Von Peter Henning
02. Januar 2007 Nicht erst seit den eher kläglichen Versuchen Julian Lennons, in die Fußstapfen seines in der Nacht des 8. Dezember 1980 von dem geisteskranken Eiferer Mark Chapman ermordeten Vaters John zu treten, scheint es - rein musikalisch betrachtet - aussichtslos, vor dem Namen des Übervaters und des Heiligen Popgeistes mit eigenen populärmusikalischen Schöpfungen bestehen zu wollen. Ein Gefühl, das sicher auch Sean Lennon, den jüngsten Sohn Lennons und Yoko Onos, manches Mal beschlichen haben muss - das man seiner Musik aber nicht mehr anmerkt.
Denn sechsundzwanzig Jahre nach den tödlichen Schüssen präsentiert der 1975 in New York geborene Sean Lieder, die sich erstaunlich unberührt zeigen von dem überlangen Schatten seines Vaters. Mehr noch: Friendly Fire, das zweite Album des Sängers und Multi-Instrumentalisten, verströmt eine solch Unbefangenheit, dass man meint, hier musiziere einer wahrhaftig ganz ohne Ambitionen. Und so scheint die eigentliche Botschaft dieses Albums denn auch zuallererst zu lauten: Ich bin wieder da!
Unvermeidliche runde Augengläser
Acht Jahre liegt sein Free-Jazz-, Pop- und Hip-Hop-Versatzstücke mischendes Debüt Into The Sun nun zurück - eine halbe Ewigkeit in der Musikbranche, die für andere, weniger prominent durch die Szene irrlichternde Geister unweigerlich Vergessen bedeutet hätte. Doch nicht so im Fall des mit einem der prestigeträchtigsten Namen der Popgeschichte und offenbar unvermeidlichen runden Augengläsern ausgestatteten Lennon-Sohns. Sein neues Album nun rollt leise und fast wie in Trance an.
Doch was sich da, getragen von einer nasalen Säuselstimme, zunächst in einlullender Gleichförmigkeit ergeht, erweist sich bei genauerer Betrachtung als das Produkt eines raffinierten Versteckspielers, der, getarnt von süßlichen Melodiebögen, autobiographische Geschichten voller Tiefgang zelebriert. War Into the Sun seinerzeit eine Sammlung schnoddriger Talentproben, so ist Friendly Fire das geschlossene Werk eines gereiften Musikers, angefangen bei dem zart anhebenden Dead Meat oder dem bissigeren Parachute bis hin zum klagenden, von schnarrenden Akustikgitarrenklängen grundierten Herzschmerz-Titelstück.
Der von seiner Liebsten düpierte Degenfechter
Lennons Freundin soll diesen übrigens mit seinem besten Freund betrogen habe. Dementsprechend erleben wir ihn auf der dem Tonträger beigelegten DVD mal in der Rolle des D'Artagnan, des von seiner Liebsten düpierten Degenfechters, der von der Fuchtel seines Widersachers tödlich getroffen zu Boden sinkt, oder als siegreicher Rollerblader, der vom Blitzstrahl einer Hexe jäh ins Jenseits befördert wird. Aufarbeitungsliteratur nennt man derlei gemeinhin despektierlich.
Tatsächlich aber erweist sich Lennon in anderen Gesangsstücken keineswegs als sentimentaler Selbstbespiegler, sondern als kühler Beschwörer. Aus dem Hause Lennon gibt es nun zehn neue kleine, bisweilen herzergreifend schöne Lieder über die Abwesenheit der Liebe, an deren Oberfläche es wohlig blubbert, nur um zu verbergen, welch heftige Eruptionen sich in Wahrheit in der Tiefe ereignen.
Text: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite 42
Bildmaterial: AFP, AP
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