27. November 2007 Schüler und Studenten tragen schwarze T-Shirts mit seinem Bild und unterschreiben ihre Fan-Post mit Bog i dom (Gott und Heimat) oder Za dom spremni (für die Heimat bereit). Auf den gleichen T-Shirts, die vorzugsweise vor Fußballstadien verkauft werden, sind nicht selten auch General Ante Gotovina zu sehen, der in Den Haag wegen Kriegsverbrechen vor Gericht steht, der kroatische Quisling Ante Pavelic oder auch schlicht nur das U, das Zeichen der Ustascha, die während des Zweiten Weltkriegs mit der Billigung Hitlers und Mussolinis den kroatischen Rumpfstaat NDH regiert hatte. Zu seinen Konzerten kommen Skinheads, Kriegsveteranen und Minister der kroatischen Regierung, aber auch Rentner, Hausfrauen und sogar Nonnen.
Marko Perkovic nennt sich Thompson, nach der Marke der Maschinenpistole, die er im Jugoslawienkrieg verwendete. Er trägt natürlich auch ein schwarzes T-Shirt mit seinem Emblem, dem gezackten Griff eines Fantasy-Schwertes, und eine Kette, an der ein großes, silbernes Medaillon mit einem Kreuz baumelt. Der Typ wirkt wie eine Kreuzung aus Heino und Bruce Springsteen, die Stimme schwächelt, und in der Motorik ähnelt er eher einer Zapfsäule als Little Richard. Aber wo immer er auftritt, strömen ihm Jung und Alt zu. Cavoglave, seine Heimatgemeinde im dalmatinischen Hinterland, hat er mit einem Lied den Kroaten in Kroatien wie in der Diaspora weltweit bekanntgemacht - in Bosnien-Hercegovina kennt man es ebenso wie in Deutschland, in Australien, in Kanada und in den Vereinigten Staaten.
Ruhig und stolz
Aus Kalifornien schreibt da etwa Marija Sutic einem Chatforum: Mein Papi hat im Krieg zur Verteidigung der Heimat gekämpft, als ich noch ein kleines Mädchen war. Wenn ich Thompson höre, bin ich ruhig und stolz, Kroatin zu sein. Seine Lieder haben mir geholfen wie schon meinem Papi und vielen anderen Kroaten. Es sind immer dieselben Höhepunkte, auf die Thompsons pyrotechnisch aufgemotzte Bühnenshow zusteuert. Während Tiho Orlic die Bassgitarre als Phallus-Prothese in die Höhe reckt, löst sich Thompson aus seiner Lethargie und rammt ein riesiges Fantasy-Schwert in die Bohlen.
Einmal holt er als kroatische Grenzer uniformierte Trommler auf die Bühne, dann wieder begleitet ihn ein traditioneller Frauenchor aus Dalmatien. In Zagreb schwenkte er eine riesige kroatische Fahne über der Bühne, während über dem vollen Maksimir-Stadion ein Feuerwerk niederging. Nach solchen national-populären Entladungen schaltet die Regie das Bühnenlicht aus, und die Fans schwenken zehntausend kleine Lichtlein, während Thompson die heimliche Hymne der kroatischen Veteranen anstimmt: Lijepa li si (wie schön du bist): Sprich Bruder, frag mich nichts, es war und ist vorbei. Gott möge verhindern, dass es noch mal kommt. Ich hatte Glück und kam nach Hause, viele kehrten nie zurück. Frag mich nichts, doch zünde eine Kerze an für die, die für ihre Heimat gefallen sind. Sprich, Bruder, sind wir verflucht, dass alles so schnell vergessen wird? Gott möge verhüten, dass sie uns wieder einmal brauchen, dichter Nebel wird sich wieder senken.
Verehrt wie eine Lichtgestalt
Kein anderer Star des kroatischen Turbo-Folks polarisiert so stark wie er. Die einen verehren ihn wie eine Lichtgestalt, der mit seinem mächtigen Schwert Gott, Nation und Familie gegen die Mächte der Finsternis verteidigt; den anderen ist er ein Brechmittel, verkitscht und verlogen, geschichtsvergessen und national borniert. Während der ehemalige Außenminister Zuzul und der noch amtierende Wissenschaftsminister Primorac kaum eines seiner Konzerte auslassen, wachsen sich seine Auftritte im In- und Ausland immer mehr zu außenpolitischen Belastungen für eine Regierung aus, die das Ziel des EU-Beitritts verfolgt.
