18. Oktober 2009 Irgendwann bemerkte die Bildungsforscherin Maryanne Wolf, dass sie nicht mehr so lesen konnte wie früher. Und machte sich den Erhalt der vertieften Lesefähigkeit zur Mission. Wir lernen sie auf dem Literaturfestival Mantua als enthusiastische und verbindliche Forscherin kennen.
Vor allem, dass das Lesen alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Das Besondere am Lesen ist, dass der Mensch nie genetisch dazu programmiert wurde, es ist kein natürlicher Prozess. Im Unterschied dazu ist die Sprachfähigkeit programmiert. Das Sprechen ist ein Prozess, der sich nur entfalten muss. Das Lesen verfügt nicht über solche, eine genetische Sequenz. Es ist nicht nur genauso komplex wie Sprache. Es geht in meiner Sichtweise sogar noch über die Sprache hinaus.
Was wir neurowissenschaftlich bei der geschriebenen Sprache beobachten, ist die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu arrangieren. Das Studium des Lesens zeigt uns, wie sich das Gehirn umbildet und seine Kapazität erweitert, während es Lesen lernt.
Das Gehirn bildet ständig neue Schaltkreise. Beim Lesenlernen verknüpft es bisher unverbundene Gehirnareale, die genetisch für andere Dinge programmiert sind, für die visuellen, motorischen, konzeptuellen und sprachlichen Prozesse. Es wird so beim Lesen eine völlig neue Struktur gebildet, die unsere intellektuellen Fähigkeiten erweitert. Das ist eine Folge des phylogenetischen Prozesses, es hat sich über Millionen von Jahren entwickelt.
Der Ausgangspunkt ist die Fähigkeit zur Bildung von Repräsentationen. Wir können Informationen, die wir irgendwann einmal gesehen, gehört oder gefühlt haben, wieder hervorholen. Die Entwicklung dieses Vermögens war ein entscheidender Faktor für unser Überleben. Der dazugehörige Prozess findet im hinteren Teil unseres Gehirns statt. Man muss es sich vorstellen, als würden dort Millionen kleiner Bilder der Objekte aus unserer Umwelt produziert. Daraus können wir Muster bilden.
Was das Lesen dazu beiträgt, ist mit den Worten des Hirnforschers Stanislas Dehaene das neuronale Recycling“. Wir haben durch das Lesen unsere Fähigkeit zur Repräsentation von Gegenständen recycled“, also neu arrangiert, und wir nutzen dies, um Symbole zu repräsentieren. Die Neuronengruppen spezialisieren sich, und der kognitive Prozess beginnt automatisch abzulaufen. Das ist die entscheidende Entwicklung fürs Lesen. Alle Repräsentationen können so automatisiert werden, dass es dem Gehirn möglich wird, sie mit einer derartigen Geschwindigkeit zusammenzusetzen, dass man sie automatisch erkennen, sie mit dem dazugehörigen Laut, dem entsprechenden Wort verbinden kann. Das Wort enthält auch alle damit verbundenen Assoziationen und Bedeutungen. Das Lesen als das Bilden von Bedeutungen kann nicht entstehen, wenn nicht alle vorausgehenden Prozesse automatisch werden. Man hat 100 bis 200 Millisekunden Zeit, um zu verstehen, was ein Wort ist.
Ja. Lesen heißt nicht nur Informationen aufzunehmen. Das ist notwendig, aber nicht ausreichend, wenn wir Wissen erwerben wollen. Wissen bedeutet auch Einsicht und Interpretationsfähigkeit. Erst der Leseexperte kann diese deduktiven und inferentiellen Möglichkeiten nutzen. Das bedeutet Arbeit. Wir müssen beim Lesen semantische Systeme aktivieren. Wenn man so schnell fortschreitet, dass man diese Bedeutungen nicht mehr aktivieren kann, weil man nur nach Informationen Ausschau hält, verfehlt man einen wichtigen Aspekt des verstehenden Lesens. Ein ideales Gehirn kann dieses Gleichgewicht halten zwischen Effizienz und Vertiefung. Hier fängt das Lesen erst an und wir werden vom Lesen verändert. Wir werden biologisch und emotional reicher.
Ja, wir können die emotionale Ebene nur erreichen, wenn wir über das informationelle Lesen hinausgehen können.
Es gibt einen einzigartigen Aspekt der geschriebenen Sprache, die sie von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Im Heiligtum des Lesens, wie es Proust nannte, können wir bestimmte Gefühle erst riskieren. Wir können uns in einen Tyrannen hineinversetzen, in einen Mörder, wir können Anna Karenina oder Madame Bovary werden. Das Lesen ermöglicht uns diese Identifikation, und wir entdecken Dinge, die wir nie erfahren würden. Es ist ein Repertoire der Menschenkenntnis, ein Königreich der Vorstellungskraft.
Ja. Marcel Proust sagte, es liege im Herzen des Lesens, die Weisheit des Autors hinter uns zu lassen und unsere eigene Wahrheit und Weisheit zu entdecken. Das ist es, was ich deep reading und deep understanding nenne.
Eine schwierige Frage. Einige amerikanische Forscher versuchen gerade, solchen Unterschieden auf die Spur zu kommen. Doch die Forschung ist noch in den Anfängen.
