Von Eric Pfeil
27. März 2008 Wenn sich ein Musiker auf der Bühne so richtig in seinem Spiel verliert, übt das auf viele Konzertbesucher eine enorme Faszination aus: Wenn man sich als zahlender Gast schon nicht selbst verlieren mag, hat man wenigstens noch etwas zu gucken. Patrick Watson, klassisch ausgebildeter Pianist und Sänger aus Montreal, Québec, geht bei seinem Konzert am Mittwochabend im Kölner Gebäude 9 so einiges verloren - und sein Publikum freut es.
Watson, ein junger Mann von betont nachlässiger Bärtigkeit, sitzt entweder wibbelnd hinter seinem Piano und ringt mit seiner hohen Stimme, oder er steht maunzend, ein Effektgerät in der Hand, vorne am Bühnenrand und sieht aus, als würde er sekündlich Schlaganfälle erleiden. Auf Platte hat Watsons Musik etwas äußerst Putziges: Es ist Tagschlafmusik; Tagschlafmusik, bei der die Träume allerdings schnurstracks ins Varieté wandern: Schwere Pauken trommeln, Klaviere klimpern wie Strudel in trüben Gewässern, geisterhafte Chöre fliegen durch die Lieder, immer wieder klappen Spieldosen auf und leiern vor Ewigkeiten eingestanzte Melodien. Töne schleichen sich an und verschwinden plötzlich wieder in brunnentiefen Hallräumen.
Ein Hauch von Fusion-Jazz
Und über allem schwebt Watsons hoher Gesang, der nie der Gefühlshuberei dient, sondern Ausdruck reinen Spinnertums ist. In manchen Momenten könnten Watsons Lieder der Soundtrack zu einer Michel-Gondry-Komödie sein, oft läuft das ganze Geklimper aber auch Gefahr, in der kunstgewerblichen Sackgasse zu enden.
Live verschieben sich die Akzente. Die Musiker von Patrick Watson – die Band heißt so wie ihr Frontmann – lassen die spinnenwebenverhangene Dachkammermusik und das Salon-Getue hinter sich; stattdessen weht ein Hauch von Fusion-Jazz durch den Club. Die Indizien für fortgeschrittenes Musikantentum sind überdeutlich: Der Bassist spielt einen Fünf-Saiter, der Schlagzeuger klopft mit offenem Mund verschachtelte Off-Rhythmen, die oft verzweifelt nach dem Taktschema suchen lassen, und der Gitarrist zieht es vor, im Sitzen zu spielen.
Mutation zum Turbo-Freak
Wenn er plötzlich zu einem Solo ansetzt und der Schlagzeuger dazu auf Knochen zu trommeln scheint, kann man sich des Gedankens schwer erwehren, dass auch Tom Waits diese Musiker nicht von der Bühnenkante geschubst hätte. Irgendwann zieht der Gitarrist einen Luftballon aus seiner Tasche hervor, bläst ihn auf und reibt ihn an seinem Tonabnehmer entlang. Ist das noch Jazz-Rock oder schon Comedy?
Daneben steht wieder Watson, der unter seiner Mütze durch das Gestrüpp seines Bartes grimassiert. Ab und zu spricht er auch zwischen den Stücken und mutiert in seinen gekrächzten Schluffi-Ansagen zum Turbo-Freak. Es scheint seltsam, dass der Mann, der eben noch so wohltemperiert Klavier gespielt hat, nun wirkt wie ein bekiffter WG-Mitbewohner.
Kippen für den Keith-Jarrett-Fan
Das Kölner Publikum aber liebt ihn für seine Dösigkeit, es muss ja auch nur seiner schönen Stimme lauschen und nicht mit ihm zusammenwohnen. Er habe eben erst festgestellt, dass Köln ja identisch sei mit Cologne“ und dass hier ja Keith Jarretts berühmte Live-Aufnahme stattgefunden habe, plaudert Watson halb verschlafen. Dann lacht er wie eine kranke Kröte über seine eigene Lausbübigkeit, schnorrt sich Kippen aus den vorderen Reihen und strolcht zurück ans Piano.
Bei aller Spielfreude, Musikalität und Spleenigkeit – eines fehlt Patrick Watson: wirklich zündende Songs. Vielleicht weil ihm hierzu die nötige Konzentration fehlt. Hier und heute stört das niemanden, dazu hat das dürre Männchen sein Publikum zu fest im Griff. Kurz vor Schluss steigt er mit einem Stuhl ins Publikum, stellt sich darauf und singt zu unverstärkter Bandbegleitung sein launiges Stück Man Under The Sea“. Das Publikum dreht fast durch und wird zum Fischerchor bei diesem kleinen Shanty. Und hat sich plötzlich bei allem Staunen über den Freak doch auch noch ein bisschen selbst verloren.
Patrick Watsons Album "Close to Paradise" ist bei V2/Universal erschienen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thomas Brill
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