Von Thomas Thiel
08. August 2005 Ein neuer Begriff geistert durch Trendbüros und Zeitgeistsoziologien und verspricht ein Lehrstück in Sachen angewandter Zivilcourage: die Schwarmgesellschaft.
Er meint ein Bündel von Zivilisten, die sich über moderne Medien spontan organisieren, zunächst Mehrheiten bilden, dann konsensual Entscheidungen treffen, ihnen schließlich zur Durchsetzung verhelfen und nach getaner Arbeit auseinandergehen. Sie müssen sich weder gesehen noch Sympathie füreinander empfunden haben. Ihr Arbeitsverhältnis ist flexibel, dynamisch und zeitlich befristet. Was sie für kurze Zeit zusammenbringt, ist das gemeinsame Interesse für die Sache.
Knapp über zwei Millionen Artikel
Die freie Internetenzyklopädie Wikipedia ist der Musterschüler dieser Gesellschaft sich rastlos organisierender Individuen. Auf der Grundlage unverbindlicher Zusammenarbeit motivierter Wissensagenten hat sie seit ihrem Start im Jahr 2001 eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die sich neben dem unentgeltlichen Engagement ihrer Mitarbeiter vor allem einer genialen Logistik verdankt:
Die benutzerfreundliche Software ihrer Website, das sogenannte Wiki, ermöglicht es auch dem Laien, an der Erweiterung des Wikipedia-Archivs teilzunehmen und so zu seinem exponentiellen Wachstum beizutragen. Knapp über zwei Millionen Artikel zählt die Online-Enzyklopädie heute. Sie übertrifft damit Internet-Enzyklopädien wie Microsofts Encarta und rechnet sich zu den fünfzig meistbesuchten Seiten im gesamten Netz.
Offene Gemeinschaft von Gleichgesinnten
Das Fiebrige und Fessellose dieser Entwicklung lag schon im Titel des ersten internationalen Wikipedia-Kongresses in Frankfurt: Wikimania. Die Wikipedia-Gemeinde präsentierte sich als offene Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die von der geballten Medienaufmerksamkeit sichtlich geschmeichelt wirkte. Mit unbändiger Energie und durchdringendem Blick trat Wikipedia-Gründer und Vordenker Jimmy Wales ans Mikrofon und verkündete schneidig die Zukunftsvisionen des Projekts. Wer ihm zuhört, dem wird klar, daß der Lockruf der Freiheit den visionären Überschuß garantiert, der die aktivsten der rund 50.000 Mitarbeiter von Wikipedia oft mehrere Stunden am Tag unentgeltlich arbeiten läßt.
Auf dem Nährboden der OpenSource-Bewegung und der libertären Ideologie des Internets gewachsen, sieht die Wikipedia-Gemeinde im Netz das subversive Medium, mit dem sich ein von wirtschaftlichen und staatlichen Herrschaftsstrukturen freier Raum gestalten läßt. Die freie Software der Wikis gibt jederzeit Zugang zum Quellcode der Seiten. Auf ihrer Basis bildete sich eine graswurzeldemokratische Bewegung ohne kommerzielle Hintergedanken.
Das Wissen befreien
Bar jeglicher dialektischen Abwägung goß Wales seinen ungestümen Glauben an die Macht der Freiheit in ein griffiges Zehn-Punkte-Programm. Wir wollen das gesamte Wissen befreien, lautet sein Credo. Daß man auch die Wissenschaften durch Online-Publishing dem schnellen Zugriff zugänglich machen will, sekundierte ein Diskussionsteilnehmer. Gerade dieses Ansinnen aber wirft die Frage nach der Zuverlässigkeit des von Wikipedia verteilten Wissens auf, die der Kongreß bis dahin sorgsam vermieden hatte. Besteht die Befreiung des Wissens im Zeitalter seiner digitalen Modifizierbarkeit nicht vor allem in der Garantie seiner Qualität und weniger in seiner schieren Masse und schnellen Verfügbarkeit? Wer schafft das Vertrauen in die jederzeit manipulierbaren Realitäten des Netzes, wenn nicht eine strenge Qualitätskontrolle? Wikipedia entzieht sich diesen Fragen mit einem demokratischen Kompromiß. Es setzt auf das Prinzip der gegenseitigen Überwachung seiner Teilnehmer und vertraut darauf, daß sich im freien Spiel der herausgebenden Kräfte am Ende eine ausgeglichene Version durchsetzt.