Ja, das ist es, was Sokrates sagte. Er hatte so recht und lag gleichzeitig so falsch. Es war nicht das Lesen, das er als Feind betrachtete. Er kritisierte die Illusion, durch das Lesen automatisch etwas zu wissen. Aber wir können unser kulturelles Erbe in einer so komplex gewordenen Welt nicht ohne Schrift und Lesen bewahren. Nach Sokrates kamen Plato und Aristoteles, und da hatten wir schon den Übergang zur vollständigen Schriftlichkeit. Es kann sein, dass wir jetzt wieder den sokratischen Moment haben, dass wir uns in einem entscheidenden Übergang befinden.
Es war wie ein Schock, als ich Sokrates, Plato und Aristoteles in diesem Moment wieder las. Ich sagte mir: Das ist derselbe Moment des Übergangs, den wir heute erleben. Damals war es der Übergang von der gesprochenen zur geschriebenen Sprache. Heute ist es der Übergang von gedruckten zu digitalen Texten, die ein informationelles Lesen und ein anderes Gehirn ausbilden. Ich erkannte, dass ich noch das alte klassische Gehirn bin und meine Kinder schon digitale Gehirne besitzen. Es ist wie ein Generationenbruch, eine Art Fremdheit.
Mir wurde klar, dass ich als non-digital native zwar noch ein klassisches Lesegehirn habe, dass aber auch das in Gefahr ist. Ich hatte geglaubt, gegenüber dem digitalen Lesen immun zu sein. Ich dachte nie, dass ich jemals anders lesen würde, als ich es gelernt habe. Dann aber musste ich feststellen, mehr und mehr wie ein digital Eingeborener zu lesen. Also machte ich einen Test. Ich zwang mich, das Glasperlenspiel von Hermann Hesse zu lesen, das ich vor langer Zeit einmal gelesen hatte. Eine Tortur. Ich las dreißig Seiten, aber wie eine Maschine. Es war, als würde ich nur Informationen aufnehmen, ohne sie zu verarbeiten und darüber nachzudenken. Ich las wie ein Prozessor, ohne Gefühl, ohne Phantasie. Es war ein Schock.
Ich zwang mich über die Dauer von drei Monaten hinweg zum langsamen Lesen. Und so kam ich allmählich zum normalen Lesen zurück. Aber es war ein Schlüsselerlebnis. Ich sagte mir: Wenn das schon mir passiert, was passiert mit unseren Kindern, die so früh ins digitale Universum hineingezogen werden, dass sie überhaupt nicht die Möglichkeit haben, diesen phantasiebildenden, freudvollen Lesestil zu erlernen? Ich befürchte, dass unsere digital sozialisierten Kinder nie die intellektuelle Spannung kennenlernen werden, die darin liegt, immer weiter über die Bedeutung des Autors hinauszugehen und eine eigene Welt der Vorstellung und Erleuchtung aufzubauen.
Ja, wir müssen zwei Arten von Lesen entwickeln und auch lehren, und wir müssen sie unseren Kindern beibringen. Wir brauchen Gehirne, die von einem Modus in den anderen wechseln können. Meine Sorge ist, dass Leute meines Alters das noch beherrschen, aber unsere Kinder nicht mehr. Diese Umstellung braucht viel Zeit.
Durch ein vertieftes Verständnis für die Schönheit unserer eigenen Lesebiografie! Goethe sagte, er habe achtzig Jahre gebraucht, um richtig lesen zu lernen, und selbst dann sei er noch nicht am Endpunkt gewesen.
Durch Bücher. Das Buch hat eine stabilisierende Qualität. Es bewegt sich nicht und bringt uns dazu, Pausen zu machen und in eine der Zeit enthobene Sphäre einzudringen. Wenn wir ein Buch lesen, haben wir das vor uns, worüber wir nachdenken. Wir müssen nicht daran denken, unsere Mails zu checken oder Ähnliches. Wir haben keine parallelen Gedankenprozesse und müssen unsere Aufmerksamkeit nicht ständig wechseln. Wir können Raum und Zeit verlassen.
Wir verbinden unsere Erinnerungen mit bestimmten, bildhaften Gegenständen. Wir erinnern uns, auf welcher Seite wir welchen Gedanken in welchem Buch gelesen haben, das heute an genau dieser Stelle in unserer Bibliothek steht. Wie Proust schrieb: Es stand in einem türkisen, eher kleinen Buch.“ Die sinnlichen, taktilen Elemente sind uns eine Gedächtnisstütze. Wenn wir lesen, gleiten wir in die Wirklichkeit eines anderen hinüber. Macchiavelli drückte dies aus, indem er sich im Stil der Epoche des Autors kleidete, den er jeweils las. Wir kommen aus der Lektüre anders zurück, als wir sie begonnen haben. Wir sind, was wir lesen und wie wir lesen.
Ich zwinge mich jeden Tag, ein Buch oder ein Gedicht langsam, dankbar und konzentriert zu lesen. Jeden Tag, jeden Abend, bevor ich schlafen gehe. Wir sollten unser tiefes, vielfältiges, unabschließbares inneres Leseleben nie aufgeben. Sicherlich nicht, bevor wir mindestens achtzig Jahre alt sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Burkhard Neie