Tokio Hotel

Jungsein ist die Hölle

Von Joachim Hentschel

15. Februar 2007 Weil dieser 17-jährige Junge, Bill Kaulitz aus der Kalibergbau-Gemeinde Loitsche in Sachsen-Anhalt, so oft im Fernsehen kommt, weil er auf so vielen Zeitschriftentiteln erscheint und auf all die ähnlichen Interviewfragen so relativ vernünftige Dinge antwortet - deshalb registriert man kaum noch, was für ein fremdartiger Typ das eigentlich ist. Im Gesicht aus Porzellan, ohne Muskeln und Grübchen, keine zwingenden Geschlechtsmerkmale, weder am Körper noch beim Singen. Ein bisschen traurig und krank. Neuerdings mit einer großen Stachelschweinfrisur, für die nicht mal die Schwerkraft gilt.

Als seine Band Tokio Hotel Ende Januar in einem Berliner U-Bahn-Schacht eine Pressekonferenz gab, wirkte Bill Kaulitz auf dem Sofa zwischen seinen drei straßentauglicher gestylten Partnern, 17, 18 und 19 Jahre alt, wie ein hochglänzender, raschelnder Fremdkörper, wie ein Popstar in der U-Bahn eben, und erst das neue Gruppenfoto, das ausgeteilt wurde, erklärte den Kontext. Auf dem Bild stehen Tokio Hotel in der aus Science-Fiction-Filmen bekannten, breitbeinigen Formation einer apokalyptischen Planetenretter-Polizei. Der schwarzleuchtende Kommandant mit seinen drei Maschinisten, alle vier gleich wichtig, weil jeder etwas anderes am besten kann.

Anhaltende Aufregung

Und gemeinsam konnten Tokio Hotel nun schon die Auflagen mehrerer Jugendzeitschriften nachhaltig heben, in anderthalb Jahren gut 1,5 Millionen CDs und auf einer Tournee über 350.000 Konzertkarten verkaufen, vor allem eine tiefe, anhaltende Aufregung unter Teenagern in Deutschland, Osteuropa und Frankreich stiften, von der man nie geglaubt hätte, dass man sie allein mit Popmusik heute noch hinkriegen könnte.

Vieles, was so ganz ohne Kenntnis der Shell-Jugendstudie über die jungen Leute dahingesagt wird, stimmt halt nicht: dass sie nicht zu mobilisieren sind, dass alle nur noch über ihre Handys nachdenken, dass sie sich ohne Internet nicht mehr raustrauen. Übernächste Woche erscheint das zweite Tokio-Hotel-Album „Zimmer 483“. Die junge Begeisterung darüber wird die Band endgültig in den Superstatus befördern, obwohl diese dunkle Platte vor allem davon erzählt, dass jung zu sein die absolute Hölle ist.

Die beliebteste und die unbeliebteste Band

Nicht nur der „Stern“, auch die „Titanic“ hatte Tokio Hotel vor kurzem auf dem Titel: „Vier gute Gründe, keine Kinder zu bekommen“, denn natürlich sind sie nicht nur die beliebteste, sondern auch die unbeliebteste deutsche Band. Sie seien Teil eines kalkulierten Produkts, heißt es, was bei Künstlern dieser Größenklasse eh immer stimmt. Sie könnten ihre Gitarren nicht spielen, sie seien gecastet worden - lustigerweise kann man das sogar widerlegen, weil selbst die kleinsten Künstler heute so schnell ihre Spuren in den Medien hinterlassen. Im Internet findet man den Ausschnitt aus einer Sat.1-Casting-Show vom Juli 2003, wo der 13-jährige Bill Kaulitz antritt und ausscheidet und auch ein kurzes Stück einer prähistorischen Tokio-Probe in Loitsche zu sehen ist, über zwei Jahre vor der ersten Single.

