Internationaler Punk-Kongreß

Das Herz war Anarchismus

Von Andreas Rosenfelder

27. September 2004 Niemand stört sich an den Hakenkreuzen im Schaufenster. Kein Aufruhr wegen der Pornohefte hinter der Scheibe. Nicht einmal der Schriftzug "Wir sind doch Nazis!" ruft die Polizei auf den Plan, obwohl deren Hauptwache gleich um die Ecke liegt. "Wahrscheinlich merkt einfach jeder sofort, daß hier Kunst passiert", seufzt einer der jungen Künstler, die in der "galerie loyal" am Kasseler Hauptbahnhof ihr Alternativprogramm zum "Punk!Kongreß" veranstalten und bei Flaschenbier und Musik Heftchen mit Namen wie "Sex Express" zerschnipseln. Kein Weltuntergang in Kassel.

Vielleicht war die Zukunftslosigkeit von Punk ja schon ein Mythos, als im Ursprungsjahr 1977 "die zwei apokalyptischen Siebenen zusammenstießen", wie der Kulturwissenschaftler Dick Hebdige - damals in England, heute in Kalifornien - auf dem offiziellen Kongreß formulierte. In der Unvorstellbarkeit des Utopischen sah Hebdige, der auch im gestandenen Mannesalter noch eine stolze Mod-Haartolle zur Schau trägt, das in Zeiten des Terrors wieder nachvollziehbare Alleinstellungsmerkmal der Punkbewegung im Gegensatz zu den vorausgehenden Hippies und den nachfolgenden Ravern. Tatsächlich hätte von den hundertvierzigtausend Euro, mit denen die Bundeskulturstiftung die ambitionierte Veranstaltungsidee der Berliner Fernsehjournalisten Ricarda Eggs und Matthias Eder unterstützte, kein schnorrender Straßenpunk in den Fußgängerzonen der achtziger Jahre zu träumen gewagt.

„Punks reden nicht über Punk!“

Doch auch wenn im Internetforum zum Kongreß heftige Wortgefechte über Verrat durch "hohe Eintrittspreise, Wissenschaft, Dummschwätzer und Kunstkacke" tobten und die ehernen Reinheitsgebote des Dosenbierpunks verteidigt wurden: Auch Punk ist ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung, und das ist keine Tragödie, im Zeitalter seiner Historisierung angekommen. In Japan, so ging das Gerücht, könne man Punk an den Musikhochschulen bereits als Studienfach belegen. Besonders die von jeder No-Future-Ideologie unberührte Generation, die in den frühen Neunzigern mit Hardcore-Bands wie "Fugazi" oder den "Seven Seconds" sozialisiert wurde und heute in die Hierarchien der Universitäten nachrückt, hat mit der Objektivierung eigener Lebensgeschichte kein Problem. In den Pausen tauschte man sich über Dissertationsprojekte zur Hardcore-Szene und Zulassungsarbeiten über die asketische Straight-Edge-Bewegung aus.

Punk stellte eben, das zeigte die international besetzte Tagung in aller Deutlichkeit, in weiten Teilen stets ein Mittelklassephänomen dar. Kein Wunder, daß viele seiner Propheten heute im Bereich der Hochkultur angekommen sind. Andy Shernoff, als ehemaliger Songschreiber der "Dictators" und Herausgeber der "Teenage Wasteland Gazette" einer der Kirchenväter der amerikanischen Szene, ist heute Sommelier und schwört auf Edelreben statt auf billiges Importbier. Folgerichtig erklärte Shernoff den Punk im Rückblick zur ästhetischen Bewegung. Selbst der Hinternansatz, den ein junger Besucher den auf der Bühne versammelten älteren Herren ("Ihr seid keine Punks! Punks reden nicht über Punk!") zeigte, wirkte vor den blitzenden Kameras wie ein uralter Trick der Performancekunst.

In "leeren Sprechblasen" und im "negativen Nihilismus" steckengeblieben

In Bestform verkörperte Malcolm McLaren, der legendäre Erfinder und Manager der "Sex Pistols", die Läuterung des Punk zum reinen Stil. Als britischer Gentleman in Trenchcoat und Pullunder betrat der Endfünfziger den von Bierdunst gefüllten Saal der "Caricatura" im Hauptbahnhof, um wie der alte Bilbo Beutlin auf der leeren Bühne Platz zu nehmen und in Rauchschwaden gehüllte Weisheit zu verströmen: Von seinem alten Kunstprofessor habe er in den sechziger Jahren "das noble Streben nach dem Scheitern" gelernt. Und offenkundig betrieb der Weggefährte von Jean-Luc Godard und Francis Bacon das Versagen mit mehr Erfolg als seine nach eigener Auskunft "mißbrauchten" Geschöpfe, die entweder (wie Sid Vicious 1979) im Selbstmord oder (wie Johnny Rotten 2004) in einer Dschungelshow für B-Prominente endeten.

McLaren jettet heute um die Welt, um mit Karaoke-Sängerinnen aus Peking und Hackern aus der Pariser Vorstadt Projekte in Florenz auf die Beine zu stellen. Tatsächlich schien McLarens Hochglanzphilosophie aus dem Boudoir zu belegen, was der slowenische Hardliner Sezgin Boynik als marxistische Verschwörungstheorie ausarbeitete: Die Rebellion des Punk sei eine bourgeoise Erfindung gewesen, um die Revolution zu verhindern. Und der berüchtigte Angriff der "Sex Pistols" auf die bedeutungslose Monarchie mit "God Save The Queen" verschleiere nur die Macht des Kapitals, die auch die Kulturindustrie umfasse. Punk sei, so Boyniks vernichtendes Urteil, in "leeren Sprechblasen" und im "negativen Nihilismus" steckengeblieben.

So redet natürlich nur ein Geschichtsphilosoph, der mit Georg Lukàcs noch an die große Zukunft glaubt. Dabei versuchte doch gerade der Punk immer wieder, die Leere aller Sprechblasen als Schauplatz für überraschende Aktionen zu nutzen. Natürlich begann die Vermarktung des Genres, wie die Ausstellung zum Kongreß zeigte, nicht erst 1978 mit der in der "Freundin" abgedruckten Roland-Kaiser-Parodie von Dieter Hallervorden: "Punker Maria / Ich hab' meine Nadel verloren / Nur ein leeres Loch in den Ohren." Aber wer am Rande des Kongresses alte Super-8-Filme wie Klaus Maecks "Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen" ansah oder Konzerte wie den ruppigen Auftritt der inzwischen fast schon als Rentnerband agierenden "Buzzcocks", der spürte doch instinktiv, daß wir gerade dem negativen Nihilismus - wie sollte es auch anders sein - ziemlich viel Positives verdanken.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite 41
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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