Von Holger Schmidt
23. Oktober 2006 Für viele Fachleute hat Steve Berkowitz den derzeit schwierigsten Posten im Internet. Seit Mai führt er die Internetsparte von Microsoft und muß sich dabei gegen keinen geringeren Gegner als Google behaupten, der Microsoft Monat für Monat Marktanteile im Geschäft mit der Internetsuche und der Online-Werbung abnimmt.
Sicher, der Job ist nicht leicht. Und aus Sicht der Öffentlichkeit erscheint er schwierig, weil es ein Turn-around ist. Aber das habe ich in meinem früheren Berufsleben immer gemacht. Als Chef der Suchmaschine Ask.com habe ich auch Marktanteile gegen Google gewonnen. Ich denke, Microsoft hat mich eingestellt, damit ich das auch hier schaffe, sagt Berkowitz im Gespräch mit der F.A.Z..
Reichweite hat höchste Priorität
Seine Anti-Google-Strategie steht inzwischen. Reichweite hat die höchste Priorität bei Microsoft. Wir müssen so viele Nutzer wie möglich auf unsere Seiten bekommen. Die Aggregation dieser Reichweite erlaubt uns dann, eine große Werbebasis zu bilden, sagt Berkowitz.
Das Instrument heißt Windows Live und ist seit kurzem online. Das neue Produkt hat aber wenig mit dem Betriebssystem des Softwarekonzerns zu tun, sondern faßt alle Microsoft-Internetprodukte unter einem Dach zusammen: E-Mail, Internetsuche, ein Adreßbuch und vieles mehr, vor allem Angebote für die prosperierenden Online-Gemeinschaften.
Entwicklungsetat um 60 Prozent aufgestockt
Wie es im Internet heute chic ist, können sich die Nutzer die Anwendungen nach ihren Wünschen zusammenstellen, zum Beispiel ihre bevorzugten Nachrichtenquellen abonnieren. Windows Live ist das beste Paket an Internetprodukten. Der Weg, einen Marktführer zu attackieren, ist der Bau einer breiten Basis vieler Dienste und nicht der Versuch, besser als der Marktführer in seinem bevorzugten Gebiet zu sein, sagt Berkowitz. Microsoft läßt sich Windows Live einiges kosten. Erst im Sommer wurde der Entwicklungsetat für das Internet um 60 Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar aufgestockt.
Ein erster Erfolg soll sich schon bald einstellen. Ich hoffe, wir werden es noch in diesem Jahr schaffen, unseren Marktanteil wieder auszubauen. Wir setzen dabei auf unsere bestehende Nutzerbasis. 450 Millionen Menschen auf der Welt nutzen unsere Programme wie E-Mail oder Instant Messaging. Wir wollen diese Nutzer dazu bringen, auch andere Windows-Live-Produkte zu nutzen. Hier haben wir in der Vergangenheit keinen guten Job gemacht; das werden wir verbessern. Diese tief hängenden Früchte werden wir also zuerst ernten. Dann steigen wir in das Marketing ein, um auch die Nutzer zu überzeugen, die bisher keine Microsoft-Produkte einsetzen, sagt Berkowitz.
Das Spiel dauert fünf oder zehn Jahre
Gleichzeitig warnt er vor zu großen Erwartungen in kurzer Zeit: Mein Ziel ist: Die Menschen sollen emotionale Beziehungen zu Microsoft entwickeln. Mit der Spielekonsole Xbox haben wir das schon geschafft. Das gleiche müssen wir nun im Internet hinbekommen. Wir müssen reine Technologieprodukte zu emotionalen Produkten umwandeln. Wir müssen dahin kommen, daß die Menschen Microsoft als die ultimative Internet-Erfahrung ansehen. Dieser Wandel ist aber nicht in sechs oder zwölf Monaten zu erreichen. Das Spiel wird fünf oder zehn Jahre dauern, erwartet Berkowitz.
