Microsoft und Yahoo

Die zwei Verlierer

Von Roland Lindner

04. Mai 2008 Steve Ballmer ist der reichste angestellte Manager Amerikas. Auf der „Forbes“-Liste wird der Vorstandsvorsitzende des Softwarekonzerns Microsoft mit einem Vermögen von 15 Milliarden Dollar geführt. Reicher sind in den Vereinigten Staaten nur Personen, die Unternehmen selbst gegründet oder geerbt haben, zum Beispiel Microsoft-Gründer Bill Gates oder der Investor Warren Buffett. Man sollte also meinen, Ballmer verfügt über herausragendes Managementgeschick.

Nach dem vorerst geplatzten Übernahmeversuch des Internetunternehmens Yahoo steht nun aber ein Fragezeichen hinter Ballmers Managementqualitäten. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder entpuppt sich der Rückzug des Microsoft-Angebots im Nachhinein als ein genialer Schachzug. Jerry Yang, der Vorstandsvorsitzende von Yahoo, könnte von enttäuschten Aktionären derart unter Druck gesetzt werden, dass er sich am Ende doch reumütig in die Arme von Ballmer flüchtet.

Ballmer ließ keine Möglichkeit aus, Yahoo zu brüskieren

Genauso gut möglich ist es aber, dass Ballmers Yahoo-Traum endgültig vorbei ist. Sollte wirklich das letzte Wort gesprochen sein, dann wird der gescheiterte Übernahmeversuch als Ballmers persönliches Fiasko gewertet werden. Ihm wird der Makel anhaften, keine wirklich großen Transaktionen unter Dach und Fach bringen zu können (der bislang größte Microsoft-Zukauf war der Online-Werbevermarkter Aquantive für 6 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr). Und er wird sich Fragen anhören müssen, ob er mit seinen taktischen Manövern den Übernahmeversuch in den Sand gesetzt habe.

Ballmer hat von Anfang an keine Möglichkeit ausgelassen, Yahoo zu brüskieren. Als er am 31. Januar in einem Brief an Jerry Yang den Übernahmeversuch ankündigte, sagte er unverblümt, dass Yahoo seit einem Jahr keine Fortschritte im Wettbewerb mache. Wenig Schmeichelhaftes hatte er auch zu sagen, als er Yahoo vor rund einem Monat eine dreiwöchige Frist setzte, um einem Verkauf zuzustimmen. Ballmer erklärte, die Lage bei Yahoo habe sich weiter eingetrübt, und das Unternehmen habe womöglich an Wert verloren. Er redete Yahoo so schlecht, dass man sich fragen musste, warum er überhaupt an einer Übernahme interessiert ist.

Ballmer gab darüber hinaus auch den Finanzmärkten sehr widersprüchliche Signale, welche strategische Bedeutung der Zukauf von Yahoo für ihn hat. Erst vermittelte er den Eindruck, die Übernahme von Yahoo habe alleroberste Priorität. Ballmer versprach, das Geschäft mit Internetsuche und damit verbundener Werbung zu stärken, „und wenn es das Letzte ist, was ich bei Microsoft tue“. Den Kauf von Yahoo beschrieb Ballmer als ein Mittel, um den gigantischen Rückstand zu verkürzen, den Microsoft heute in der Online-Werbung auf Google hat. Vor ein paar Wochen sagte Ballmer aber auf einmal, Microsoft könne auch gut ohne Yahoo auskommen.

Verhandlungstaktiken, die nicht aufgegangen sind

All diese Manöver könnten als Verhandlungstaktiken gewertet werden, um Yahoo zu Gesprächen zu drängen, dabei aber gleichzeitig zu vermeiden, dass der Preis allzu sehr in die Höhe getrieben wird. Nach dem Abbruch des Übernahmeversuchs lautet das Fazit aber zumindest für den Moment: Ballmers Taktiken sind nicht aufgegangen.

Aber auch Jerry Yang kann sich jetzt nicht als Sieger fühlen. Zwar hat er mehr Stehvermögen bewiesen, als ihm viele Beobachter zugetraut hatten. Er hat sich von Microsofts Attacken nicht einschüchtern und unter Zugzwang setzen lassen. Aber genau das könnten ihm die Aktionäre von Yahoo nun negativ auslegen: Yang wird sich wohl anhören dürfen, dass es ihm nach dem Microsoft-Angebot an Dringlichkeit gefehlt hat. Es könnte ihm vorgeworfen werden, er habe Microsoft abblitzen lassen, weil ihm der Verkauf an den Softwarekonzern persönlich widerstrebt.

Yang ist nicht in der Position, ein attraktives Kaufangebot zu ignorieren, denn Yahoo hat sich unter seiner Führung alles andere als gut entwickelt. Yang, der Yahoo zusammen mit David Filo im Jahr 1995 gegründet hat, rückte vor rund einem Jahr auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Es war eine Notaktion, denn Yahoo hatte im Wettbewerb mit Google zunehmend Boden verloren und enttäuschte regelmäßig mit seinen Quartalszahlen. Die Hoffnung an den Finanzmärkten, dass Yang das Ruder schnell wieder herumreißen kann, erfüllte sich aber nicht. Die schlechten Ergebnisse setzten sich fort, und die von Yang gestarteten Initiativen galten Analysten als zu zaghaft.

Yang flog mit einem Eindruck zurück - offenbar dem falschen

Entsprechend ging es mit dem Aktienkurs von Yahoo weiter bergab, und das Unternehmen wurde für den Übernahmeversuch von Microsoft verwundbar. Jerry Yang und Steve Ballmer haben sich noch am Samstag morgen getroffen, am Flughafen in Seattle unweit der Zentrale von Microsoft. Zu diesem Zeitpunkt deutete sich noch eine Annäherung an: Ballmer war bereit, sein Angebot auf 47,5 Milliarden Dollar aufzustocken, und Yang schraubte seine Forderungen zurück. Trotzdem lagen beide Seiten noch immer rund 5 Milliarden Dollar auseinander. Das Treffen endete ohne Ergebnis, nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ flog Yang aber dennoch mit dem Eindruck zurück nach Kalifornien, dass Microsoft noch einmal nachlegen werde. Ein paar Stunden später schickte ihm Ballmer aber einen Brief und erklärte den Übernahmeversuch für beendet.

Nach einem mehr als drei Monate währenden Gezerre zwischen Microsoft und Yahoo bleibt die Erkenntnis, dass es hier keinen Gewinner gibt: Microsoft hat für den Moment die Chance verpasst, im Wettbewerb mit Google einen großen Sprung nach vorne zu machen. Bei Yahoo werden viele Aktionäre der Chance hinterhertrauern, ihre Aktien mit einem deutlichen Kursaufschlag an Microsoft zu verkaufen. Weder Steve Ballmer noch Jerry Yang haben sich hier mit Ruhm bekleckert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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Beiträge: 219, letzter Eintrag: 23.07.2008

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