Beastie Boys

Neue Sagen des Altertums

Von Johanna Adorjan

14. Juni 2004 Seit 1981 gibt es die Beastie Boys, wenn Sie schon von ihnen gehört haben, können Sie diesen Absatz bedenkenlos überspringen, denn hier soll nur rasch die Geschichte dieser New Yorker Rap-Gruppe umrissen werden, die bislang fünf Alben umfaßt.

Alle sehr unterschiedlich, das erste 1986 noch sehr punkig (größter Hit: "Fight for Your Right to Party"), das zweite, "Paul's Boutique", 1989, dann viel ambitionierter, mit so bis dahin ungehörten Sample-Methoden, auf der nächsten Platte spielten die Beastie Boys plötzlich Instrumente, na ja, man muß das nicht alles im Detail erzählen, wichtig zu wissen ist vielleicht noch, daß die Beastie Boys aus drei Mitgliedern bestehen - Mike Diamond, Adam Horovitz und Adam Yauch -, alle drei weiß, Mitglieder der jüdischen New Yorker Mittelschicht, daß sie als das gelten, was gemeinhin "cool" genannt wird, was auch an ihren Videos liegt, zum Beispiel "Sabotage", (1994, Regie Spike Jonze), in dem sie aussahen und sich Verfolgungsjagden lieferten wie Cops aus 70er-Jahre-TV-Serien - und daß man die letzten fünf Jahre lang nichts von ihnen gehört hat (letzte Platte 1999: "Hello Nasty", größter Hit darauf: "Hello Nasty").

Neue Platte mit Wiedererkennungswert

Jetzt erscheint eine neue Beastie-Boys-Platte. "To the 5 Boroughs" heißt sie, und die erste Single zwingt einen, sollte man im Plattengeschäft nach ihr fragen, zu scratchgeräusch-imitierender Lautmalerei: "Ch-Check it out". Es ist eine gutgelaunte Single, der der Spaß anzumerken ist, den die drei Männer offensichtlich auch nach 23 Berufsjahren noch an ihrer Musik haben.

Musikalisch ist sie nicht weit entfernt von der letzten Platte (Fans werden nun wissend gucken, alle anderen können sich darunter vorstellen: einen eher hölzernen Beat, zu dem man mit dem Kopf nicken muß, ob man will oder nicht; eine normale, eine heisere und eine butterig-hohe Männerstimme, die abwechselnd die Textstrophen brüllen; spärliche Instrumentierung, auf betonte Taktschläge Akkorde, die klingen, als wären sie der Auftakt zu irgend etwas, dann geht es aber doch immer genau gleich weiter, was insgesamt einen vorwärtsgerichteten Eindruck erzeugt).

Hommage an New York

Der Text der ersten Single ist allerschönster Angeber-Rap, die Sorte Text also, für die diese Musikrichtung einst erfunden wurde: I work magic like a magician / I add up like a mathematician - oder Like that y'all and you just don't stop / Guaranteed to make your body rock. Reime wie aus den Anfangsjahren des Hip-Hop, als es noch darum ging, sich gegenseitig spielerisch fertigzumachen und zu übertrumpfen. Überhaupt ist die ganze CD eine Verbeugung vor der Geburtsstätte des Rap, vor New York, dessen fünf Stadtteilen das Werk ja auch gewidmet ist - gemeint ist das New York, in dem die Beastie Boys aufwuchsen, das New York der späten siebziger und frühen achtziger Jahre.

Damals, man kann sich das heute kaum noch vorstellen, gab es in New York noch keine einzige Starbucks-Filiale. In den Restaurants und Bars dieser Stadt rauchten die Menschen, wenn sie wollten, Zigaretten. Die S-Bahn-Züge waren von oben bis unten mit Schriftzügen bemalt. Am Times Square arbeiteten Taschendiebe, im East Village wurde mit Crack gedealt. Es gab die Rock Steady Crew und die Sugarhill Gang. Und wenn man an einem schönen Morgen in Richtung Süden guckte, konnte man zwei Türme in der Sonne glitzern sehen.

Familienvater und B-Boy

"To the 5 Boroughs" ist eine Hommage an eine Stadt, die es nicht mehr gibt. Die Beastie Boys, die alle auf die Vierzig zugehen, blicken zurück auf eine längst vergangene Zeit. Ältere Menschen tun dies öfter. Im Hip-Hop ist man mit Vierzig ein älterer Mensch. Da helfen auch keine quer aufgesetzten Baseball-Käppis, wie Mike Diamond bei einem Berlin-Konzert vor wenigen Wochen eine trug (vielleicht sogar ganz im Gegenteil).

Trifft man die Beastie Boys zum Interview, hat man drei außerordentlich freundliche, junggebliebene Erwachsene vor sich, die übergroße T-Shirts tragen, deren bunte Farben einen hübschen Kontrast zu den grau gewordenen Schläfen bilden. Sich mit ihnen ernst zu unterhalten ist eher nicht möglich. Hier der Versuch eines Gesprächs darüber, wie es ist, als Rapper langsam in die Jahre zu kommen, wie es sich vereinbaren läßt, noch immer ein B-Boy zu sein und dabei längst verheirateter Familienvater (zwei der Beastie Boys haben Kinder):

Bei Auftritten - fühlen Sie sich da heute genauso wie früher? Wie alt fühlen Sie sich, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Mike Diamond: Gestern abend fühlte ich mich nicht zu alt, ich dachte, meine Atmung war okay. Kein Kollaps.

