Von Judith Lembke und Henrike Roßbach
12. April 2005 Am 1. Februar 2003 war sie die Verliererin. Gracia Baur schied bei "Deutschland sucht den Superstar" aus, und Daniel Küblböck mimte einen Nervenzusammenbruch. Es folgten ein, zwei Singles. Danach ging es bergab.
Zuerst in aller Öffentlichkeit die Trennung von ihrem Freund, der entdeckt hatte, daß er eigentlich doch homosexuell ist. Dann verlängerte ihre Plattenfirma den Vertrag nicht. Am 12. März 2005 aber war sie die Siegerin.
Ein handfester Skandal
Gracia Baur, 22, gewann bei "Germany 12 Points" mit ihrem Titel "Run and Hide" den Grand-Prix-Vorentscheid in Berlin. In fünf Wochen, am 21. Mai, soll sie Deutschland im ukrainischen Kiew beim "Eurovision Song Contest" vertreten. Das hört sich nach einer Erfolgsgeschichte an - und deshalb paßt es sicher gar nicht ins Konzept, daß nun ein handfester Skandal aufkommt.
Bei ihrem Auftritt in Berlin hatte Gracia zwei Glücksbringer dabei. Ein Plüschtier und die kleine Tochter ihres Produzenten David Brandes, die ihr händchenhaltend überall hin folgte. Mittlerweile wird Brandes aber verdächtigt, seiner Kandidatin mehr als nur das Töchterchen an die Hand gegeben zu haben.
Auffällige Häufungen
Brandes, bei dessen Plattenlabel "Bros Music" Gracia untergekommen ist, soll die Charts durch gezielte CD-Einkäufe manipuliert haben. Besonders pikant: Gracia kam durch eine "Wild Card" zum Vorentscheid, und dafür mußte ihre Single es bis zum Stichtag, dem 8. Februar, unter die Top 40 der deutschen Single-Charts geschafft haben.
Am 31. Januar veröffentlichte Gracia "Run and Hide". Am Stichtag hatte sie Platz 20 erreicht. Aber schon am 19. Februar rutschte sie auf Platz 28 ab, eine Woche später auf Platz 38. Ende März schöpfte der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft zum ersten Mal Verdacht. Zum einen gab es Informationen Dritter über Manipulationen. Zum anderen waren bei der Erhebung der Verkaufszahlen auffällige Häufungen aufgetreten.
Auf unauffällige Weise
Das Marktforschungsunternehmen Media Control erhebt die Charts, die wiederum die CD-Verkäufe abbilden. 2000 Läden in ganz Deutschland leiten ihre Verkaufszahlen an Media Control weiter. Aber kein Geschäft weiß, in welcher Woche es für die Hitparade relevant ist.
Treten Häufungen auf - kauft also jemand an einem Tag etwa auffällig viele "Rund and Hide"-Singles und passiert das vielleicht in derselben Woche in verschiedenen Städten-, berücksichtigt Media Control diese Verkäufe nicht für die Charts, sondern bricht sie auf einen Mittelwert herunter. Wer dieses System hintergehen wolle, sagt Hartmut Spiesecke, der müsse zwei Dinge tun, die sich eigentlich widersprechen: "Er muß so viel wie möglich kaufen - und das auf unauffällige Weise."
"Saubere Charts"
Mehrmals im Jahr gibt es solche Verdachtsmomente. Zuerst gehen die Phonoverbände und Media Control der Frage nach, ob es den Versuch gab, die Charts zu manipulieren. Erst dann kommt die zweite Frage, ob der Versuch auch erfolgreich war. In den 28 Jahren, die es die Single-Charts mittlerweile gibt, mußte diese, wie Spiesecke sagt, noch nie mit "Ja" beantwortet werden.
Weil sich der Anfangsverdacht im Fall Brandes vor allem durch die Informanten verhärtet hatte, wurde "Run and Hide" nun erst einmal für drei Wochen aus den Charts verbannt, genau wie fünf andere Platten, die Brandes produziert hat. Betroffen ist auch die estnische Band "Vanilla Ninja", die für die Schweiz nach Kiew fährt. Diese Sanktionsmöglichkeit "trifft ins Herz", sagt Spiesecke. Auch Geldstrafen bis zu 100.000 Euro kann der Verband verhängen. Nun tagt der Prüfungsausschuß. "Wir wollen", meint Spiesecke, "saubere Charts."
Ein Branchen-Goliath gegen David
Am 2. April ließ der beschuldigte Brandes auf der Internetseite von "Bros Music" die Erklärung veröffentlichen, er lasse die unterstellten CD-Käufe aufklären. Gleichzeitig schrieb er, es sei in der Branche üblich, eigene Produktionen zu kaufen. Sogar Brian Epstein, Manager der Beatles, habe 10.000 Singles kaufen lassen. Er habe den Eindruck einer Kampagne gegen ihn und den Verdacht, ein Branchen-Goliath habe vielleicht etwas gegen ihn, den David.
Branchenkenner sagen in der Tat, daß viele Produzenten, die es sich leisten können, erst einmal 10.000 Euro investieren, um die eigene CD zu kaufen. Diejenigen, die nicht ihre eigenen Mitarbeiter zum CD-Kauf durch die ganze Republik schicken wollen, heuern Marktforschungsinstitute an, die im Auftrag des Produzenten eine bestimmte CD massenweise erwerben.
Dahinter steckt folgende Überlegung: Nur wer schon in den Charts vertreten ist, wird von den Radiosendern gespielt und in Fernsehsendungen eingeladen, bekommt also die Öffentlichkeit, die notwendig ist, um ein Lied bekannt zu machen. "Und wer erst mal im Fernsehen ist und den ganzen Tag im Radio gespielt wird, dessen CD kaufen die Leute von alleine", sagt ein Branchenkenner.
