Von Lorenz Jäger
15. Mai 2006 Wollten wir uns in alter Weise ironisch über das Establishment auslassen, wir könnten mit dem Grußwort des Frankfurter Kulturdezernenten Nordhoff beginnen, der den Dylan überstoiberte, als er seine Liebe zu dem Lied It's All Over Now, Baby-äh-Blue bekannte. Wollten wir kulturpessimistisch lamentieren, dann könnten wir feststellen, daß da an drei Tagen eine langsam ergrauende Generation weitgehend unter sich blieb.
Nirgends ist ja das Gedächtnis so gnadenlos kurzfristig, auf Identifikationsfiguren von Jahrgangskohorten fixiert wie in der Pop-Welt, auch wenn jeder zweite Redner mit einiger Rührung berichtete, den eigenen Nachwuchs nun doch für das Werk des Genius gewonnen zu haben. Aber sagen wir es gleich und unzweideutig: Der Frankfurter Kongreß über Bob Dylan, veranstaltet vom Institut für Sozialforschung und dem Hessischen Rundfunk, vorab mit einiger Skepsis betrachtet, hatte ein ganz ungewöhnlich hohes Niveau.
Massive Enttäuschungen
Bob Dylan ist, so viel weiß man, ein Künstler, der sich immer wieder verwandelt hat. Er kam aus der kryptokommunistischen Folk-Bewegung der frühen sechziger Jahre und enttäuschte seine Anhänger nicht zum ersten Mal, als er am Ende des Jahrzehnts Lieder mit Johnny Cash aufnahm, der ja ein ganz anderes Amerika zu vertreten schien als Dylan. Eine weitere, massivere Enttäuschung - noch auf dem Kongreß in manch abfälliger Nebenbemerkung spürbar - brachte seine christliche Konversion Ende der siebziger Jahre.
Das Verdienst des Musikwissenschaftlers Richard Klein war es nun, im Eröffnungsvortrag alle vorgefaßten Urteile über diese Wendungen souverän beiseite zu schieben. Der Trend zur Normalität in der Zusammenarbeit mit Cash sei ein Schein; wer von der Entwicklung der Stimme ausgehe, der beobachte vielmehr einen gelösteren Gesang, die Erschließung eines neuen Resonanzraumes. Die radikale, unnahbare Ferne der Stimme in den frühen Liedern war ein Kunstprodukt, das Dylan bewußt aufgab. Auch die Lieder aus der Zeit der Konversion deutete Klein vor allem als musikalische Ereignisse: Der Kreuzzug war eine Kunstexplosion, noch einmal erschloß sich der Sänger neue Dimensionen des leiblichen Ausdrucks. Daß nun die Stimme zu leuchten begann, war, so Klein, eben der religiösen Wendung zu danken.
Eine amerikanische Wiedergeburt
Der Frankfurter Musikjournalist Peter Kemper schilderte die Beziehung John Lennons zu Dylan als Mikrokosmos aller Faszinationen und Enttäuschungen: von den Einflüssen der sechziger Jahre bis zur Abwendung in Lennons Liedzeile I don't believe in Zimmerman und einer bitteren Parodie von Dylans Surrealismen. Auch Klaus Theweleit beschrieb die Wendung zum evangelikalen Christentum, die sich, von Europa aus gesehen, so merkwürdig ausnimmt. Dabei ist es eine Eigenart auch der säkularen Literatur Amerikas, das Erweckungserlebnis weit über die Dogmatik zu stellen - es gehört gleichsam zur amerikanischen Normalbiographie, irgendeine Wiedergeburt vorweisen zu können.
Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering bot im Anschluß eine glänzende Analyse von Dylans Judenchristentum: Schon vor der vielbeschworenen Wendung vermochte er die Tagespolitik nur im Rahmen heilsgeschichtlicher Ideen zu verstehen. Detering fand eine schöne Formel: Sünde nenne Dylan, was bei Adorno Verblendungszusammenhang heiße. Deutlich wurde auch, daß jede Verwandlung des Sängers nur ein Schritt zu einer weiteren Rettung der amerikanischen Liedtradition in ihrer ganzen Breite war - er löste eine nationale Aufgabe.
