Ron Wood

Junger Stein

Von Edo Reents

01. Juni 2007 Auf die Nachricht, dass Mick Taylor seinen Dienst bei den „Rolling Stones“ quittiert hatte, reagierte Mick Jagger so: „Wir werden zweifellos einen brillanten, einsachtzig großen, blonden Gitarristen finden, der in der Lage ist, sich selbst zu schminken.“

Ron Wood konnte noch nicht einmal mit Letzterem dienen; obendrein war er klein, dunkelhaarig, rattengesichtig und technisch nicht annähernd so versiert wie Mick Taylor. Aber weil er außerordentlich trinkfest, pflegeleicht und eben niemand war, der Keith Richards hätte gefährlich werden können, war er gut genug für die Band, die für ihre Tournee im Sommer 1975 dringend jemanden brauchte, der eine Gitarre, einen Drink und eine Zigarette auf einmal halten konnte. So wurde Ron Wood ein Rolling Stone. Und man muss es aufs Konto seines Phlegmas oder einer übermenschlichen Souveränität setzen, dass er es aushielt, lange nicht für voll genommen zu werden - erst 1993 wurde er Mitglied mit allen Tantiemenansprüchen.

Der Inbegriff des Pubrock

Davon lässt es sich leben. Ron Wood aber, Abkömmling einer nahezu mittellosen, am Rande Londons unstet hausenden Roma-Familie, hatte schon vorher eine ordentliche Karriere vorzuweisen und verdient auch als Maler und Grafiker gutes Geld. Zwar hatte ihm Jeff Beck die Gitarre weggenommen; aber auf den beiden legendären Platten der „Jeff Beck Group“ gab er mit einem puckernden Bass dem von Fliehkraft bedrohten Spiel Halt. Gemeinsam mit Rod Stewart wechselte er 1969 zu den „Small Faces“. Die beiden werteten das durch Steve Marriotts Abgang entmutigte Ensemble entscheidend auf; die „Faces“, wie sie sich nunmehr nannten, wurden der Inbegriff des britischen Pubrock der frühen Siebziger.

Dass sie wegen ihres sympathisch dilettantischen, eigentlich nicht nachzuahmenden Stils bis heute als eine der wichtigsten Bands des Jahrzehnts verehrt werden, ist auch Ron Wood zu verdanken, der hier als beachtlicher Co-Songschreiber hervortrat und in allen Lagen, ob an der Akustik-, Slide, Steel- oder ganz ordinär an der Rhythmus- wie Leadgitarre, sehr solide sein Bestes gab: die schwindelerregende Slide in dem Song „Around the Plynth“ oder den Hochdruck, den er auf den beiden letzten und besten „Faces“-Platten von 1971/73 machte. Es lag ja nicht nur an Stewarts Stimme, sondern auch an Woods monströsen Akkorden, dass Amerika, das bei Briten sonst so wählerisch ist, vor einem Song wie „Stay With Me“ in die Knie ging. Die 1974 einsetzenden Solobemühungen wurden hauptsächlich als Erholungspausen von der Arbeit mit der größten Band aller Zeiten wahrgenommen, obwohl einige mehr verdient hätten, vor allem die schöne, vergriffene Platte „Slide On This“, auf der er seine Vielseitigkeit ausspielte.

Aus dem „Stones“-Umfeld sickerte durch, man habe Ron Wood schon nach Brian Jones' Tod im Sommer 1969 verpflichten wollen. Es musste aber erst Mick Taylor kommen, ein musikalischer Glücksfall, menschlich ein Missverständnis. Die Band wäre mit einem weiteren, absoluten Virtuosen vermutlich irgendwann auseinandergebrochen, zumal Wood bewies, dass zwischen Jagger/Richards eben doch ein Blatt passte, und das war er: ein unentbehrlicher Schlichter. Auch nach mehr als dreißig Jahren ist er, der auch so der Rockprominenz angehört hätte, bei dieser langsam wirklich unsterblich scheinenden Band noch der Neue; es gibt Schlimmeres. An diesem Freitag wird Ronald „Ron“ Wood, jüngster amtierender Rolling Stone, sechzig Jahre alt.



Text: F.A.Z., 01.06.2007, Nr. 125 / Seite 36
Bildmaterial: AP, CINETEXT/Max Kohr, dpa

 

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