David Gilmour wird 60

Der Schwerelose

Von Edo Reents

05. März 2004 David Gilmour kann von sich sagen, daß er zu denen gehört, die den Punk erst möglich gemacht haben. Es war Johnny Rotten von den "Sex Pistols", der sich Mitte der siebziger Jahre in einem zerrissenen T-Shirt mit einem "Pink Floyd"-Aufdruck sehen ließ, das den in gelber Farbe handgemalten Zusatz "I hate" trug. Es hätte Rottens späterer Geständnisse nicht bedurft, daß er einige "Pink Floyd"-Platten durchaus gemocht habe, damit man hier den Topos eines Generationenkonflikts erkennt, der in der Rockmusik nicht anders ausgetragen wird als in der Literatur. Unwillkürlich denkt man an Brechts Bekenntnis zu Thomas Mann: "Seine Kurzgeschichten fand ich eigentlich immer ganz gut."

Zu hassen gab es an David Gilmours Band "Pink Floyd" jedenfalls eine Menge, nicht nur für Johnny Rotten; aber dieser Haß verdankte sich auch dem Neid. Das englische Quartett, dessen Kopf, Sprecher, Sänger und Komponist Roger Waters war, betrieb seit seiner bis heute erfolgreichsten Platte "Dark Side Of The Moon" von 1973 einen Gigantismus, in dem sich der Gitarrist Gilmour nicht nur aufgrund seines blendenden Aussehens überaus passend ausnahm. Der ehemalige dressman, der in Cambridge geboren wurde, pflegte insgesamt einen Stil, der von vielen Kritikern argwöhnisch belauscht und beobachtet wurde.

Federleicht

Die elegischen und brachialen Töne, die er mit seiner Fender Stratocaster produzierte, vervollkommneten das aufs Breitwandformat ausgerichtete Konzept der Band; seine bisweilen teilnahmslos-blasierte Art nährte freilich den auch insgesamt auf die Band gerichteten Verdacht der gediegenen Hohlheit. Tatsächlich frisierte Gilmour Epen wie "Shine On You Crazy Diamond" mit Sphärenklängen melodramatisch auf und spielte einen der berühmtesten Songs, "Wish You Were Here" von der gleichnamigen 1975er Platte, in eine Folksensibilität hinein, welche die Kopflastigkeit, die sein Feind Rogers der Band verordnete, erträglich machte. Welcher Session-Mann an ihm verlorenging, hörte man 1999 auf der Platte "Run Devil Run", mit der Paul McCartney den Witwerschmerz verarbeitete. Federleicht und leicht federnd assistiert er dem Freund bei der Einspielung abgelegener Rock-'n'-Roll-Stücke.

Trotzdem gehört David Gilmour zu den wenigen weltbekannten Gitarristen, deren Bedeutung außerhalb des Handwerklichen liegt. Als langjähriges Mitglied einer Gruppe, die, so könnte man übertreibend sagen, den Soundtrack eines Jahrzehnts lieferte, gehört er quasi automatisch zum Popadel. Daß "Pink Floyd" sich mit dem Erfolg von "The Wall" seit 1979 selbst als lebende Tote beerdigten, hat er geduldet. Inzwischen sieht es der schwerreiche, freigebige Vater von acht Kindern, der auf seinem Hausboot auf der Themse und in Sussex lebt, mit einem ironischen Abstand, den nicht jeder in diesem Beruf hat. Die Band habe bei ihrem Versuch, aus der Konfektionsfalle herauszukommen und neue Wege zu beschreiten, eben den Mut gehabt, sich zu blamieren, hält David Gilmour sich und einer großen Band-Vergangenheit zugute. Heute wird er sechzig Jahre alt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2004, Nr. 56 / Seite 39
Bildmaterial: AP

 
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