Von Alexander Mühlauer
24. Mai 2005 Hinter der breiten Fensterfront einer ehemaligen Fabriketage am Kreuzberger Spreeufer sitzt Fitz Braum. Lässig lehnt er in seinem schwarzen Ledersessel. Auf dem Schreibtisch vor ihm stapeln sich CDs, und an der weißen Wand hängen vier silberne Ziffern: 0711 - die Telefonvorwahl Stuttgarts. Darunter ein kleines Pappschild: "Music is okay".
Braum, 48, kantiges Gesicht, eckige Brille, ist Geschäftsführer der Firma Four Music, des Plattenlabels der Fantastischen Vier. Er hat die vier schwäbischen Popstars, die deutschen Hip-Hop hitparadenfähig machten, einst zum Musikriesen Sony Music geholt. Sie haben ihn dafür später zum Chef ihres Plattenlabels gemacht. Dazwischen liegen 15 Jahre und jede Menge goldener Schallplatten.
"Bei uns herrscht hitsinglefreie Zone", sagt Braum und verrät damit das Erfolgsgeheimnis des Mini-Labels. Four Music setzt nicht, wie sonst in der Branche üblich, auf schnelle Charthits und massentaugliche Superstars. Trotzdem verkaufte die Firma allein im vergangenen Jahr 800.000 Platten.
Die Berliner wachsen gegen den Trend
Das ist außergewöhnlich viel für ein kleines Unternehmen, das keinen Plastik-Pop produziert, sondern vor allem Hip-Hop-, Reggae- und Soul-Künstler unter Vertrag hat. Innerhalb von drei Jahren hat Four Music seinen Umsatz verdoppelt. Während der Musikmarkt seit Jahren schrumpft, erwirtschafteten die Berliner 2004 ein Rekordergebnis in achtstelliger Höhe.
Ein heißer Herbst liegt hinter dem Plattenlabel. Im September stieg das Album von Gentleman, einem weißen Pfarrerssohn aus Köln, der jamaikanische Reggae-Musik macht, auf Platz eins der deutschen Charts ein. Dort hielt es sich zwei Wochen und wurde von Max Herre abgelöst. Das machte aber nichts, denn auch Herre steht bei Four Music unter Vertrag. Zwei Wochen später stiegen die Fantastischen Vier, denen das Label zu 72 Prozent gehört, selbst in die Hitparade ein. Zwar "nur" auf Platz zwei - aber dafür hat ihr Album "Viel" bereits Platin-Status erreicht.
Vor allem erinnerte er nicht an Grönemeyer
"Was wir machen, trauen sich die anderen nicht - oder sie dürfen es einfach nicht", sagt Braum. Er ist stolz darauf, daß Four Music beweist, wie man mit deutschen Künstlern sehr erfolgreich sein kann.
Es war 1997, als Max Herre Four Music den ersten Hit und die erste Gold-Auszeichnung bescherte. Freundeskreis hieß seine Band damals und "A.N.N.A." der Ohrwurm. Er klang nach Hip-Hop mit einem Touch Soul. Auf einmal gab es etwas, was Deutschlands Jugend bis dahin nicht kannte: Einer singt deutsch und hört sich trotzdem cool an. Und er erinnert vor allem nicht an Grönemeyer oder Westernhagen.
"Der größte Feind des Künstlers ist seine Plattenfirma"
Mit Freundeskreis spielte Herre in ausverkauften Hallen und Fußballstadien. Er verkaufte allein mit dem letzten Album weit über eine Viertelmillion Platten. Eine Karriere, die eigentlich nach bewährtem Muster weitergehen müßte. Regelmäßig ein neues Album, möglichst viele Tourneen und eines auf keinen Fall: den etablierten Stil ändern. Doch Herre setzte in die Tat um, was er "totale künstlerische Freiheit" nennt - und was Four Music "okay findet". Er hörte mit Freundeskreis auf, brachte fünf Jahre keine Platte heraus und kam dann mit einem anspruchsvollen Album unter eigenem Namen zurück. Wäre Herre bei einem der großen Musikkonzerne unter Vertrag gewesen, hätten ihn die Bosse angesichts solcher Attitüden wohl längst vor die Tür gesetzt.
Nicht so Four Music. Thomas D. von den Fantastischen Vier, die von ihren Fans "Fantas" genannt werden, formulierte einst: "Der größte Feind des Künstlers ist seine Plattenfirma." Genau dieses unter Musikern weitverbreitete Klischee hatten die vier Pioniere des deutschen Sprechgesangs vor Augen, als sie 1996 Four Music in Stuttgart gründeten.
