Von Andreas Rosenfelder
31. Oktober 2005 Julia Hummer hat den Mikrofonständer zu hoch eingestellt. So muß sie den Kopf beim Singen immer in den Nacken legen. Das paßt zu diesem trotzigen, leicht schiefen Blick, den sie auch als Schauspielerin in Christian Petzolds Filmen kultiviert, wie jüngst in Gespenster: den Blick eines Heimkinds, bei dem Unsicherheit und Übermut kaum auseinanderzuhalten sind.
Daß Julia Hummer jetzt im schummerigen Kölner Rose Club auf der Bühne steht, eine Klampfe umgeschnallt, den Mundharmonikabügel vor dem Kinn und eine ganze Band im Rücken, wirkt da ganz automatisch wie eine neue Filmrolle.
Nur eine weitere Filmrolle?
Da sind die schüchternen Bewegungen und hängenden Schultern, und da ist diese selbst bei den rotzgörenfrechen Liedansagen zitternde Stimme: Einen plötzlichen Hustenanfall nach der Zigarette nennt sie fast schon eine Ansage, womit die Pflicht zur unterhaltenden Kommunikation auch schon elegant abgehakt ist. In ihren Filmen spielt Julia Hummer meistens Figuren, die Rollen spielen, um sich durchzuschlagen - warum sollte sie nicht auch das dreiste Nachwuchstalent aus der Filmszene geben können, das sich als Mädchen mit der Gitarre versucht?
Trotzdem wirkt das Kölner Konzert von Julia Hummer, die mit ihrer Independent-Band Julia Hummer and Too Many Boys gerade das Album Downtown Cocoluccia vorgelegt hat, keineswegs wie ein Film-Casting. Und es hat auch nicht diese unangenehme Aura von Selbstverwirklichung, die sich oft einstellt, wenn deutsche Schauspieler ihre popmusikalische Zweitbegabung ausleben und durch die Clubs tingeln - man ist ja schließlich nicht in Frankreich, wo jeder nur halbwegs begabte Filmstar eine Platte mit guten Chansons auf den Markt wirft.
Mundharmonika kann sie spielen. Definitiv
Julia Hummer, die Frau mit dem spätpubertären Pokerface, pokert auch als Musikerin hoch. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren tritt sie als eine Art weiblicher Bob Dylan auf - ein Bob Dylan allerdings, der Nirvana gehört hat und auch vor dröhnenden Klangkulissen besteht. Wie sie einen knappen Halbton unter jeder Note vorbeizielt, als würde sie lustlos Dartpfeile werfen, das kann man nur als kunstvolle Imitation bezeichnen.
Sicher hat Julia Hummer keine umwerfende Stimme. Aber sie setzt ihr sprödes Organ auf eine vorbehaltlose und entwaffnende Weise ein und macht ihren Idolen in der Kunst des Nölens - deutlich erkennbar sind neben Bob Dylan auch Lou Reed und der mit einer Version von Harvest geehrte Neil Young - zumindest darin Ehre. Außerdem kann sie definitiv Mundharmonika spielen.
Laß den Mikroständer oben, Julia
Überraschenderweise atmet Julia Hummers schrammeliger Indie-Folk-Rock keine verqualmte Irish-Pub-Atmosphäre, und die simpel arrangierten Stücke haben auch nichts Musikschulhaftes. Manchmal schleppen sich die langsamen Lieder vielleicht eine Spur zu selbstversunken dahin, aber es gibt keinen Song auf dem Album, der einfach nur langweilen würde. Natürlich besitzt das Projekt der Schauspielerin, die tatsächlich Teile ihrer Jugend in einem Heim verbrachte und erst vor ein paar Jahren auf der Gitarre ihres Mitbewohners spielen lernte, noch den Charme blutigen Anfängertums.
Daß man mit den Ansagetexten wartet, bis sich der heftigste Applaus gelegt hat, an welcher Stelle eines Songs man mit dem Zeigefinger ein Loch in die Luft bohrt: all solche Sachen wird Julia Hummer noch lernen, wenn sie - wie in Interviews geäußert - tatsächlich mit dem Gedanken spielt, ihre Filmkarriere gegen das Musikerdasein einzutauschen. Da wäre ihr viel Glück zu wünschen. Aber den Mikrofonständer sollte sie nicht herunterschrauben.
Weiter Konzerte:
Dienstag, 1. November: Planet Music, Wien, Österreich
Mittwoch, 2. November, Zerwirk, München
Donnerstag, 3. November: Rocker 33, Stuttgart
Freitag, 4. November; Lignerschloß, Dresden
Samstag, 5. November: Ilses Erika, Leipzig
Sonntag, 6. November: Festsaal Kreuzberg, Berlin
Text: F.A.Z., 01.11.2005, Nr. 254 / Seite 33
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