Die schwedische Botschafterin in Deutschland, Ruth Jacoby, auf dem Weg zu Herta Müller
© dpa

Herta Müller

Nun kennt sie jeder

Am Tag, als Herta Müller den Nobelpreis für Literatur bekam, fuhren Journalisten zu ihrem Haus, Berlin, Stadtteil Friedenau. Einige hatten Blumen dabei, andere Bücher, die hielten sie in der Hand, während sie im Treppenhaus standen, vor der schweren Holztür, hinter der Herta Müller saß und nicht öffnete. Die Reporterin einer Boulevardzeitung steckte ihr eine Karte in den Briefkasten, auf der sie Glückwünsche formuliert hatte und die Bitte um ein Interview. Sie hatte Rumänisch geschrieben, eine Fähigkeit, die, aus welchen Gründen auch immer erworben, ihr an diesem Tag in der Redaktion einen Vorsprung verschafft hatte. Dabei war Rumänisch nicht mehr als die Sprache des Landes, aus dem Herta Müller vor mehr als zwanzig Jahren geflüchtet war. Später hielt ein Auto vor dem Haus. Eine Frau mit einem Blumenstrauß saß auf dem Rücksitz. Die Fotografen blitzten durch die Scheiben, und als sie ausgestiegen war, stellten sich ihr die Reporter mit Mikrofonen entgegen.
„Wie fühlen Sie sich”, fragte einer.
„Ich freue mich für Deutschland”, antwortete sie.
„Für Deutschland?”
„Für Deutschland und für sie.”
„Für sie?”
So ging es eine Weile hin und her, bis schließlich alle begriffen hatten, dass es sich hier nicht um Herta Müller handelte, sondern um die schwedische Botschafterin, die zum Gratulieren gekommen war. Letzte Zweifel beseitigte das Bild, das eine Redaktion ihrem Fotografen mitgegeben hatte, sicherheitshalber und zum Vergleich. Das ist erst eine Woche her, aber wenn Herta Müller jetzt über die Messe läuft, kann sie nirgends stehenbleiben, ohne dass sie Leute umringen. Eine schmale Frau mit einem strengen Gesicht, nun kennt es jeder.