Von Julia Bähr
26. April 2007 Es ist nicht so, dass die Popwelt nichts Interessantes zu bieten hätte. Konzerte und neue Platten sind häufig spannend genug, dass alle Medien wie aufständische Bauern der Fackel hinterhersteuern, die ein neuer Trend entzündet hat - bis sie erlischt und unter Johlen eine andere entzündet wird, die in die Gegenrichtung führt. Pressekonferenzen dagegen gehören eher in die Abteilung fades Graubrot. Dort muss zumindest ein Musiker spektakulär aus der Rolle fallen, seinen Allerwertesten zeigen oder die Auflösung seiner Band bekanntgeben, so dass mit kameratauglichen Nervenzusammenbrüchen von Teenagern zu rechnen ist. Erst dann ist die ungeteilte öffentliche Aufmerksamkeit sicher.
Im Januar gab es dann eine Pressekonferenz, bei der alles anders war. Die Medien waren geschlossen angetreten, RTL übertrug live, obwohl schon vorher jeder die Neuigkeit wusste. Vier hübsche Frauen in farblich genau aufeinander abgestimmter Kleidung betraten das Podium, lächelten zufrieden und erklärten mit sanften Stimmen offiziell ihre Rückkehr als No Angels. Ein Mitglied der Ursprungsformation, Vanessa Petruo, wolle auf Grund persönlicher und beruflicher Umstände nicht mehr mitmachen, aber sie fühlten sich trotzdem komplett und hätten viel Spaß. Sie seien reifer geworden und wollten diesmal alles langsamer angehen lassen.
Man wusste alles über sie
Langsamer angehen lassen, das heißt vor allem: sich nicht wieder auffressen lassen von der monströsen Maschinerie, die bei der Gründung der Band im Jahre 2000 angeworfen wurde. Nachdem die fünf jungen Frauen aus 4500 Bewerberinnen der ersten Popstars-Staffel übrig geblieben waren, zerrten alle an ihnen. Da war etwas Neues, die erste deutsche Castingband, deren Mitglieder man schon vor der ersten Single in- und auswendig zu kennen glaubte: Der Fernsehzuschauer hatte der Verkäuferin Sandy Mölling dabei zugesehen, wie sie vom Sender aus ihrer Arbeit im Jeansladen geholt wurde, um in der nächsten Runde vorzusingen. Er hatte alles erfahren über die achtzehnjährige alleinerziehende Mutter Nadja Benaissa, er wusste von Jessica Wahls Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau, die sie kurz vor der Prüfung für die Chance auf das Popstarleben abbrach. Lucy Diakowskas Musical-Engagements und Vanessa Petruos Großvater, der Darth Vader für den deutschen Markt synchronisiert hatte - jeder, der das Format einschaltete, wurde mit diesen Informationen gefüttert. Weinkrämpfe wegen des Trainingsterrors gab es als Sahnehäubchen obenauf, in Großaufnahme gefilmt. Die Mädchen waren nicht nackt, sie waren gläsern.
Trotzdem war es nicht selbstverständlich, dass die Band aufstieg zur erfolgreichsten Girlgroup Kontinentaleuropas - so sperrig muss die Plattenfirma das wegen des viel größeren Ruhms der Spice Girls zähneknirschend formulieren. Die erste Single von Castingprodukten läuft immer gut, doch danach hält dieser Aufmerksamkeitsbonus nicht mehr lange vor. Ohnehin war Daylight In Your Eyes kein herausragendes Werk. Zuvor war das Stück in einem ähnlichen Arrangement auf einem Soundtrack erschienen, gesungen von Victoria Faiella und ohne jeglichen Erfolg. Die No Angels lieferten soliden Pop ab, doch das tun viele. Sie sind hübsch und können tanzen, doch auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal.
Verzicht auf Konsens-Qualitäten
Was bei der Zusammenstellung dieser Band ungewöhnlich war, war der Mut, mit dem auf Konsens-Qualitäten verzichtet wurde. Dazu gehörte es, eine achtzehnjährige Alleinerziehende mit Drogenvergangenheit zu engagieren. Dazu gehörte es auch, mit Sandy Mölling und Lucy Diakowska zwei Stimmen mit hohem Wiedererkennungswert ins Boot zu holen, die jedoch häufig herausstechen und polarisieren. Die Mischung der Stimmfarben war besonders, und die Idee, 2002 mit einem von Till Brönner produzierten Swing-Album auf den Zug dieser Modeerscheinung aufzuspringen, trug zusätzlich zum Aufstieg bei. Außerdem war man der Methode gefolgt, die auch der Zusammenstellung der Spice Girls zugrunde liegt: eine Blonde, eine Rothaarige, eine mit vielen Locken, eine Schüchterne, ein Kumpeltyp. Identifikationsmaterial in Reinform.
Geschicktes Management also, dessen Omnipräsenz allerdings auch seine Schattenseiten hat. Wie bei keiner anderen Band klaffen bei den No Angels regelmäßig die offiziellen Verlautbarungen und die häufig recht plausiblen Gerüchte auseinander. Das fing schon kurz nach der Gründung an, als angeblich das Publikum über den Bandnamen entscheiden durfte - dass der bereits zuvor feststand, kam kurze Zeit später heraus. Als Jessica Wahls, die jetzt wieder zur Gruppe gehört, nach ihrer Babypause 2003 nicht mehr zur Band stieß, wurde gemunkelt, eine Verkleinerung der Band sei gewünscht gewesen - wie undankbar, hatte die junge Mutter ihre Tochter doch nach ihrer Plattenfirma Cheyenne genannt.