Aufschlussreicher sind die Attacken, die von Gleichaltrigen kommen, den Jungs, den Hip-Hop-Hörern, die oft auch nur die Mädchen ein wenig ärgern wollen: Sie setzen Playboy-Models mit Photoshop den Kopf von Kaulitz auf, sie verfluchen in einem weit verbreiteten Rap-Stück die „Versager, Streber, Opfer und Schwulen“, die sie in den Tokio-Hotel-Fans sehen. Dass Kaulitz damals auf Sat.1 tatsächlich den Gay-Disco-Jauchzer „It's Raining Men“ gesungen hat, wissen die meisten der homophoben Kritiker wohl nicht mal: Es ist das Fremde, Hybride, Koboldhafte und Außerirdische am Sänger und der Band, das die Chauvinisten abstößt und verunsichert.

Das Mehrdeutige, das Heimliche

Was die vielgescholtenen Casting-Shows dem Pop entrissen haben, ist ja nicht etwa die Originalität, sondern das Mehrdeutige, das Heimliche, das nicht Dokumentierte. Und obwohl auch Tokio Hotel sicher mehr Making-ofs gedreht als Sachen gemacht haben und obwohl es schon einige Mühe kostet, sie so ernst zu nehmen - einen bedeutenden Rest vom Pop-Geheimnis haben sie noch, als Überbleibsel oder Implantat, rätselhafterweise. Dieses Alienhafte, das manche Leute schwul an ihnen finden.

„Übers Ende der Welt“, der Vorab-Hit zur neuen Platte, startete vergangene Woche auf Platz eins der Charts, ein wie gewohnt donnerjaulender, über Eisendrähte gespannter, Quecksilber weinender Tokio-Song, an dem neben Bill Kaulitz und seinem gitarrespielenden Zwillingsbruder Tom alle vier Stamm-Produzenten irgendwie mitkomponiert haben und der vor zehn Jahren nicht einmal in Atemnähe einer Hitparade gekommen wäre. „Achtung, fertig, los und lauf! / Vor uns bricht der Himmel auf / Wir schaffen es zusammen übers Ende dieser Welt, die hinter uns zerfällt“, singt Kaulitz, eine Teenager-Fluchtphantasie, das kleine Ringen um Erlösung in schnell verständlichem Tagebuchdeutsch. Im Video marschieren die vier in einer Menschenkolonne, in der Irrenanstalt oder im Arbeitslager, dessen Insassen am Ende den Ausbruch schaffen, der im Song selber so unmöglich klingt.

Es wird geflüchtet und gesprungen

Es ist einfach, diese Ästhetik in die Einzelteile zu zerlegen, aus denen sie gebaut wurde. In die Igelköpfe und die Finsternis der japanischen Manga-Comics, in das Harte und Herzblutende des unglaublich erfolgreichen amerikanischen Emo-Rock. In die vier typischen Typen, die von den Tokio-Mitgliedern jeweils verkörpert werden, das älteste Zielgruppen-Prinzip. Das Ganze erklärt man so nicht: Zum ersten Mal hören so viele junge Leute eine junge deutsche Band, deren Musik aber nicht mal andeutungsweise davon handelt, dass es schön und identitätsstiftend ist, jung zu sein. Das Album „Zimmer 483“ ist voller solcher Stücke in metallischem Moll, die um Selbstmord, Opfer, missratene Liebe und zerrissene Kindheit kreisen, alles freilich ungefähr und metaphorisch genug, damit es noch Stoff zum Weiterträumen sein kann. Aber getanzt wird hier nicht, nur geflüchtet und gesprungen.

Die Fans von Tokio Hotel stehen zehn Stunden in Konzertschlangen an, lassen sich Nummern auf die Hände schreiben, tragen als furchterregende Bemalung den Namen ihres liebsten Mitglieds dick mit Kajal auf der Wange, reißen mit den Zähnen Stücke aus Handtüchern, die in den Saal fliegen, und bewahren die Fetzen in kleinen Handtaschen auf. Und wenn man mit ihnen darüber spricht, fallen zwei Dinge besonders auf, die wieder in keiner Studie stehen. Sie haben zum größten Teil eine überraschend ironische Distanz zu ihrem Fan-Sein, durchschauen PR-Tricks und Image-Manöver lachend. Und trotzdem sagen sie voller Überzeugung, sie seien an der Schule und im Freundeskreis die Einzigen, die Tokio Hotel mögen würden. Die Einzigen, gegen den Rest. Inmitten einer ausverkauften Halle unter 5000 anderen, die genauso einsam sind wie sie. Früher hatten das nur die Subkulturen, diesen fast unausweichlich in der Biographie verankerten, untereinander verbindenden Fluch, Aliens zu sein. Es wird zunehmend zur Geschmacksfrage.

Die Raumpatrouille aus dem Osten

Für die Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „Tempo“ trafen Tokio Hotel, die Raumpatrouille aus dem Osten, in London Herbert Grönemeyer, den Menschen aus dem Westen. Ein höfliches Gespräch, als ob der gute Papa die Nachbarskinder zu Besuch hätte - am bemerkenswertesten ist das gemeinsame Foto, auf dem Grönemeyer und Bill Kaulitz wie zwei unterschiedliche Tiere nebeneinandersitzen.

Die kommenden Wochen bringen nun ein Duell in der Wirklichkeit, bei dem sich aber - was sicher kein Zufall ist - keiner weh tun wird: In der nächsten Hochrechnung werden Tokio Hotel wohl von Grönemeyers Single „Stück von Himmel“ von der Chartsspitze geworfen, auch die Alben kommen mit einer Woche Abstand, werden sich an der Nummer eins ablösen, und bei der Gelegenheit fragt man doch, ob sich die Käufergruppen der zwei derzeit erfolgreichsten deutschen Acts denn überschneiden, ob es wohl überhaupt jemanden gibt, der beide Platten anhört. Der Himmel, der bei Tokio Hotel schmerzhaft aufreißt, öffnet sich nämlich auch in Grönemeyers Video, viele Menschen stehen plötzlich da, wie aus einem Raumschiff geklettert, und er singt dazu: „Und wir teilen diese Welt / Und wir stehen in der Pflicht / Die Erde ist freundlich / Warum wir eigentlich nicht?“ Dieselbe Erde, die im Lied von Tokio Hotel zerfällt, nachdem der Kommandant und sein Baby sich mit dem Hechtsprung in die Leere gerettet haben.

Da haben wir's: Es ist keine Frage des Alters. Es ist die Frage, wie man am liebsten erlöst werden will.

„Zimmer 483“ erscheint am 23. Februar bei Universal.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite 30
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Im Fegefeuer der Einsamkeit Klar haben sie eins, sind doch selbst fast noch welche Das Plakat rechts verstehen wir nicht so ganz Das hier sind “Tokio Hotel“: Gustav, Georg, Bill und Tom (v.l.) Schade für Gustav, Georg und Bill Unverblümte Jugend Vierfaches Echo für die Band Viele Herzen, ein Begehr Wichtig für den Fan: das Gefühl, daß der Sänger ihn stets ganz persönlich meint Botschaften, für die Erwachsenenwelt kaum zu entschlüsseln Rebellentum und Weltschmerz Sie würden gerne einchecken Überschäumende Freude über einen Preis namens “Bild-Osgar“ Es eint sie die Mähne und der eigenwillige Modestil Klare Ansage Seine Karriere überstand sogar den Stimmbruch Deutschlands populärste Zwillinge seit Alice und Ellen Kessler Anbetung von Ferne Schwärmen macht gemeinsam viel mehr Spaß Stilistisch geht bei “Tokio Hotel“ durchaus jeder seine eigenen Wege Zwillingsrock Accessoires des Rebellentums Zu Besuch beim Opa Domäne der Jugend: ehrliche Ekstase. Wer einen solchen Zustand auch als Erwac... Das ist aber schön, daß auch Gustav Fans hat