Internet

Radikalreform soll Ebays Wachstum ankurbeln

Von Holger Schmidt

11. Februar 2008 Der Internet-Marktplatz Ebay will mit der weitgehendsten Reform der Unternehmensgeschichte sein zuletzt lahmendes Geschäft wieder antreiben. Speerspitze der Reform ist der deutsche Marktplatz: Deutschland-Chef Stefan Groß-Selbeck streicht die Einstellgebühr für die Standardauktion privater Verkäufer und gibt den professionellen Händlern bis zu 36 Prozent Rabatt. Damit erhalten private Verkäufer und professionelle Händler vom 20. Februar an erstmals unterschiedliche Konditionen.

Ebay ist mit 19 Millionen Besuchern im Monat und 14,5 Millionen Käufern im vergangenen Jahr immer noch die größte deutsche E-Commerce-Seite, hat aber an Wachstumsdynamik eingebüßt und muss sich gegen immer stärker werdende Konkurrenten wie Amazon zur Wehr setzen. Um das Wachstum wieder anzukurbeln, nimmt das Unternehmen im ersten Schritt sogar einen fallenden Umsatz in Kauf. „Der Umsatz aus den Einstellgebühren geht natürlich runter. Aber wir erwarten uns natürlich mehr Wachstum des Handelsvolumens und damit auch wieder unseres Umsatzes“, sagte Groß-Selbeck (F.A.Z.-Blog „Netzökonom”: Das Interview mit Ebay-Chef Groß-Selbeck ).

Einstellgebühr für Standardauktion wird gestrichen

Alle Verkäufer auf dem Ebay-Marktplatz mussten bisher eine Einstellgebühr für die Aufnahme ihres Produktes und - im Fall des Verkaufs - eine Provision an Ebay zahlen. Dieses Grundprinzip wird für private Verkäufer erstmals geändert: „Als wichtigste Neuerung wird die Einstellgebühr für die klassische Ebay-Auktion, also die Auktion mit Startpreis ein Euro und Galeriebild, wegfallen“, sagte Groß-Selbeck. Im Gegenzug steigt aber die Verkaufsprovision: Mussten bisher zwischen 2 und 5 Prozent des Verkaufspreises an Ebay abgeführt werden, wird die Provision künftig 2 bis 8 Prozent betragen.

Koppelt Gebühren stärker an den Verkaufserfolg: Stefan Groß-Selbeck, Chef von...

„Wir wissen, dass sich viele Verkäufer schwer damit tun, eine Einstellgebühr zu zahlen, auf der sie sitzen bleiben, wenn das Produkt nicht verkauft wird. Die Verkäufer sind eher bereit, eine Verkaufsprovision zu zahlen, wenn das Produkt zuvor erfolgreich verkauft wurde“, sagte Groß-Selbeck. Schon im September hatte Ebay die Einstellgebühr für die Standardauktion halbiert. „Seit September haben wir jeden Monat 100.000 neue Verkäufer gewonnen, die oft gleichzeitig auch Käufer sind. Diese Reaktion bestärkt uns, jetzt diesen weiteren Schritt zu gehen“, sagte Groß-Selbeck.

Händler bekommen lange geforderte Sonderkonditionen

Fundamentale Änderungen führt Ebay auch für seine professionellen Händler ein. Rund 12.000 sogenannte Powerseller bestreiten einen großen Teil ihres Lebensunterhaltes mit dem Verkauf ihrer Produkte auf Ebay. Einstellgebühr und Verkaufsprovision richten sich künftig nach der Marge der Händler. „Die Margen im Geschäft mit hochwertigen Produkten der Unterhaltungselektronik sind gering. Wir werden daher die Einstellgebühr und die Verkaufsprovision für diese Produkte deutlich senken. Die Einstellgebühr für Handys über 100 Euro sinkt zum Beispiel von 3,20 Euro auf 1 Euro, und die Verkaufsprovision geht von 4 auf 3 Prozent zurück. Viele Händler, die gerne auf Ebay verkaufen möchten, aber bisher von einer zu geringen Marge davon abgehalten wurden, können jetzt kommen. Davon profitieren die Anbieter von Computern, Audio, Foto, Navigationsgeräten und Haushaltsgeräten“, sagte Groß-Selbeck.

Die Kopplung an die Marge gilt aber auch in die andere Richtung: „Bei anderen Produktkategorien wie Möbel und Wohnung, Sport oder Spielzeug knüpfen wir die Gebühren stärker an den Verkaufserfolg. Das heißt: Die Einstellgebühr geht eher runter und die Verkaufsprovision leicht hoch. Wir wissen, dass unsere Verkäufer weniger Risiken tragen wollen, wenn Produkte nicht verkauft werden“, sagte Groß-Selbeck.