Die Einträge, so schnell sie von jedem geändert werden können, bleiben gespeichert und einsehbar, neue Versionen sind immer dem kritischen Zugriff anderer Benutzer ausgesetzt. Eine wuchernde Struktur setzt sich so in Gang, die auf die Mündigkeit und Wachsamkeit ihrer Mitarbeiter setzt. Knappe drei Minuten benötigt die Community eigenen Aussagen zufolge, um einen Fall von offensichtlichem Vandalismus zu beseitigen. Auch spektakuläre Fälle von Lobbyismus konnten aufgedeckt werden, etwa als Mitarbeiter des Bundestages im NRW-Wahlkampf die Seiten der Spitzenkandidaten Peer Steinbrück und Jürgen Rüttgers frisierten. Weniger offensichtliche Fälle von Fehlinformation bleiben jedoch oft lange im Wikiarchiv stehen, und um weltanschauliche Fragen, etwa im Fall des Kreationismus oder der Abtreibungsfrage, entspinnen sich lang andauernde Edit-Wars, bei denen als letztes Behelfsmittel nur die Sperrung der Seite bleibt. Auch der neutrale Standpunkt, dem sich Wikipedia verpflichtet fühlt, läßt sich in solchen Fällen kaum wahren.
Eine politische Macht
Im Herzen des Projekts steckt somit die Demokratisierung der Wahrheitsfindung. Wikipedia organisiert das Weltwissen als Kompromiß und nimmt im Zuge seiner Demokratisierung seine Nivellierung in Kauf. Wenngleich man die Relativität des eigenen Anspruchs auf der Website vorbildlich darlegt, bleibt die mangelnde Qualitätskontrolle der wunde Punkt des Unternehmens. Ein article validation feature, das die mehrstufige Bewertung eines Artikels durch seine Benutzer zuläßt, soll hier in Zukunft zumindest partiell Abhilfe schaffen.
Vor dem stetigen Hintergrundklappern der Laptops dokumentierte der Kongreß auch das gestiegene Machtbewußtsein der Wikipedianer. Wir sind eine politische Macht, verkündete Wales. Er will diese Macht vor allem bei der Überwindung hierarchischer Gesellschaftsstrukturen einsetzen. Dafür steht insbesondere das Projekt Wikinews, eine freie Nachrichtenplattform, die in Ländern wie China zur Sprengung strenger Hierarchien und des staatlichen Informationsmonopols beitragen könnte. Weiteren Ehrgeiz verwendet man auf die Überwindung der digitalen Kluft: Das Projekt Wikibooks will Ländern der Dritten Welt, in denen Computer Mangelware sind, Wissen in Form von zu Büchern gepreßten Wikipedia-Artikeln bereitstellen.
Logik von Versuch und Irrtum
Hat Jimmy Wales Wikipedia auf einen Erweiterungskurs eingeschworen, der es in einem unübersichtlichen Gemischtwarenladen enden läßt? Die zahlreichen schon vorhandenen Projekte wie Wikisource (eine freie Quellensammlung), Wikicommons (eine Sammlung von Text-, Bild- und Musikdateien) oder Wikiquote (ein Zitatarchiv) und Zukunftsprojekte wie OnlinePublishing und E-Learning legen den Verdacht nahe, daß der Wille zur Erweiterung das Prinzip der ehrenamtlichen Mitarbeit überfordern könnte.
Skeptischen Fragen angesichts dieser selbstdekretierten Allzuständigkeit begegnen die Wikipedianer mit der entwaffnenden Logik von Versuch und Irrtum: Als nicht-kommerzielles Unternehmen könne man sich gescheiterte Projekte leisten. Wer an der Machbarkeit der neuen Vorhaben zweifelt, müsse sich auch die Frage gefallen lassen, ob er dem Unternehmen seinen bisherigen Erfolg zugetraut hätte. Eine Antwort auf die Frage nach der Verläßlichkeit ist das nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.08.2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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