Wattstax-Festival

Die größte Tanzeinlage aller Zeiten

Von Harald Keller

17. Juni 2008 Es ist leicht erfindlich, warum der Dokumentarfilm „Wattstax“ bei seinem Start im Jahr 1973 außerhalb der Vereinigten Staaten eine gewisse Ratlosigkeit auslöste. Die namentliche Anspielung auf den spektakulär erfolgreichen Konzertfilm „Woodstock“ versprach eine filmische Musikrevue - die Wiedergabe eines siebenstündigen Festivals, das im August 1972 im Stadtteil Watts in Los Angeles über die Bühne gegangen war. Aber der Regisseur Mel Stuart und der Produzent Al Bell begnügten sich nicht mit einem bloßen Ersatzerlebnis. Sie verfolgten ein ambitionierteres Konzept, das damaligen Kritikern Veranlassung gab, den Film als misslungen einzustufen.

„Wattstax“ fand als Abschluss des jährlichen „Watts Summer Festivals“ statt, das nach den von polizeilichen Übergriffen ausgelösten Unruhen von 1965 ins Leben gerufen worden war. Die Idee zu dem Konzert, dessen Erlös gemeinnützigen Einrichtungen zugute kam, entstand in Memphis, Heimat der legendären Plattenfirma Stax. Deren Geschäftsführer Al Bell verfolgte nebenbei ökonomische Ziele. Er wollte eine Westküsten-Dependance und eine Filmabteilung aufbauen.

Eintrittspreis von einem Dollar

Stax hatte aus mancherlei Gründen einige namhafte Hitlieferanten verloren, verfügte aber über genügend zugkräftige Künstler, um das Programm zu füllen: die Staple Singers, Albert King, Carla Thomas, Johnnie Taylor und andere traten ohne Gage auf und ermöglichten so den niedrigen Eintrittspreis von einem Dollar. Die Stadtverwaltung stellte das Sportstadion „Memorial Coliseum“ zur Verfügung. Reverend Jesse Jackson eröffnete den Reigen mit einer mitreißenden Ansprache. Der Regisseur und Unternehmer Melvin Van Peebles, ein Wegbereiter des afroamerikanischen Kinos, fungierte als Moderator und als Sicherheitschef. Im Stadion waren ausschließlich schwarze Polizisten zugelassen, und sie durften keine Schusswaffen tragen. Obwohl die damals schon notorisch gewaltbereiten Banden des Viertels im Rund zahlreich vertreten waren, verlief das Festival ohne Zwischenfälle.

Mit einer Ausnahme. Als der Soul-Veteran Rufus Thomas seinen Hit „Funky Chicken“ anstimmte, waren die Massen nicht mehr zu halten. Sie strömten auf das Spielfeld und lieferten eine der größten Tanzeinlagen der Filmgeschichte. Den Veranstaltern bereitete das Vordringen des Publikums allerdings Sorgen. Rufus Thomas sah sich plötzlich vor eine große Verantwortung gestellt: Er sollte die Zuhörer bewegen, auf die Ränge zurückzukehren. Thomas, als Musiker und Komiker eine wahre Stimmungskanone, schaffte ein kleines Wunder. Mit launigen Extempores wie „He don't mean to be mean/He just wanna be seen“ gelang es ihm, die Situation zu entschärfen.

Sequenz nachträglich eingefügt

Der Höhepunkt des Tages war erreicht, als Isaac Hayes von Motorrädern eskortiert ins Stadion einfuhr und seinen Auftritt - natürlich - mit dem „Theme from Shaft“ eröffnete, für das er 1971 als erster Afroamerikaner einen Oscar für den besten Filmsong erhalten hatte. Diese Sequenz, von allen Beteiligten als unentbehrlich angesehen, war lange Zeit im Film nicht enthalten. Der Regisseur Mel Stuart wusste beim ersten Schnitt noch nicht, dass das Filmstudio MGM, das den Film „Shaft“ produziert hatte, die Songrechte nicht freigeben wollte. Isaac Hayes komponierte daraufhin einen Titel eigens für den „Wattstax“-Film, der nachträglich gefilmt und so einmontiert wurde, als sei er seinerzeit im Coliseum aufgeführt worden. Erst 2002 fand man zufällig die Originalaufnahmen, der Film wurde restauriert und in 2003 beim Sundance Festival gezeigt.

Zwischenzeitlich hatte sich die Wahrnehmung verändert. Denn Mel Stuart und einem zweiten Team um Koregisseur Larry Clark gelang eine präzise Momentaufnahme einer Ära, in der die schwarze amerikanische Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein artikulierte und in politischen und kulturellen Belangen nachhaltig auf sich aufmerksam machte. „Wattstax“ strotzt förmlich vor einschlägigen Signalen. In der Musik, in der Sprache, auch in der Mode drücken sich Stolz und die Besinnung auf eigene kulturelle Traditionen aus. Auf vielerlei Weise äußert sich die - längst stornierte - Emanzipation von eurozentrischen Schönheitsidealen. Die Garderobe ist bunt und folgt eigenen Linien; selbst Jesse Jackson zeigt sich in einem folkloristischen Dashiki. Das Haar wird im Afro-Look getragen. Die Musiker der Bar-Kays wie auch Isaac Hayes schmücken sich mit goldenen Ketten - das Instrument der Versklavung wird umgewidmet zum Symbol der Befreiung.

Kulturhistorisches Juwel

Dies wird aus der Dokumentation deutlich, denn Stuart und Clark bereicherten die Konzertaufnahmen um kleine Alltagsszenen und Interviews aus den Slums. In Friseursalons, Diners, auf der Straße äußern sich die Bewohner von Watts zu allen erdenklichen Fragen, zu Politik und Religion ebenso wie zum Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Der Komiker und Schauspieler Richard Pryor fungiert wie ein griechischer Chor, wenn er das Gesagte durch kabarettistische Einwürfe und Parodien kommentiert.

Aus heutiger Sicht ist „Wattstax“ ein über den eigentlichen Anlass hinausweisendes Zeitzeugnis und kulturhistorisches Juwel. Die überfällige Wiederaufführung geschieht im Rahmen des Arte-Themenschwerpunkts „Freedom“, der am Mittwoch mit der zweiteiligen Dokumentation „Dr. King, Bürgerrechtler“ fortgesetzt wird.

„Wattstax“ läuft heute, am 17. Juni, um 22.20 Uhr bei Arte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Everett Collection

 
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