14. März 2005 Natalya und Eugene Kaspersky sind das schillerndste Paar der Computerwelt. Gemeinsam leiten sie Kaspersky-Lab, Rußlands führendes Anti-Viren-Unternehmen mit Weltruf. Natalya, die studierte Mathematikerin, ist die Chefin, während Eugene, der früher Programme für das russische Verteidigungsministerium geschrieben hat, als Rußlands bester Virenjäger für die Technik zuständig ist.
Obwohl sie nicht mehr miteinander verheiratet sind, funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der reservierten, fast kühl wirkenden Natalya und dem lebenslustigen Eugene im Moskauer Unternehmen bestens. "Unser Umsatz ist im vergangenen Jahr um 80 Prozent gewachsen", sagt Natalya Kaspersky im Gespräch mit dieser Zeitung. Über die absolute Höhe des Umsatzes schweigt sie sich aus. "Wir sind ein privates Unternehmen." Geschätzt wird der Umsatz auf rund 20 Millionen Euro.
Private Internetnutzer nicht die Hauptzielgruppe
Ihre Programme, die Computer gegen Viren, Würmer und Hacker-Angriffe schützen, liegen in den Produkttests der Fachzeitschriften meist ganz vorne. Private Internetnutzer sind aber nicht die Hauptzielgruppe. "55 bis 60 Prozent des Umsatzes erzielen wir mit kleinen und mittleren Unternehmen", sagt sie. Das Geschäftsfeld mit dem größten Wachstum sind Lizenzen. "Wir geben Lizenzen unserer Technik an andere Unternehmen wie Surf Control, Messagelabs, G-Data und F-Secure. In diesem Geschäftsfeld haben wir 120 Prozent Wachstum erzielt. Und es wächst weiter", sagt Natalya Kaspersky.
Das 1997 gegründete Unternehmen mit 400 Beschäftigten erzielt seinen Umsatz vorwiegend im Stammland Rußland und im Rest von Europa. Im Januar haben die Kasperskys einen zweiten Versuch gestartet, auf dem hart umkämpften amerikanischen Markt Fuß zu fassen. "Wir waren einige Jahre in Amerika präsent, aber nur mit Hilfe von Vertriebspartnern. Jetzt wollen wir den Markt mit unserer eigenen Marke erschließen, vor allem im Feld der kleinen und mittleren Unternehmen", sagt Natalya Kaspersky. Die Büros sind in der Nähe von Boston und im Silicon Valley.
Microsoft setzt Branche unter Druck
Allerdings schläft die Konkurrenz nicht: Seitdem der Softwarekonzern Microsoft angekündigt an, in das Geschäft mit der Internetsicherheit einzusteigen, steht die ganze Branche unter Druck. Vor allem die Unternehmen, die Sicherheitsprogramme für die privaten Internetnutzer anbieten, bangen um ihr Geschäft, sollte Microsoft die Programme gleich in sein dominantes Betriebssystem Windows einbauen. Natalya Kaspersky gibt sich aber noch entspannt: "Unternehmen wie Symantec mit einem hohen Umsatzanteil mit Privatkunden werden davon betroffen sein. Wir machen aber nur 10 Prozent unseres Umsatzes mit Privatkunden", sagt sie. Sie erhofft sich sogar positive Impulse aus dem Microsoft-Einstieg: "Wir haben eine langjährige Partnerschaft mit Sybari, die ebenfalls von Microsoft gekauft wurde. Ich hoffe, daß der Einstieg von Microsoft uns zusätzliches Geld bringt." Aus der aktuellen Übernahmewelle in der Sicherheitsbranche will sie sich vorerst heraushalten. "Ich bin mir nicht sicher, ob wir andere Unternehmen kaufen sollten. Eine Fusion ist sehr schwierig. Vielleicht kaufen wir Technologie zu. Aber eine Entscheidung steht aktuell nicht an."
Hacker-Industrie
Viele Unternehmen, die Programme für die Sicherheit der Informationstechnik verkaufen, erleben zur Zeit einen Höhenflug. Der Grund liegt in den zunehmenden Bedrohungen aus dem Internet: "Wenn man sich die Entwicklung der Viren und der anderen Computerschädlinge anschaut, gibt es eine klare Tendenz: Sie stammen nicht mehr von jugendlichen Hackern, die ihr Können beweisen wollen. Mindestens 90 Prozent der Viren stammen heute von professionellen Virenschreibern, die damit Geld verdienen wollen", hat Eugene Kaspersky herausgefunden. In vielen Fällen seien die Internetkriminellen nicht auszumachen: "In der Hälfte der Fälle können wir die Computerschädlinge in ein Land zurückverfolgen. Die drei Hauptherkunftsländer sind Brasilien, China und Rußland. Der Grund ist die ökonomische Situation in diesen Ländern, verbunden mit einer guten technischen Ausbildung", sagt Eugene Kaspersky. Es gebe bereits eine regelrechte Hacker-Industrie. Aber noch sei genug Platz für neue Hacker-Gruppen. "Erst wenn die Hacker-Gruppen beginnen, sich gegenseitig zu bekämpfen, wird das schnelle Wachstum der Kriminalität gestoppt werden", vermutet er.
Kriminelle nehmen Handys ins Visier
Geld verdienen die Internetkriminellen zur Zeit auf drei Arten: mit dem Diebstahl persönlicher Kontodaten, mit unerwünschten Werbe-E-Mails (Spam) und mit Erpressung. Das nächste Tätigkeitsfeld hat Eugene Kaspersky bereits identifiziert: moderne Handys, sogenannte Smartphones, die mit Betriebssystemen ausgestattet sind. In ein oder zwei Jahren werden die Handy-Nutzer verstärkt auf diese Geräte umsteigen. Dann sei die Zahl der Geräte groß genug, um für Hacker interessant zu werden. "Die Mobilfunkindustrie ist auf die zu erwartende Virenwelle nicht vorbereitet. Die genutzten Betriebssysteme wie Symbian und Microsoft sind nicht sicher. Es ist auch gar nicht möglich, ein Betriebssystem zu entwickeln, das vollkommenen Schutz gegen Computerhacker bietet", sagt er voraus.
Das gilt auch für Autos, in die immer mehr Computertechnik eingebaut wird. Der Computerkonzern IBM hatte in einem Sicherheitsreport gewarnt, auch die Navigations- und Kommunikationssysteme der Autos seien vor Hackern nicht mehr sicher. Entwarnung gibt Eugene Kaspersky jedoch für die Fahrer deutscher Autos. "Die deutschen Hersteller nutzen spezielle Linux-Betriebssysteme, die nicht öffentlich verfügbar sind. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Systeme angegriffen werden, ist daher sehr gering", sagte er.
Text: ht., F.A.Z., 14.03.2005, Nr. 61 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wonge Bergmann
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