Musikindustrie

Noch Single?

Sarah Connor muß Platz eins räumen. Na und?

Sarah Connor muß Platz eins räumen. Na und?

18. April 2005 Wann haben Sie Ihre letzte Single gekauft? Kennen Sie jemand anderen, der Singles kauft? Interessiert es Sie, was diese unbekannten und offenbar nicht sehr zahlreichen Menschen, die noch Singles kaufen, für Singles kaufen? Sehen Sie.

Es gibt dieses merkwürdig hartnäckige Gefühl, ein Relikt vergangener Zeiten, daß Single-Charts, die deutschen Top-100, etwas ganz Wichtiges seien. Daß es ganz schlimm sei, daß ehrgeizige Produzenten wie gerade der Manager der Sängerin Gracia anscheinend versuchten, diese Hitlisten zu manipulieren. Natürlich ist das schlimm. Für Media Control, die diese Zahlen im Auftrag der Plattenindustrie mit erheblichem Aufwand ermittelt. Aber für uns?

Abwegiger Singlekauf

„Mafiöse Strukturen“ hat Media-Control-Chef Karl Heinz Kögel bei den mutmaßlichen Tricksern ausgemacht, was einen an gigantische Netzwerke von gedungenen Single-Käufern denken läßt, die mit Lastern voller Silberscheiben durchs Land fahren. Das würde der Plattenindustrie gefallen, wenn man tatsächlich soviel bewegen müßte. Tatsächlich reichten in der vergangenen Woche weniger als 250 verkaufte Singles, um in die Top-100 zu kommen. Mit 1000 Single-Verkäufen kam man locker unter die ersten 60, und nur die ersten vier Plätze haben eine fünfstellige Zahl von Käufern gefunden. Der Absatz von Singles ist in den vergangenen sieben Jahren um über 60 Prozent zurückgegangen; 2004 wurden noch 21,3 Millionen Stück verkauft, vor allem an Jugendliche.

Trotzdem werden Veränderungen in dieser Hitliste der Irrelevanz immer noch vermeldet, als handle es sich um Nachrichten. Sarah Connor kann ihren Spitzenplatz nicht mehr halten und fällt auf Platz drei! Gerd-Show erreicht mit „Schri-Schra-Schrödi“ Platz achtzehn! Der Kauf einer Single ist für ein Massenpublikum so abwegig geworden, daß die Charts nicht einmal mehr verläßlich als Abbild des Mainstream taugen.

Regionale Unterschiede

Statt dessen bestimmen die Käufe eingefleischter Fans viele Plätze. Die „Big Brother“-Gemeinde kauft sich die Platten, die die gerade ausgeschiedenen Bewohner aufnehmen. Die „Böhsen Onkelz“-Fans greifen zu, weil ihre Band im Radio häufig nicht zu hören ist. Auch ein Phänomen wie die „Berlin Aggro“-Hip-Hopper rund um Sido wird vermutlich überschätzt, ihre Charts-Plazierungen dürften eher ein Ausdruck des Engagements ihrer Anhänger sein als ihrer Anzahl.

Bei Viva profitiert ein Titel noch davon, es in die Top-40 geschafft zu haben: Sein Video wird dann häufiger gespielt. Viele Radiosender aber haben sich inzwischen von früherer Chart-Hörigkeit verabschiedet. Zu offensichtlich ist, daß die Daten vor allem bei den unteren Plätzen nicht mehr valide sind. Hinzu kommt, daß sich die Vorlieben der jüngeren Hörer regional stark unterscheiden. Darauf einzugehen ist für den Erfolg eines Radiosenders entscheidend, wird aber von den Single-Charts überhaupt nicht abgebildet. Die Hitlisten dienen für Mainstream-Sender wie RTL oder junge Sender wie Energy nur noch als Anhaltspunkt bei der Entscheidung, welche Titel sie sich für die Aufnahme in die Playlisten ansehen.

Single-Charts nicht verläßlich

Relevanter wäre eine Hitliste, die etwa die Zahl der Radioeinsätze bei der Plazierung der Titel berücksichtigt, wie es in den Vereinigten Staaten üblich ist. Aber da die Musikindustrie in den Charts vor allem ein Marketing-Instrument sieht, ist die Versuchung groß, auch hier nicht die tatsächlichen Ergebnisse auszugeben, sondern die gewünschten. Schon heute werden in den deutschen „Airplay-Charts“ neue Titel künstlich höher bewertet.

Die Plattenindustrie kämpft auf verlorenem Posten. Sie versucht mit hartem Vorgehen gegen David Brandes, den unter Betrugsverdacht stehenden Manager von Gracia, ein Exempel zu statuieren. Das kann man verstehen: Für die Musikbranche geht es um viel. Mit gewaltigem Getöse will sie versuchen, den Eindruck aufrechtzuerhalten, die Single-Charts seien ein verläßliches Mittel, den Erfolg ihrer Künstler zu bewerten. Aber dieser Eindruck ist falsch. Und je eher die Medien und die Konsumenten die Single-Charts einfach ignorieren, desto besser.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 31
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche