18. Oktober 2009 Dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, ist eine Behauptung, die allen Geschichtsoptimismus in Frage stellt. Wenn jeder Fortschritt nur durch Opfer erreicht werden könnte, dürfte man ihn gar nicht wollen. Am Anfang auch der Literatur stehe der Krieg, so Claudio Magris; die Ilias“, heilige Bücher wie das Mahabharata“ und zum Teil auch das Alte Testament seien Kriegsbücher. Der Krieg erscheint als untrennbar mit dem Leben verbunden, als eine Notwendigkeit. Entscheidend sei aber, betonte Magris in seiner Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche, der Verführung zu widerstehen, Kriege für unausweichlich und schicksalhaft zu halten.
Zugleich aber gilt es, die zeitgenössischen Formen der Kriege zu erkennen und beim Klarnamen zu nennen. Der italienische Germanist und Schriftsteller erinnerte an die Millionen Opfer nach 1945: Der Dritte Weltkrieg hat stattgefunden.“ Und heute ist an die Stelle des Eisernen Vorhangs für Magris eine Mauer zwischen Nord und Süd getreten. Jede Grenze, die nicht als Durchgang, sondern als Bollwerk erlebt werde, bildet ein latentes Kriegspotential“. Der Historiker Karl Schlögel hatte zuvor auf seine unnachahmliche Weise Magris’ Heimatstadt Triest als Ort charakterisiert, in dem die Phantomschmerzen durch die abschnürenden Grenzziehungen des vergangenen Jahrhunderts besonders heftig klopften. Triest, einst viertgrößte Stadt der Donaumonarchie, sei, vergleichbar dem geteilten Berlin, ein auf Dauer gestelltes Provisorium zwischen den Welten“ gewesen und habe diesen Charakter eigentlich erst nach dem EU-Beitritt Sloweniens 2004 vollständig verloren.
Kaum ein hochrangiger und noch amtierender Politiker war zugegen
Schlögel deutete in seiner Laudatio, einem eleganten Gang durch das Werk des Preisträgers, dessen Kritik am Mythos des Habsburgerreiches als eine aufgeklärte Erneuerung desselben. Doch gerade der Vielvölkerstaat musste scharfe Grenzen ziehen. Jedes Land hat seinen Osten, den es abzuwehren gilt“ (Magris), und gerade in den Balkan-Kriegen der neunziger Jahre wurde, mit später, brutaler Konsequenz noch einmal ein hoher Blutzoll für weit zurückreichende Abwehrkämpfe gezahlt. Die Möglichkeit, die tödliche Macht der Grenzen“ zu neutralisieren, bestehe vielleicht einzig darin, so zitierte der Laudator den Geehrten, sich immer auch auf der anderen Seite zu fühlen, auch für sie Partei zu ergreifen“.
Für Magris- oder auch Schlögel-Leser war das alles nicht neu; gerade Schlögel war nach der Zeitenwende vor zwanzig Jahren zum Hauptvertreter einer therapeutischen Essayistik geworden, die die Brüche und Narben der Teilung Europas geistig zu verheilen half. Claudio Magris jedoch richtete den Blick mit deutlichen Worten über das mühsam zusammenwachsende Europa hinaus. Und gerade an dieser Stelle war zu bedauern, dass es kaum ein hochrangiger und noch amtierender Politiker in die Paulskirche geschafft hatte. Der hessische Ministerpräsident ließ sich durch seinen Europa-Minister vertreten; aus Berlin war allein der bald ausscheidende Wolfgang Tiefensee gekommen. So war der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker die höchste politische Autorität im Saal.
Zeugnis ungebrochenen Glaubens
Magris also sprach von den Flüchtlingen an den Küsten des Mittelmeers und geißelte scharf die hysterischen“ und in ihrer Brutalität symptomatischen“ Reaktionen auf eine solche mit einer Invasion verwechselte Exilsuche“. Die hier noch drohenden und aus Magris’ Sicht auch kriegstreiberischen Konflikte sieht man aus italienischer Perspektive schärfer als aus deutscher, doch ist Europa als Ganzes der Akteur. Die anwesende EU-Kommissarin Viviane Reding hat hoffentlich genau hingehört. Nicht erfreut wird sie auch darüber gewesen sein, dass Magris in Europa immer noch eine Parallelaktion“ im Sinne Musils sieht, eine im Leerlauf rasende Bürokratie also, die dabei aber schwach und zerrissen ist, kaum gerüstet für die weltweiten Dimensionen möglicher Katastrophen. Dabei sitze man am Rande eines Vulkans, der jederzeit ausbrechen könnte. Die Weltordnung, deren wir uns erfreuen, beruht zu einem großen Teil auf der Unordnung.“
Dass solche Kassandrarufe in der Paulskirche nicht wie eine düstere Untergangsprophetie wirkten, sondern eher als Zeugnis des ungebrochenen Glaubens an die Macht der Kultur und der Vernunft, war wohl allein dem Charme und dem rhetorischen Wohlklang des italienischen Akzents zu verdanken – und natürlich der Person des Preisträgers, dem man in seiner Freundlichkeit, Bescheidenheit und der leisen Selbstironie eine so schwarze Zukunftsvision gar nicht zutrauen wollte.
Die neuen Gesichter des Krieges überhaupt erst einmal zu erkennen wurde so zur unzeitgemäß-aufklärerischen Forderung dieser eindrücklichen Feierstunde. Der Krieg tarne sich, so Magris; tatsächlich verberge er sich auch in Hungersnöten, im Terror, im Organhandel, in Umweltkatastrophen. Die Lage in ihrer ganzen Fatalität erkennen und dennoch die Hoffnung behalten – diese beiden, einander scheinbar ausschließenden Haltungen wären dann gemeinsam die Eltern eines Friedens, der seinen Namen verdient.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS