Pop

Das süße Jenseits

Von Joachim Hentschel

Lebt nicht nur für “Bravo“-Leser: Kurt Cobain

Lebt nicht nur für "Bravo"-Leser: Kurt Cobain

01. Februar 2005 Richtig toll war das nicht, letztes Wochenende bei der Moshammer-Beerdigung. Kaum Prominente da, die Trötenmusik von der Schützenkapelle, und kaum war der Pfarrer fertig, saßen schon die guten Bekannten bei Frauke Ludowig und kritisierten, der Mosi hätte doch wirklich besser aufpassen können.

Vom üblichen Boulevardkitsch abgesehen: Daß ein Prominententod soviel weniger Bestürzung auslöst als globale Katastrophen, müßte Mediensoziologen freuen. Immerhin, Hündin Daisy spielt ab sofort bei der Soap-Serie „Unter uns“ mit - so bleibt dem Fernsehen doch noch ein gutes Stück Mosi, das man flexibel einsetzen kann. Eine Totenruhe für Popstars gibt es ja längst nicht mehr.

Kurt Cobain neben Harry Potter

Erfolgreiches Karrierejahr: Ray Charles

Erfolgreiches Karrierejahr: Ray Charles

Kürzlich druckte die Teenager-Zeitschrift „Yam!“ eine Beilage mit vierundzwanzig signierten Autogrammkarten: wangenrote Gesichter wie Britney Spears und die „Harry Potter“-Schauspieler, mittendrin Kurt Cobain, Sänger der Band Nirvana. Seit knapp elf Jahren tot. Ein niedliches Autogramm, mit Peace-Zeichen verziert. Daß Cobains frischer Gruß an die Leser aus dem Grab kommt, stand nicht dabei. Er ist halt immer noch unter uns, seit alle über die CD-Box sprechen, in der die Nachlaßverwalter vor allem minderwertige Aufnahmen aus der Wohnküche anbieten („With the Lights Out“, im Dezember erschienen bei Universal).

„Sechs Monate nach seinem Tod beginnt für Ray Charles ein starkes Karrierejahr“, schreibt die Nachrichtenagentur AP und meint das wohl ganz ernst: Die Filmbiographie „Ray“ läuft gut, und bei der Grammy-Verleihung, die Mitte Februar in Los Angeles stattfindet, ist Ray Charles für zehn Preise nominiert. Für eine Platte, die erst nach seinem Tod, im Juni vergangenen Jahres, herauskam. Auch von Rapper Tupac Shakur, der im September 1996 erschossen wurde, gibt es mal wieder eine neue CD („Loyal to the Game“, Interscope) - sein früherer Rivale Notorious B.I.G., ein Jahr später ermordet, zieht bald mit einem Album nach, an dem Star-Produzent P. Diddy gerade arbeitet.

Eine neue Dimension

Daß Verstorbene gute Verkaufszahlen bringen, ist nicht neu, doch hat das alles in den letzten Jahren eine neue Dimension bekommen: Heute läßt es die Unterhaltungsbranche gar nicht mehr zu, daß ihr die besten Leute wegsterben. Tote Popstars, die es sich früher auf Airbrush-Postern im Himmel bequem machen durften, müssen heute unter der Knute des Kulturbetriebs weiterarbeiten, Autogramme geben, Auszeichnungen entgegennehmen. Sie müssen weiter Platten machen, mit Leuten im Duett singen, die sie nie getroffen haben, sogar Videos drehen.

Und weil man den Aufgebahrten selbst schlecht mitnehmen kann, ist die frühere Band währenddessen mit einem Stellvertreter auf Tournee. Zwei Lebende der Gruppe Queen - die beim Abschied von Freddie Mercury vor dreizehn Jahren versicherten, ohne ihn gehe es nicht weiter - kommen im April mit einem Ersatzsänger zu uns. Und die australische Band INXS macht aus der Suche nach einem Nachfolger für ihren 1997 gestorbenen Sänger Michael Hutchence sogar eine Castingshow, die ab März im amerikanischen Fernsehen läuft.

Sieben Alben post mortem

Die Trauerfristen werden kürzer, die ehemals beste Ausrede - „Entschuldigung, ich bin tot!“ - zieht nicht mehr. Das spektakulärste Beispiel ist der erwähnte Tupac Shakur. Bis zu seinem Tod hatte er insgesamt knapp sechs Millionen Platten verkauft. In den folgenden acht Jahren stieg die Zahl auf weltweit fünfunddreißig Millionen.