Wie Bargeld
"So kommt dann auf einmal ein Song, den eigentlich keiner wollte, zum Grand Prix", sagt ein Mitarbeiter einer Plattenfirma. Bei den Plattenfirmen ist die Methode verpönt, die eigenen Platten, wie es die Produzenten machen, aufzukaufen. Sie gilt als ehrenrührig. Die großen Musikunternehmen setzten eher auf die Kooperation mit den Medien, um ihre Künstler zu positionieren.
Es gibt einige Printprodukte und Fernsehsendungen, die für die Plattenfirmen besonders interessant sind, zum Beispiel "Wetten, daß..". "Seinen Künstler in dieser Show unterzubringen ist für die Plattenfirmen wie Bargeld", sagt ein Medienberater, der im Auftrag von Musikunternehmen Künstler in den Medien positioniert. "Wenn da jemand am Samstag aufgetreten ist, schießen am Montag die CD-Verkäufe in die Höhe."
Ausgehandelte Festpreise
Um einen noch nicht so bekannten Künstler in einer beliebten Unterhaltungssendung unterzubringen, schrecken einige Plattenfirmen auch vor Erpressung und Bestechung nicht zurück. So heiße es dann zum Beispiel: "Ihr bekommt Madonna nur, wenn ihr in einer anderen Sendung den Nachwuchskünstler xy auftreten laßt."
Andere Plattenfirmen handeln mit den Fernsehsendern lieber gleich Festpreise für ihre Künstler aus: "Einige Musiker treten nur in Fernsehsendungen auf, weil die Plattenfirma den Sender oder die Produzenten der Sendung dafür bezahlt hat", sagt eine Sängerin, die auf diese Weise schon an Auftritte gekommen ist.
Mit persönlichen Geschichten in die Schlagzeilen
Neben "Wetten, daß..." ist auch ein Auftritt bei Stefan Raabs "TV Total" begehrt: "Die Einschaltquote ist zwar nicht so hoch, aber die Zuschauer von TV Total sind tendenziell auch Leute, die CDs kaufen", sagt der Medienberater. Eine andere Methode ist es, den Künstler mit persönlichen Geschichten in die Schlagzeilen zu bringen, und zu hoffen, daß diese Medienpräsenz sich auch in einem Interesse des Publikums an der Platte niederschlägt.
Nicht alle Geschichten, die mit dieser Intention lanciert werden, entsprechen jedoch der Wahrheit: "Da werden schon mal Geschichten aufgebauscht, ausgedacht und angebliche Paparazzi-Fotos gestellt, damit die Medien auf einen Künstler anspringen."
"Alles war korrekt"
Der Norddeutsche Rundfunk (NDR), der beim Grand Prix federführend ist, will trotz allem, daß Gracia nach Kiew fährt. Am 24. März, als er auf dem Rückweg von einem Termin in der ukrainischen Hauptstadt war, hörte der NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer zum ersten Mal von den Vorwürfen.
Schon damals hielt er "spontan" an dem Zuschauerentscheid für Gracia fest. Und blieb dabei. Zur Sicherheit ließ der Sender aber nachprüfen, ob bei der telefonischen Abstimmung vielleicht auch Manipulatoren am Werk waren. "Alles war korrekt", sagt Meier-Beer. "Es gab keine Anrufhäufungen von einzelnen Nummern."
"Zwingende Regeln"
Ende vergangener Woche merkte Meier-Beer dann, daß das Thema noch nicht vorbei war. An Gracia hält der NDR vor allem deshalb fest, weil die Zuschauer sich für sie entschieden haben. Danach könne man einen Kandidaten nur noch dann ausschließen, wenn gegen "zwingende Regeln" verstoßen wurde.
So war es beispielsweise 1999 im Fall Corinna May. Ralph Siegel hatte erst nach deren Sieg mitgeteilt, daß der Song schon veröffentlicht worden war. Damit hatte er gegen eine damals zwingende Richtlinie der Europäischen Rundfunkunion verstoßen. Corinna May durfte nicht starten - und ging erst drei Jahre später an den Start.
Keinen großen Ansturm
Die Regel, daß eine Wildcard-Kandidatin es unter die Top 40 schaffen muß, sei dagegen nicht zwingend. Normalerweise melden die Plattenfirmen ihre Künstler frühzeitig an - das gibt dem Sender Planungssicherheit. Um "aktuelle Akzente zu setzen", wie Meier-Beer das nennt, gebe es die Wildcard-Chart-Geschichte. Wenn Gracias Plattenfirma den Song einfach so gemeldet hätte, sagt Meier-Beer, "hätten wir ihn auch genommen". Denn mit den Anmeldefristen nimmt es der NDR - aus der Erfahrung, daß sie ohnehin nicht immer eingehalten werden - nicht so genau.
Nur vor der Veröffentlichung des Samplers mit allen Teilnehmern am 4. März mußten die Lieder feststehen. Anders als im Jahr zuvor gab es diesmal keinen großen Ansturm auf die Wildcards. Viele Künstler waren zu Stefan Raabs "Bundesvision Songcontest" abgewandert. Gracia hat also niemanden verdrängt. Und der Künstlerin selbst werden ja auch gar keine Vorwürfe gemacht.
Text: F.A.Z., 13.04.2005, Nr. 85 / Seite 10
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Auf den Fersen von Barack Obama: Live-Reportage aus ![]()
Wissenschaftsevaluation: Die bibliometrische Verblendung
Wie altmodisch ist Rupert Murdoch?
Olympisches Lexikon: Z wie Zukunft
Geist und Gehirn (3): Was der Neurowissenschaftler Singer nicht gelernt hat