Die wahre Nationalhymne
Gab es eine größere ideologische Tendenz, die man dem Kongreß zuschreiben kann, unabhängig von den Ideen der einzelnen Redner? Die Kulturlinke, vertreten durch das Frankfurter Institut, schien eines deutlich mitzuteilen: Das linke Projekt ist nach allerhand anderen exotischen Ferne-Sehnsüchten bei der amerikanischen Demokratie angelangt, die utopisch-egalitär interpretiert wird - und dafür ist Dylan der Kronzeuge. Wir erlebten nichts anderes als die Gründungsveranstaltung eines linken Flügels jenes deutschen Amerikanismus, dessen rechten Flügel die Atlantik-Brücke bildet. Niemand brachte es auf der Konferenz so genau auf den Begriff wie Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, die, um ein einziges Wort zu Dylan gebeten, von seinen Liedern als der wahren amerikanischen Nationalhymne sprach.
Eine andere Perspektive deutete nur Detering an, als er Dylans Werk auf die alte herderisch-romantische Idee der Volkspoesie bezog. Mein Koffer rollt, der Morgen kühlet, / Ach, die Straßen sind so still, / Und was da mein Herze fühlet, / Nimmermehr ich sagen will. / Der Weg mich schmerzlich wieder lenket / Hin, wo Liebchen sah herab, / Daß sie ja noch mein gedenket, / Drück ich zwei Pistolen ab. Es sind wohl nicht die schlechtesten Leser und Hörer Dylans, die im Licht seiner Lieder den Rückweg zu Des Knaben Wunderhorn einschlagen; dem Gestus einer Ballade wie Seven Curses entspricht in der Weltliteratur kaum etwas so genau wie das deutsche Lied von der Großmutter Schlangenköchin: Maria, wo bist du zur Stube gewesen?/Maria, mein einziges Kind! / Ich bin bei meiner Großmutter gewesen, / Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Destruktive Intelligenz
Für den heiteren Teil der langen Bob-Dylan-Nacht im Sendesaal des HR, mit der der Kongreß ausklang, hatte man sich den Satiriker und Kleinkünstler Wiglaf Droste verschrieben. Aber merkwürdig: So treffend seine Beobachtungen zum Alternativ-Spießertum bei Dylan-Konzerten sich anhörten, so genau entsprach dann Drostes musikalischer Auftritt mit dem Spardosen-Terzett dem eben noch von ihm gegeißelten Klischee.
Schon war man versucht, nach Hause zu gehen. Aber das Beste kam erst. Der Abend schloß mit einem großartigen Auftritt, den kaum einer so erwartet hatte. Thomas Meinecke und seine Band FSK spielten Dylan auf eine Weise, die jeden Gedanken an kunstgewerbliche Nachahmung vergessen ließ. Über eine ungemein kraftvolle, fast rohe rhythmische Grundlage breitete sich die feinste, auch ein bißchen destruktive Intelligenz der Melodien - und man hörte A Hard Rain's A-Gonna Fall in einer ebenso überraschenden wie überzeugenden Fassung. Der Einbruch echter Künstlerschaft in die liebgewordene Erinnerungswelt polarisierte das Publikum. Ein Teil der Leute, die eben noch mit Wiglaf Droste über den Lagerfeuer-Dylan gelacht hatten, vermißte nun doch das Gewohnte und entpuppte sich als just der Spießerverein, vor dem sie uns immer gewarnt hatten. Tut nichts. Der Auftritt von FSK gehörte schon zur Zukunft. LORENZ JÄGER
Text: F.A.Z., 15.05.2006, Nr. 112 / Seite 37