Nur große Entscheidungen fällen alle vier gemeinsam
Eine Plattenfirma von Künstlern für Künstler sollte entstehen. Daß Popstars neue Talente besser verstehen und mit ihnen zusammenarbeiten können, soweit will Michi Beck, einer der vier "Fantas", jedoch nicht gehen. "Ich glaube, Künstler fassen zu mir schneller Vertrauen, wenn ich selbst auf Tour oder als DJ unterwegs bin - man trifft sich dort mit Gleichgesinnten und nicht mit dem Plattenboß", sagt er. Beck ist der einzige der Fantastischen Vier, der in Berlin lebt und "jeden Tag drei bis vier Stunden im Büro sein muß, um zu wissen, was passiert". Bandmitglied Smudo arbeitet von seiner Hamburger Wohnung aus mit, und die beiden anderen haben, so glaubt Beck, "keine Lust drauf", für das Label zu arbeiten. Nur große Entscheidungen fällen alle vier gemeinsam.
Wie zum Beispiel den Umzug des Labels von Stuttgart-Heslach nach Berlin-Kreuzberg vor fast drei Jahren. "Das war überlebenswichtig", sagt Beck. Nach einem Hip-Hop-Boom in den 90er Jahren verstand es die Stadt am Neckar nicht, die junge Szene weiter zu fördern. Heute teilt sich Beck den vollgestapelten Doppelschreibtisch mit Fitz Braum. Von seinem Sessel aus sieht er, wenn er durch die Glasfront blickt, am anderen Ufer der Spree die Deutschland-Zentrale des Musikkonzerns Universal Music. Der Branchenriese macht für Four Music den Vertrieb, denn ganz allein können auch eigentlich unabhängige Plattenfirmen nicht mehr. Universal bekommt dafür bis zu 18 Prozent der Verkaufseinnahmen von Four-Music-CDs und gibt dem Nachbarn vis-a-vis jährlich einen Vorschuß. Oder wie Braum sagt: "Ein bissel Geld!"
Giganten haben sich gesundgeschrumpft
Daß sich Giganten wie Universal allmählich gesundgeschrumpft haben, macht es für Four Music nicht leichter. "So doof sind die nicht mehr, daß sie eine Joy Denalane laufen lassen", meint Braum, "bei denen kommen jetzt nicht mehr nur die Finanzleute, sondern auch die Kreativen wieder zu Wort." Denalane, die Soul mit deutschen Texten singt, hatte vorher einen Vertrag mit einem großen Plattenkonzern. Nach ein paar hastig produzierten Flop-Popsongs war's das mit der Traumkarriere als Musikerin. Nicht ganz, denn Four Music gab ihr genügend Zeit, eine ausgereifte Platte zu machen, und nahm sich genügend Zeit, die Künstlerin am Markt richtig zu positionieren.
"Wir wollen so lange weitermachen, wie die Musikbranche noch funktioniert", sagt Beck, "wenn man nur noch ein Lied rausbringen kann, um damit Geld zu verdienen, macht es keinen Spaß mehr." Zur geplanten Altersvorsorge sei die Firma allerdings nicht geworden. Auch Four Music blieb von der Krise am Musikmarkt nicht verschont. Anstatt in den Plattenladen zu gehen und CDs zu kaufen, laden sich immer mehr Menschen Musik illegal aus dem Internet herunter oder kopieren sich die begehrte Ware. Wie die Branche das Problem in den Griff kriegt und wer zukünftig wie Musik vervielfältigt, das weiß Braum nicht - aber er ist sicher: "Das Interesse an recorded music wird nie aufhören."
"Eine Frontfrau mit Gitarre und drei, vier Jungs - schon wieder unsexy
Um im harten Wettbewerb auf der Suche nach dem nächsten schwierigen Talent zu bestehen, denkt man bei Four Music derzeit viel über Expansion nach. Ein Büro in London gibt es bereits, von dort aus wird vor allem elektronische Musik vermarktet. Braum hat außerdem noch andere Musikgenres, fern von deutschen Texten, fest im Blick.
Und das zu Zeiten, wo gerade Bands aus Deutschland die Musikindustrie und ihre Plattenbosse wieder Hoffnung schöpfen lassen. Eine neue "Neue Deutsche Welle" wird ausgerufen. Dem Sound von "Wir sind Helden", "Silbermond" oder "Juli" entkommt niemand, der das Radio aufdreht. Bei Four Music beobachtet man diese Entwicklung sehr kritisch: "Das ist wieder so 'ne Masche. Da machen wir nicht mit", sagt Braum, "eine Frontfrau mit Gitarre und drei, vier Jungs hintendran, das fühlt sich jetzt schon wieder unsexy an." Das ewige Elend der Popindustrie wiederholt sich gerade wieder: Was Erfolg hat, wird so oft und so schnell wie möglich zu Tode reproduziert.
Speerspitze, nicht Trittbrettfahrer
Da will Braum lieber ein Rock-Label gründen. Denn Four Music soll, wie er sagt, "nur die Speerspitze sein, nicht der Trittbrettfahrer". Und im Rockbereich, da tue sich eben was. "Es gibt in Deutschland eine New-Rock-Welle", ist Braum überzeugt. Da muß er nur noch seinen Schreibtischkollegen Beck überzeugen. Der steht Braums Idee noch ein wenig skeptisch gegenüber: "Inhaltlich habe ich kein Problem mit Rock. Aber ich kenne mich in anderen Dingen besser aus."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005, Nr. 20 / Seite 43
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