zeigen Sie, daß Sie nicht fremd bestimmt werden wollen“, steht in seinem Brief.



Text: F.A.Z., 02.03.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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