In dieser Zeit werden sich die Geschäftsmodelle im Internet verschieben. Internetsuche ist eine wichtige Komponente für den Erfolg im Netz, aber nicht die einzige. Heute reden alle über die Suche, weil die Menschen denken, daß dies der einzige Weg ist, um Geld zu verdienen. Aber es gibt mehr als die Suche. Am Ende des Tages werden Communities und Inhalte die wichtigsten Faktoren sein, um die Massen im Netz anzuziehen. Die Suche wird nur noch ein Werkzeug sein. Damit ändern sich auch die Kräfteverhältnisse im Internet: Entscheidend wird sein, wer die besten Erlebnisse mit Communities und Inhalten schafft, und nicht mehr, wer die beste Suchmaschine hat, sagt Berkowitz.
Youtube ist der Beweis, daß unsere Strategie richtig ist
Die große Bedeutung der Online-Gemeinschaften hat ihn jedoch nicht veranlaßt, Google die Video-Gemeinschaft Youtube vor der Nase wegzuschnappen. Ich sehe nicht ein, 1,6 Milliarden Dollar für Youtube zu zahlen, wenn wir schon 450 Millionen Nutzer haben. Da investiere ich das Geld lieber darin, die Nutzer enger an Microsoft zu binden. Außerdem können wir mit unserem Video-Angebot Soapbox gegen Youtube bestehen. In diesem Geschäft wird der Marktführer nicht alles bekommen. Wenn wir es schaffen, die privaten Videos mit Soapbox in unsere Produktfamilie einzubauen, haben wir einen großen Vorteil gegenüber einer Insel wie Youtube. Das Unternehmen muß erst einmal den Beweis antreten, Geld verdienen zu können. Und Google ist gezwungen, sein Geschäft über die Suche hinaus auszudehnen. Youtube ist für mich der Beweis, daß unsere Strategie richtig ist. Google ist nicht unbesiegbar, sagt Berkowitz.
Ich schaue mir gerade an, wo wir zukaufen müssen
Er weiß aber auch, daß sich Microsoft verstärken muß, um in dem gerade beginnenden Endspiel um die Vorherrschaft im Internet gegen die großen Rivalen Google, Yahoo und AOL bestehen zu können. Berkowitz denkt daher intensiv über Akquisitionen nach. "Microsoft kann sich Akquisitionen im Internet vorstellen. Denkbar sind Übernahmen, um unsere Reichweite zu erhöhen oder um Technologie oder Dienste einzukaufen. Ich schaue mir gerade an, wo wir zukaufen müssen, etwas selber entwickeln oder mit Partnern zusammenarbeiten. Microsoft hat die nötigen Ressourcen, um zu tun, was es tun muß", sagt Berkowitz.
Werbung im Internet, in Videospielen und im Internet-Fernsehen
Die Produktfamilie Windows Live soll zwar die Nutzer an Microsoft binden, aber das Geld soll die Vermarktungstechnik Adcenter einbringen. Adcenter ist ein wichtiger Teil für Microsofts Zukunft. Hier sieht Berkowitz Microsoft im Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Unsere Werbeplattform Adcenter ist nicht auf das Internet begrenzt. Wir können unseren Werbekunden auch lokale Fernseh- oder Radiowerbung verkaufen. Unsere Technik ist brandneu und kann die Zielgruppen besser erreichen, als andere Unternehmen es können - und das nicht nur auf Microsoft-Seiten, sondern im ganzen Internet. Außerdem kann die Adcenter-Technik auch Markenwerbung und Videowerbung verarbeiten. Das können andere ebenfalls nicht, sagt Berkowitz.
Er denkt schon weit über die Online-Werbung hinaus. Wir haben noch andere Eisen im Feuer: Werbung in Videospielen mit der Xbox und im Internetfernsehen. Die Kombination aus Werbung im Internet, in Videospielen und im Internetfernsehen - das ist etwas, was Microsofts Konkurrenten nicht haben, sagt Berkowitz, der für Gespräche mit der Deutschen Telekom nach Deutschland gekommen ist. Die Telekom hat gerade ihr Internetfernsehen gestartet, das auf Basis einer Software von Microsoft läuft. Die Werbung im Internetfernsehen ist bisher kaum entwickelt, bringt aber die Möglichkeit, Werbekunden gezielt anzusprechen. Die Zahl der Baustellen ist groß. Bei Microsoft muß ich in größeren Dimensionen denken, als ich es bisher gewohnt war, sagt Berkowitz.
Text: F.A.Z., 23.10.2006, Nr. 246 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z. - Edgar Schoepal
Bauindustrie: Schwierige ![]()
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