Hip-Hop

Ein D, ein O, zwei Gizzle

Von Johanna Adorjan

Snoop Dogg bei der Arbeit

Snoop Dogg bei der Arbeit

05. Dezember 2004 Snoop Dogg (früher: Snoop Doggy Dogg) war schon immer anders als die anderen Rapper. Harmloser. Familienfreundlicher. Nicht, daß er nicht auch mit dem Gesetz in Konflikt gekommen wäre - wie es sich für einen kalifornischen Gangster-Rapper gehört, war er Drogendealer, Gangmitglied und stand sogar wegen Mordes vor Gericht. Aber man würde ihm nicht zutrauen, jemandem ernsthaft etwas anzutun. Er ist eher die Sorte Gangster, die lächelnd einem Stoffkaninchen den Hals umdreht. Ein Gangster wie aus einem Disney-Comic.

Bekannt wurde er vor zehn Jahren mit dem Song "What's my name" - im dazugehörigen Video verwandelte er sich in einen Hund. Seither ist nur noch schwer vorbeizukommen an diesem langen dünnen Mann mit den eng an der Kopfhaut entlang geflochtenen Zöpfchen. Er hat in Filmen wie "Starsky und Hutch" mitgespielt, hatte eine eigene Sketch-Show auf MTV, die auch hier lief, immer mal wieder eine erfolgreiche Single, zuletzt "Beautiful" zusammen mit Pharrell Williams. In Amerika ist er außerdem dafür bekannt, eine neue Sprache erfunden zu haben. Die Endung "-izzle" wird dabei an so viele Wörter gehängt wie möglich. "Fo' shizzle my nizzle" bedeutet "for sure my nigga", "wait a minizzle" ist "wait a minute", und seinen eigenen Namen buchstabiert er so: "D - O - Double Gizzle".

Das Ungewöhnlichste seit langem im Hip-Hop

Eigentlich heißt er Calvin Broadus

Eigentlich heißt er Calvin Broadus

Jetzt erscheint sein neues Album, "R&G: Rhythm & Gangsta - The Masterpiece", und die erste Single, wieder eine Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Rapper Pharrell Williams, ist das Ungewöhnlichste, was es seit langem im Hip-Hop zu hören gab. Sie besteht hauptsächlich aus Luft und dem Geräusch, das es macht, wenn man mit der Zunge gegen den Gaumen schnalzt. Und natürlich aus dem Rap von Snoop Dogg, der immer ein wenig gelangweilt klingt, freundlich, aber unbeteiligt, als ob er nebenher ein Kreuzworträtsel löste. Oder einfach gerade gekifft hätte, was in seinem Fall wahrscheinlicher ist.

Der Titel der Single "Drop it like it's hot" bezeichnet eine bestimmte Art zu tanzen, bei der Frauen den Hintern auf und ab bewegen, als säßen sie auf einer heißen Herdplatte, also ziemlich schnell. Es ist wohl eins der minimalistischsten Hip-Hop-Stücke aller Zeiten: Sprechgesang und ein karger Beat, der klingt, als hätten ihn Kinder mit dem Mund gemacht. Dazu, ganz spärlich, nur vor dem Einsatz des Refrains ein paar Synthesizer-Akkorde. Eine Baß-Trommel. Das war's. Als hätte man einem fertig produzierten Stück nach und nach die Tonspuren wieder weggenommen, bis schließlich nur noch das Gerüst übrig war. Noch weniger, und es wäre kein Song mehr. Und trotzdem, trotz fehlender Melodie und anderer Pop-Ausstattung, trifft einen das Stück direkt in die Kniekehle.

Zwischen Zuhälterattitüde und Familienvater

Snoop Dogg war Mitbegründer der G-Funk-Musikrichtung, die Anfang der neunziger Jahre aus L.A. kam und weichgespülten Funk mit Reimen verband, die von Schießereien handelten und vom gefährlichen Leben als Gang-Mitglied. G-Funk, das stand für Gangsta-Funk. Später stilisierte er sich zum Zuhälter, zum "Pimp", was in seinem Umfeld bedeutet, daß jemand neureich ist und sein Geld auch zeigt. Schicke Autos, Schmuck. Und jede Menge Frauen - zumindest in den Videos; im echten Leben ist Calvin Broadus, wie Snoop Dogg eigentlich heißt, seit acht Jahren mit derselben Frau verheiratet, die beiden haben drei Kinder.

Neben seiner Musik hat Snoop Dogg Hardcore-Pornos produziert ("Doggystyle"), in denen er auch selbst mitspielte. Seine MTV-Show "Doggy Fizzle Televizzle" sprach auf der anderen Seite ungefähr dasselbe Publikum an wie die "Sesamstraße". Und als derselbe Snoop, der auf der neuen Single rappt, daß es seine Spezialität sei, die Girls nackig zu machen, in der legendären MTV-Show "Cribs", in der Popstars ihre Villen und Autos zeigen, ein Kamerateam durch sein Haus führte, ging er auf Zehenspitzen über die dicken Teppiche, weil in seinem Bett gerade sein vierjähriger Sohn schlief. Es ist ein schmaler Grat zwischen Zuhälterattitüde und Familienvater, auf dem Snoop Dogg balanciert.

Auch auf dem neuen Album finden sich Gangsta-Texte, sogar von den Crips, seiner ehemaligen Gang ist oft die Rede. Und immer wieder geht es abfällig um Frauen, die man zur Not auch mal ins Gesicht schlagen müsse, wenn sie nicht gehorchen ("Can u control yo hoe"). Klar also, wer zu Hause bei Broadussens die Hosen anhat, wenn der Mann in der Öffentlichkeit so dringend als großer Macker dastehen will.

Aber trotz der harten Texte sind die meisten Songs gutgelaunte R&B-Stücke zum Mitklatschen; als Gäste sind die Bee Gees dabei, Bootsy Collins und der Sänger der Gap Band Charlie Wilson; es gibt Duette mit Nelly und 50 Cent, einen zukünftigen Hit mit Justin Timberlake - und mit Pharrell Williams, Teil des Produzentenduos The Neptunes, eben die phantastische erste Single "Drop it like it's hot".

Vor wenigen Wochen wurde in den Vereinigten Staaten von einem wichtigen Automagazin der Wagen des Jahres gekürt. Es gewann der Chrysler 300, ein Auto, das in einem Video von Snoop Dogg zu sehen war. Der Chef von Daimler-Chrysler International, der Deutsche Dieter Zetsche, bedankte sich vor geladenen Gästen mit folgenden Worten: "Diesen Preis zu gewinnen bedeutet uns sehr viel. Wie Snoop Dogg sagen würde: it's the shizzle." Willkommen im Bürgertum, Gangsta-Rap.

Snoop Dogg: "R&G: Rhythm & Gangsta - The Masterpiece" erscheint am Montag bei Universal, die Single "Drop it like it's hot" ist bereits erschienen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.12.2004, Nr. 49 / Seite 29
Bildmaterial: AP, Reuters

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