Jason Mraz auf Deutschlandtour

Der Duft von Bratwürsten

Von Eric Pfel

11. Juli 2008 Alleine vom Rumstehen verliert man an diesem Abend im Kölner Luxor wahrscheinlich mehrere Kilo Gewicht. Begriffe wie „voll“ oder „heiß“ werden in bislang ungefühlte Dimensionen katapultiert. Teilweise bedarf es milder Gewalt, um sich eines Stehnachbarn, der einem am Arm festgeklebt ist, zu entledigen; viele fächern sich mit der Eintrittskarte Luft zu, manch junger Bursche hat sich gar gleich seines Hemdes entledigt.
Die Musik, das muss man schon sagen, passt denkbar gut zu der allgemeinen Kleberei: Der junge Mann auf der Bühne klingt wie ein kalifornischer Straßenmusiker und singt mit leichter Stimme davon, dass ihn die Sommerbrise in eine tolle Stimmung versetze (er formuliert dies zugegebenermaßen etwas beseelter). Da erstaunt es eigentlich, dass niemand einen Grill ins Luxor mitgebracht hat; die Musik lädt schließlich massiv dazu ein, die Luft mit Wurstbrutzelaroma vollzublasen, aber es herrscht ja seit anderthalb Wochen Rauchverbot. Dies ist auch der einzige Grund, warum keine Marihuanaglocke über dem Baggersee-artigen Treiben hier hängt. Doch auch so sind alle friedlich. Nicht auszudenken, was in diesem überhitzten Schuhkarton los wäre, wenn man jetzt auch noch von einer ohrenbetäubend aufspielenden finnischen Speedmetalband mit Blutimitat vollgespuckt würde.

Sommerstimmung durch handgespielten Stilmix

Solches liegt Jason Mraz, dem Musiker auf der Bühne, denkbar fern. Eine Zeitlang versinkt man kurz in einer Meditation darüber, wann und warum noch mal die Jugend wieder angefangen hat, sich für dermaßen banalen Strohhütchen-Pop zu interessieren: Sind Travis daran Schuld? Oder gar James Blunt? Oder war es der 11. September? Doch dem einunddreißigjährigen in Virginia aufgewachsenen Jason Mraz seine musikalisch versierte Launigkeit vorzuwerfen, führt nicht weit: Etwas derart Vergnügtes und Grundfröhliches zu kritisieren, bringt einem nur den Vorwurf der Miesepetrigkeit ein. Also lauscht man fasziniert und klebt noch etwas mehr mit dem Stehnachbarn zusammen.

Was man hört, ist dies: gut durchgemuckte Klumpatsch-Musik, dargeboten von einer vierköpfigen Backingband, die aus Westcoast-Pop, Weißbrot-Reggae, Afterwork-Soul, Songwriter-Kitsch und Straßenmusik eine kühle Sommersuppe zusammenrührt. Wertkonservative Instrumentenschützer würden sagen, alles sei echt und handgemacht. Anders ausgedrückt: Diese Musik ist von jener Sorte, die Jürgen von der Lippe früher begeistert bei „Geld oder Liebe“ angesagt hat: selbstgemachte Hawaiihemd-Lieder.

Unterhaltungstalent kommt gut an

Eines muss man Jason Mraz wirklich lassen: Er ist ein geborener Bühnenmensch. Zwischen den Songs reißt er unablässig Witze, imitiert mehrere Akzente, flirtet mit dem Saal und erzählt Stegreifgeschichten wie die über den Unterschied von Liebe und Freundschaft und die damit verbundenen Missverständnisse - der Saal johlt. In den Songs selbst braucht er gar nicht großartig zum Mitmachen aufzufordern, die Animation ist dieser Musik von vornherein eingebaut, und das Publikum singt bis in den hintersten Club-Winkel treu ergeben ohnehin jede Zeile mit. Ein bisschen versprüht Mraz dabei den Charme eines bekifften Stufensprechers, der sich das Aufhängen mehrerer Hängematten im Oberstufenraum zum wichtigsten Ziel seiner Amtszeit gesetzt hat. Ein frecher Lümmel mit viel Talent und Gewinneraura: Mraz könnte hier heute Abend „Don't worry, be happy“ singen - das Publikum würde immer noch durchdrehen. Es erstaunt fast, dass er den Song nicht spielt, dafür klaut er von Madness „Our House“ und räumt damit einen kollektiv singenden Club ab.

Ihm solches anzukreiden hieße, das Wesen dieses Pop-Schlawiners zu ignorieren: „We Sing, We Dance, We Steal Things“ heißt schließlich sein aktuelles Album. „Jason, Jason, Jason.“ skandiert der Laden, und Mraz bedankt sich mit einem albernen Scherz. So etwas hat man lange nicht gesehen: Jedes Mädchen hier im Raum würde vermutlich alles dafür geben, mit Mraz am Strand entlang zu spazieren; die Jungs wiederum würden vermutlich alle gerne einmal mit ihm gemeinsam Holz fürs Lagerfeuer sammeln.
Und während er hier noch spielt, ist längst seine nächste Tour durch Deutschland gebucht - die ihn diesmal in weitaus größere Hallen führen wird. Es ist also das letzte Mal, dass man eine derart intime Abi-Abschlussfeier mit ihm feiern kann. „School's over? You're all going on holiday now?!“, brüllt er irgendwann, und der Saal bestätigt jubelnd. Auf den iPods der nach Süden strömenden Jugendlichen wird mit Sicherheit vor allem dieser Launepop zu hören sein. Als am Schluss alles klatschnass nach draußen strömt, blitzt, donnert und gießt es vor der Tür. Darauf, dass zum Sommer auch Gewitter gehören, hat Jason Mraz sein Publikum nicht vorbereitet.



Bildmaterial: Thomas Brill

 
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