Adam Yauch: Wie geht es deinem Rücken und deinen Knien? Ich hätte gerne meine Gehhilfe bei mir gehabt, mit Gehhilfe hätte ich mich sicherer gefühlt.

Mike Diamond: Weil der Auftritt kurz war, war ich heute morgen nicht einmal übersäuert. Und mit der Luftfeuchtigkeit, man denke nur an all die Facelifts, die ich hatte, die trennen sich natürlich auf, das ist verrückt.

Wie lange wollen Sie diese B-Boy-Attitüde noch aufrechterhalten?

Adam Horovitz: Der Vertrag läuft noch über zwei Jahre.

Adam Yauch: Eine Woche nach Donnerstag werden wir damit aufhören.

Mike Diamond: Aber wir werden versuchen neu zu verhandeln, vielleicht kriegen wir eine Verlängerung.

Adam Horovitz: Ich war mal Gothic, vielleicht komme ich darauf zurück.

Mike Diamond: Ich war mal ein verkrusteter Punk, aber ich habe zu schlecht gerochen, also wollte niemand mit mir befreundet sein, deswegen bin ich ziemlich schnell davon abgekommen.

Im Ernst, wann haben Sie Ihre letzte Block Party gerockt, wie Sie auf der neuen CD rappen?

Adam Yauch: Das muß 1923 gewesen sein, denke ich.

Mike Diamond: Bevor sie die U-Bahn bauten.

Adam Yauch: Entschuldigen Sie, wir haben alle etwas Jetlag.

Adam Horovitz: Mike fühlt sich nicht gut.

Mike Diamond: Ich fühle mich generell nicht gut.

Adam Yauch: Mike fühlt sich selbst nicht.

Mike Diamond: Aber ich rocke gut.

Und so weiter.

Reifer geworden

Die Beastie Boys, die ihren ersten Auftritt am 17. Geburtstag von Mike D hatten, sind öffentlich erwachsen geworden - in ihrem Fall bedeutete dies einen ziemlich großen Reifeprozeß, denn ihre Anfangsjahre waren doch noch ziemlich stark von Pubertät geprägt. Das erste Video hatte den Teenie-Mythos von der sturmfreien Bude zum Thema; die Bühne der ersten Tour zierte ein aufblasbarer Riesenpenis; viele Textzeilen des ersten Albums "Licensed to Ill", das zum meistverkauften Rap-Album der achtziger Jahre wurde, richten sich gegen Schwule.

1999 schrieb Adam Horovitz in einem offenen Brief im Magazin "Time Out New York": "Ich möchte mich in aller Form bei der gesamten schwulen und lesbischen Gemeinschaft für all die scheußlichen und ignoranten Dinge entschuldigen, die wir auf unserer ersten Platte gesagt haben." Adam Yauch veranstaltet seit Jahren Benefizkonzerte für Tibet. Einen Monat nach dem Terroranschlag vom 11. September organisierten die Beastie Boys ein Musikfestival gegen Gewalt. Und auf der neuen CD rappen sie vorbildlich gegen die Bush-Regierung: We've got a president we didn't elect / The Kyoto treaty he decided to neglect heißt es einmal. Oder: George W's got nothing on we / We got to take the power from he.

Glauben Sie, daß man mit politischen Rap-Texten etwas bewirken kann?

Adam Yauch: Diese Frage haben wir uns nicht gestellt - die Zeiten sind so, daß man an Politik nicht vorbeikommt. Wir haben etwa ein halbes Jahr nach 9/11 mit der Arbeit an diesem Album angefangen. Auf dem Weg ins Studio passierten wir Soldaten in voller Kampfmontur, mit Helm und Maschinengewehr, Militärfahrzeuge patrouillierten durch die Straßen.

Mike Diamond: Es gibt Dinge, die wir ansprechen mußten. George Bush und seine Regierung und seine Taten - es erfüllt einen derzeit mit Scham, Amerikaner zu sein.

Adam Yauch: Man kann nur hoffen, daß er nicht wiedergewählt wird. Nach ihm kann es ja nur besser kommen.

Je lauter desto besser

Und so handelt ein Text konsequenterweise davon, daß die Menschen die Macht haben, die Regierung abzuwählen, und daß sie diese Macht auch nutzen sollten. Es gibt aber auch reine Quatschtexte und Phantasietitel wie "The Brouhaha"; und es gibt eine Liebeserklärung an ihre verwundete Heimatstadt, "An Open Letter to New York", die in ihrer beschwörenden Intensität an die Szene aus Spike Lees "25th Hour" erinnert, in der der Protagonist in einen Spiegel guckt und all die Taxifahrer verflucht und die asiatischen Deli-Betreiber und der Subtext dabei nichts als Liebe ist: Dear New York, I know a lot has changed / Two towers down but you're still in the game.

Musikalisch zitiert das neue Album Hip-Hop-Klassiker wie "Rappers Delight", und benutzt Old-School-Samples von L.L. Cool Jay, Run DMC oder Marley Marl. Und vielleicht sollte man noch sagen, daß die Platte überhaupt nur etwas taugt, wenn man einigermaßen gute Baßboxen besitzt - so nebenher gehört, leise, auf einem schlechten Abspielgerät, ist sie wirklich keine Sensation. Es ist eine CD, die man unbedingt laut hören sollte. Sehr laut. Zur Not eben, wenn man mal sturmfrei hat, weil die Kinder in der Schule sind.

Das neue Album der Beastie Boys "To the 5 Boroughs" erscheint morgen (EMI); die
Single "Ch-Check it out" gibt es bereits.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 29
Bildmaterial: AP

 
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