Von Peter Kemper
24. September 2007 Für etwas Karmesinrot auf diesem Spachtel würde ich jemanden umbringen. Der rätselhafte Titel seines neuen Albums Kill To Get Crimson verdankt sich einer Textzeile des Songs Let It All Go: Mark Knopfler beleuchtet hier die Besessenheit eines polnischen Malers aus den dreißiger Jahren, der sich bei all seinen scheinbar vergeblichen Mühen immer wieder sagt: Ach lass es doch sein, vergiss es, der aber natürlich seinen visuellen Träumen hoffnungslos erliegt und seiner Kunst ausgeliefert bleibt. Auch Knopfler ist gänzlich in seine Kunst versunken: Manchmal, so sagt er, spürst du einen Song einfach kommen. Dagegen ist man hilflos.
Es ist diese scheinbare Naturwüchsigkeit und Selbstverständlichkeit, die den Reiz seiner neuen Lieder ausmacht. Sie scheinen aus sich selbst heraus vorwärts zu treiben, schwerelos. Der Sänger versucht ganz hinter der Eigengesetzlichkeit des Songs zu verschwinden: Der Song kommt immer zuerst, der Song ist der König, und dem versucht man gerecht zu werden. Kein Wunder, dass Knopfler auf seiner fünften Soloplatte (die Filmmusiken nicht mitgerechnet) - als Gitarrenvirtuose bewusst hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Die Stücke sind subtil und abwechslungsreich instrumentiert, mal mit Flöten, Geige und Akkordeon, mal mit Saxophon, Trompete und Vibraphon. Im Grunde ist Kill To Get Crimson ein Folkalbum geworden, das die Einflüsse der schottischen Volksmusik ebenso genüsslich auskostet wie die der irischen Liedtradition. Dazu passt Knopflers jüngstes Geständnis: Ich glaube, ich bin einfach ein halbgarer Folkmusiker - wahrscheinlich war ich das immer schon.
In Frieden mit den alten, größenwahnsinnigen Zeiten
Dieses selbstironische Bekenntnis ist charakteristisch für den Achtundfünfzigjährigen, der mit den Dire Straits immerhin die wohl größte Rock-Sensation der späten siebziger und frühen achtziger Jahre dirigierte. Doch die Gigantomanie ihrer letzten Welttournee - mit zweihundertachtunfünfzig Konzerten in einhundertsiebzehn Städten, riesigen Trucks und Stretchlimousinen - hatte Knopfler so nachhaltig irritiert, dass er sich fortan auf seinen Soloplatten in delikater Zurückhaltung übte. Mittlerweile hat auch er seinen Frieden mit den alten, größenwahnsinnigen Zeiten und ihren Hits gemacht. So spielte Knopfler gerade bei einem kleinen Release-Konzert im Berliner Meistersaal - gebaut im Jahr 1911 und mit der Intimität eines gemütlichen Wohnzimmers ausgestattet - neben Songs vom neuen Album auch eine fast minimalistische Version von Brothers In Arms. Es war beinahe ein Unplugged-Auftritt mit Kontrabass, akustischer Gitarre, einem zurückhaltend pochenden Schlagzeug, hintergründigen Keyboard-Sounds, subtil singender E-Gitarre - ein Vorgeschmack auf die Tour im kommenden Frühjahr.
Bei aller Altersweisheit ist die neue Platte auch ein wehmütiger Rückblick auf die Wonnen der Jugend: Secondary Waltz etwa ist eine autobigraphische Erinnerung an die Ängste und Sehnsüchte während der Pubertät, an die bangen und zugleich süßen Hoffnungen beim ersten Tanz auf einer Weihnachtsfeier. Auch Heart Full Of Holes, gezupft auf einer alten National-Resonatorgitarre und mit schwelgerischem Akkordeon, entpuppt sich als beschauliche Kneipenmeditation. Knopflers Stimme ist über die Jahre gereift, besitzt inzwischen etwas abgeklärt Tröstliches. Mit der sonoren Körnung entfaltet sein Sprechgesang eine unterschwellige Sogkraft; in ihm liegt zugleich Melancholie, Trost und Aufbegehren.
Mein Stil ist zwischen 1850 und 1932 stehengeblieben
Zu dieser paradoxen Stimmung passen die Geschichten, in denen aus Verlierern Helden werden und Helden an ihren Schwächen scheitern. Man lausche nur der unspektakulären Brillanz von Liedern wie The Scaffolder's Wife oder dem auf Samtpfoten schleichenden Behind With The Rent. Die Geister der Vergangenheit melden sich in Madame Geneva's zu Wort: Im alten London bekam man eine Penny-Ballade am Hinrichtungsort, praktisch direkt unter dem Galgen von Bänkelsängern geliefert.
Am deutlichsten aber wird Knopflers nostalgischer Zug in den Reminiszenzen an die Gitarrenhelden seiner Jugend: Hank B. Marvin von den Shadows, Duane Eddy, Chet Atkins oder Django Reinhardt. Mein Stil ist ja vergleichsweise irgendwo zwischen 1850 und 1932 stehengeblieben, gesteht er kokett. Schon im Eröffnungstitel True Love Will Never Fade überrascht der strahlende Shadows-Sound: das Wimmern eines satt durchgestrichenen Akkords. Anstatt das Vibrato aus der Hand am Gitarrenhals kommen zu lassen, dreht man die Spielweise um und verwendet den Vibrato-Hebel, erklärt Knopfler für die Kenner.
Das Tempo auf der neuen Platte bleibt gemächlich; allenfalls zu Mid-Tempo-Stücken lässt Knopfler sich hinreißen; Rock-Kracher oder einen schwerblütigen Beat sucht man jetzt vergebens. Und doch ist es gerade diese Ruhe - die nächste Stufe wäre der Stillstand -, die den Zauber des neuen Albums ausmacht. Denn ein Song ist für Mark Knopfler im Idealfall ein Maßstab des Herzens, wie nahe man bei sich ist.
Mark Knopfler, Kill To Get Crimson. Mercury/Universal 1724910
Text: F.A.Z., 22.09.2007, Nr. 221 / Seite 40
Bildmaterial: Universal Music