Ein ehrliches Interview
Und als Vanessa Petruo verkündete, sie wolle nicht bei der Reunion mitmachen, sondern sich auf ihre Solokarriere konzentrieren, schossen sofort Gerüchte über eine heftige Antipathie zu einer der Kolleginnen ins Kraut. Ein tieferer Grund ist jedenfalls zu vermuten, denn besonders erfolgreich waren ihre eigenen Veröffentlichungen bislang nicht; und dass eine Band ihr eigenes Exmitglied zum Zweifel an der Solo-Karriere bringen kann, ist aktuell an Take That und Robbie Williams zu sehen. Als nun die Sängerinnen gefragt wurden, ob ihr Comeback finanzielle Gründe habe, verneinten sie dies. Aber dann sagte Lucy Diakowska, die die Kolleginnen wieder zusammengetrommelt hatte, in einem Interview etwas, das in seiner Offenheit aus den sonstigen Verlautbarungen herausstach: Ich hatte eine Phase, als ich plötzlich keine Auftritte mehr hatte und keine Angebote bekam. Da saß ich allein in meinem großen Haus und wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte.
Das wiederum möchte man ebenfalls kaum glauben. Eine Bilanz der Jahre zwischen der Auflösung im September 2003 und der Wiedervereinigung im Januar weist geradezu auf Aktionismus hin. Insgesamt veröffentlichten die Damen dreizehn Solo-Singles und vier Alben, von denen allerdings nur eines in den Top 20 landete. Ein karitatives Projekt, eine Fotostrecke im Playboy, drei Nebenrollen und unendlich viele Posten in Jurys, Moderationen und dekoratives Herumsitzen auf den Sofas diverser Shows hielten sie beschäftigt. Weiterhin fuhren sie zwei dritte Plätze bei Fernsehtanzwettbewerben ein, einmal auf Parkett, einmal auf Eis, sowie einen ersten Platz bei einem Turmspringen Prominenter. Ein vierter und ein letzter Platz beim Bundesvision Song Contest runden das Bild ab, zu dem immerhin auch zweimal die Vollendung des dreißigsten Lebensjahrs gehört. Das ist nun der größte Vorteil der neuen No Angels: Ihr Durchschnittsalter beträgt nicht siebzehnkommafünf wie bei manch anderer Girlgroup. Man rechnet eher mit Persönlichkeiten als mit Marionetten.
Verscherzter Respektsvorschuss
Mit ihren Texten auf dem neuen Album Destiny allerdings verscherzen sie sich diesen Respektsvorschuss wieder. Die Zeilen lauten etwa Maybe I'm a fool for loving you, I believe in my love for you oder I close my eyes and count to ten / and when I open them again / you changed the rhythm of my heart. Deprimierend eindimensional, aber sicher radiotauglich. Es gibt nur zwei Ausnahmen, bei denen man den Eindruck gewinnt, es stünden doch Charaktere hinter dieser Band und nicht nur Gesangsvolk, das kritiklos Kitsch über seine Stimmbänder fließen lässt: einmal im relativ rockigen Stück Back It Off, in dem die Mädchen hoffnungsfroh singen: I'll never let anyone control me, außerdem in der Single-Auskopplung Goodbye To Yesterday. Da ist die Liebes-Thematik zumindest nicht plump ausgesprochen, einiges deutet sogar auf einen Horizont hin, der über Verliebtheit, Trennung und Kummer hinausreicht. Im Musikvideo sind die Sängerinnen zum Anhimmeln schön wie eh und je, schubsen sich lachend herum und haben ganz offensichtlich wirklich mehr Spaß als früher.
Da sich die No Angels aber hauptsächlich Liebeslieder für ihr Album ausgesucht haben, ist die Marschrichtung klar: viele Balladen, Klavier-Intros und ein bisschen künstliches Plattennadel-Gekratze zum Songeinstieg, das in Zeiten der Compact Disc ein wenig gewollt wirkt. Die Stimmen klingen gut, insbesondere die von Nadja Benaissa hat sich während der Pause deutlich weiterentwickelt und ihr angenehm souliges Timbre noch verstärkt. Gerade deshalb ist es störend, dass die meisten Tracks so hoffnungslos überproduziert sind, als gelte es, den Gesang unter möglichst vielen Instrumentalspuren zu begraben. Vielleicht sollte man sich doch die Fünfte im Bunde zurückwünschen. Vanessa Petruo hatte auf dem letzten gemeinsamen Album nicht ohne Erfolg gerade angefangen, an den Liedern mitzuschreiben. Wahrscheinlich ist das das deutlichste Zeichen dafür, dass eine Band richtig gecastet wurde: Jeder bringt ein wichtiges Talent mit, und wenn ein Mitglied wegfällt, ist das Team eben doch nicht mehr komplett.
Text: F.A.Z., 26.04.2007, Nr. 97 / Seite 40
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