Sein Nachfolger wird ein Casting-Sänger: INXS-Star Michael Hutchence

Sein Nachfolger wird ein Casting-Sänger: INXS-Star Michael Hutchence

Sieben Alben mit unveröffentlichten Stücken erschienen post mortem, 2003 startete eine Modelinie, demnächst kommt ein Broadway-Musical. Angeblich sind die Archive noch immer voll mit ungenutzten Tupac-Aufnahmen - praktisch: Sprechgesang läßt sich im digitalen Studio besonders leicht auf den aktuellen Stand bringen. Da hatten die Leute in den siebziger Jahren, die Szenen aus alten Filmen des verstorbenen Bruce Lee neu zusammenklebten, noch mehr Probleme.

Elvis, der Supertote

In der Liste der bestverdienenden Toten für 2004, die der Wirtschaftsinfodienst Forbes erstellte, belegt Tupac mit fünf Millionen Dollar Jahresgewinn Platz fünfzehn. Oben steht Elvis Presley, der ikonographische Supertote, der 1977 starb und vor zwei Jahren an einem Nike-Spot beteiligt war. Sein Jahresgewinn betrug im vergangenen Jahr vierzig Millionen Dollar.

Mal wieder eine neue CD von Tupac Shakur

Mal wieder eine neue CD von Tupac Shakur

Elvis starb auf einem goldenen Klo, sagen die Lustigen. Er starb überhaupt nicht und steht in Alabama regelmäßig an der Fleischtheke, sagen Verschwörungstheoretiker. Elvis starb eigentlich schon 1958, als er zur Army ging, sagen Analytiker - weil er hinterher nur noch Gartenzwergmusik machte. Und die Ökonomen sagen: Der Tod war sein bester Karriereschachzug.

Sie müssen weitersingen

Diese vier typischen Sätze enthalten auf so brillante Art jede Binsenweisheit, daß man mit ihnen bestens erklären kann, warum die Verstorbenen weitersingen müssen. Wer den Tod verdrängt und leugnet, hat im Fall des toten Prominenten nämlich ausnahmsweise recht: Die Bilder sterben nie. Und je mehr man sich an das Prinzip des Virtuellen gewöhnt, an die komischen Figuren, die im Internet den neuen Flash-Plug-In fordern und einen dann durch die Baumarkt-Homepage führen - um so weniger Beklemmung löst ein wandelnder, gutaussehender Frank Sinatra aus, der zwölf Jahre nach seinem Tod in der Albert Hall von der Leinwand aus ein Duett mit Robbie Williams singt.

Großverdiener auch im Jenseits: Elvis

Großverdiener auch im Jenseits: Elvis

Für die Unterhaltungsindustrie ist das alles besonders angenehm. Sie spart sich den Ärger mit den Künstlern, kann mit einem stabilen Image arbeiten und findet in den meisten Nachlaßverwaltern prächtige Geschäftspartner. Wenn es kurz vor Weihnachten ist, geben die sogar alte Anrufbeantworterbänder zur Veröffentlichung frei.

Lebende Bilder ihrer selbst

Wie so oft bekommt man die letzte Wahrheit erst, wenn man Adornos „Minima Moralia“ aufschlägt. Kapitel 63, „Tod der Unsterblichkeit“: Schon im Diesseits investieren die Menschen zuviel in den Ruhm, den sie in der Nachwelt haben wollen, schreibt Adorno. „Den Berühmten ist nicht wohl zumute. Sie machen sich zu Markenartikeln, sich selbst fremd und unverständlich, als lebende Bilder ihrer selbst wie Tote.“ Das heißt: Künstler, die ehrgeizig Ruhm angehäuft haben, sind eigentlich schon tot. Weil nur noch ihr Bild zählt und ihre Körper verzichtbar geworden sind.

Duett mit Robbie Williams: Frank Sinatra

Duett mit Robbie Williams: Frank Sinatra

Man kann das für verschwiemelten Fünfziger-Kulturpessimismus halten. Einige der poppigsten Typen der Gegenwart haben Adornos Maxime aber schon vorgeführt, wenn man sich etwas Interpretationsfreiheit nimmt. Robbie Williams legte sich bei den Konzerten seiner megalomanischen Stadion-Tour ein Lied lang flach auf die Bühne - auf den Rücken, wie tot - und ließ das Publikum singen. Und Rapper Eminem versöhnte sich auf der letzten Platte erst mit Feinden und Freunden, bevor er sich zum Schluß in einem Hörspiel die Pistole in den Mund schob und abdrückte. Er macht trotzdem weiter. Zuletzt hat er dreizehn Stücke für die Stimme von Tupac Shakur produziert.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 24
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa

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