36 Prozent Rabatt für gute Powerseller

Die Powerseller können künftig bis zu 36 Prozent Rabatt auf ihre Verkaufsprovision erhalten - wenn sie sich entsprechend verhalten. „Verkäufer, die von Käufern gut bewertet sind und Paypal nutzen, können bis zu 36 Prozent Rabatt auf die Verkaufsprovision bekommen. Verkäufer, die diese Kriterien nicht erfüllen, können maximal 26 Prozent Rabatt bekommen“, sagte Groß-Selbeck. Für fast die Hälfte der Powerseller sollen die Änderungen eine Reduktion der Gebühren bedeuten.
Zudem werden schlecht bewertete Händler auf hintere Listenplätze verbannt. „Bisher erhalten die Nutzer, die ein Produkt suchen, eine Liste aller Artikel, die mit dem Suchbegriff übereinstimmen. Die Reihenfolge hängt bisher von der verbleibenden Zeit bis zum Auslaufen der Auktion ab. Nun ändern wir die Standardanzeige und sortieren die Artikel nach der Relevanz“, sagte Groß-Selbeck.

Produktsuche künftig nach Relevanz sortiert

Diese Relevanz habe mehrere Kriterien: Zum einen das Verhalten, das diese Suche in den Vergangenheit ausgelöst habe. „Ein Beispiel: Wer iPod eingibt, hat in der Vergangenheit neben dem eigentlichen iPod auch jede Menge Taschen, Akkus und sonstiges Zubehör zum iPod angezeigt bekommen - alles Dinge, die der Nutzer eigentlich gar nicht gesucht hat. Er will ja einen iPod. Wir haben nun analysiert, welche Produkte der Nutzer in der Vergangenheit tatsächlich gekauft hat und unsere Suche entsprechend angepasst. Wer iPod eintippt, bekommt dann auch iPods angezeigt“, sagte Groß-Selbeck. Daneben fließe in das Kriterium der Relevanz auch die Qualität der Verkäufer ein. „Wenn ein Verkäufer von Käufern schlecht bewertet wurde, insbesondere mit Blick auf die Angemessenheit der Versandkosten, wird er in der Suche künftig weiter unten erscheinen. Die guten Verkäufer werden mit einer guten Plazierung belohnt, die schlechten Verkäufer werden vom System schlechter behandelt und regelrecht abgestraft“, sagte Groß-Selbeck. Diese Verkäufer müssten sich darauf einstellen, dass ihr Geschäft schlagartig zusammenbrechen könne. Sie hätten aber die Chance, sich in der Rangliste wieder nach oben zu arbeiten.

Rachebewertungen werden ausgeschlossen

Außerdem ändert Ebay noch das Bewertungssystem. Verkäufer dürfen künftig Käufer nicht mehr bewerten. „Das wichtigste Ziel unseres Bewertungssystems ist, dass sich ein Käufer ein gutes Bild über die Qualität des Verkäufers machen kann. Denn der Käufer geht in der Regel in Vorleistung, indem er das Geld zahlt, bevor er die Ware bekommt. Dieses Ziel ist aufgrund der so genannten Rachebewertungen in Frage gestellt worden. Es ist immer wieder vorgekommen, dass ein Verkäufer, der von einem Käufer negativ bewertet worden ist, aus Rache auch den Käufer negativ bewertet hat, was aber oftmals ungerechtfertigt war. Viele Käufer haben sich daher nicht mehr getraut, negative Bewertungen abzugeben. Diese Rachebewertungen machen wir jetzt unmöglich. Der Käufer kann künftig seine ehrliche Meinung gegenüber dem Verkäufer abgeben“, sagte Groß-Selbeck. Im Gegenzug baue Ebay seine Kapazitäten aus, um gegen säumige Kunden vorzugehen.

Käuferschutz wird ausgeweitet

Der Marktplatz versucht auch, die Sicherheit des Handels zu erhöhen. „Ebay wird auch vom 20. Februar an den Käuferschutz auf dem deutschen Marktplatz an die Bezahlmethode Paypal koppeln und die Deckungssumme von bislang 500 Euro auf 1000 Euro verdoppeln. Der Paypal-Käuferschutz greift, wenn der Käufer die Ware trotz Bezahlung mit Paypal nicht erhält oder sie eindeutig von der Artikelbeschreibung abweicht. In solchen Fällen erhält der Käufer sein Geld nun bis zu einer Höhe von 1000 Euro ohne jeglichen Selbstbehalt und inklusive der Versandkosten von Paypal zurück“, sagte Groß-Selbeck.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z., F.A.Z./Holger Schmidt

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