In den Niederlanden wurden seine Konzerte untersagt. Die serbischen Medien nehmen ihn als ein Indiz, dass es unter der Asche der Ustascha noch glüht. In der Hercegovina protestierte der Mufti von Mostar gegen seinen Auftritt in der Stadt, in der Muslime und Kroaten noch immer leben, als seien sie von einer unsichtbaren Mauer getrennt. Zuvor hatten Muslime gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde und katholischen Aktivisten in Sarajevo ein Thompson-Konzert mit dem Argument verhindert, dass er die Ideologie der Ustascha verherrliche und ethnische Konflikte provoziere. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum warf dem öffentlichen kroatischen Fernsehen vor, durch eine Live-Übertragung seines Konzerts im Zagreber Maksimir-Stadion, zu dem sich im Juni 40.000 Fans eingefunden hatten, Nazismus, Antisemitismus und Fremdenhass verbreitet zu haben. In Kanada und in den Vereinigten Staaten setzten sich kroatische Kultureinrichtungen, die Thompsons Tournee Es war einmal in Kroatien im November beherbergten, dem Vorwurf der Begünstigung neofaschistischer Propaganda aus.
Die Liebe zur Heimat
Ich bin ein Musiker und kein Politiker, verteidigt sich Thompson, bei meinen Konzerten singe ich über die Liebe zu Gott und zur Heimat, nur darüber und über sonst nichts. Allgemein bekannt ist, dass er mehrmals eines der übelsten Spottlieder der Ustascha gesungen hat, jenes über das kroatische Konzentrationslager Jasenovac, in dem Zehntausende Serben, Juden und Roma auf bestialische Weise gefoltert und ermordet wurden. Er habe dies, sagte er nun, nur als Rebellion gegen die serbischen Aggressoren getan. Während Sympathien für das Ustascha-Regime in den neunziger Jahren oft noch als Zeichen des Patriotismus gewertet wurden, änderte sich dies recht rasch nach Tudjmans Tod. Vor drei Jahren verurteilte die kroatische Bischofskonferenz Thompsons Songs, weil sie eine Sprache des Hasses verwenden, die mit den Errungenschaften der christlichen Zivilisation unvereinbar sei.
Damals hatte Ivo Sanader in der regierenden Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) eine Kursänderung eingeleitet, die über die Abgrenzung von der extremen Rechten bis zur Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal führte und die Voraussetzung dafür schuf, dass Beitrittsverhandlungen mit der EU aufgenommen werden konnten. Die Zeit war an Thompson vorbeigezogen, der aber noch die rechtsextreme HSP mit einer Parteihymne beschenkte und regelmäßig bei Veteranentreffen auftrat, die gegen die Verfolgung kroatischer Kriegsverbrecher mobilisieren sollten.
Der Antichrist im Plural
Jetzt ist er zu öffentlicher Zurückhaltung gezwungen, muss seinen Fans aber zugleich versichern, dass er ganz der Alte geblieben sei. Das Ergebnis ist Ambivalenz, wie man sie von Le Pen, Haider und Co. gewohnt ist: Was er gesagt hat, wollte er so nicht gesagt oder wenigstens so nicht gemeint haben; zugleich gibt er zu verstehen, dass er es immer noch meine, aber es eben nicht mehr sagen dürfe. Noch immer hat er den Cavoglave-Song in seinem Repertoire, der mit der Parole Za dom spremni anhebt. Es stimmt zwar, wenn Thompson sagt, dass sie auf den Nationalhelden Ban Jelacic und das Revolutionsjahr 1848/49 zurückgeht, aber das wissen halt nur wenige. Weithin bekannt ist hingegen, dass sie von der Ustascha verwendet wurde. Noch auf der jüngsten Tournee hetzte Thompson mit dem Song Mein Volk gegen Antichristen, Freimaurer und Kommunisten, die die von Gott erkorene kroatische Nation vernichten wollten. Wohlgemerkt Antichristen, nicht Antichrist, damit wenigstens der Plural erhalten bleibt, wenn man schon nicht mehr Juden sagen darf.
Es führt dennoch in die Irre, Thompson mit Neonazi-Bands auf eine Stufe zu stellen. Thompson predigt nicht offen den Hass auf Minderheiten oder Ausländer. Vielmehr kennzeichnet ihn der absolute Mangel an Empathie für die Opfer von Gewalt, sofern sie nicht der heiligen kroatischen Nation entstammen. Er befeuert die Identifikation mit einem mythisch verbrämten Nationalismus, der sich durch Ausschluss und Abgrenzung der anderen definiert und sich der Religion lediglich als Ursprungsmythos zur Stiftung öffentlicher Identität bedient. Diese Art des Nationalismus beschränkt sich in Kroatien nicht nur auf die Veteranenverbände, die rechtsradikalen Gruppen und Parteien, die Fußballclubs und Fangemeinden. Er ist, wie sich in diesen Wochen vor den Parlamentswahlen wieder gezeigt hat, tiefer verwurzelt und reicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Marko Perkovic Thompson leiht ihm lediglich Gesicht und Stimme.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.11.2007, Nr. 47 / Seite 32
Bildmaterial: AP
Ihr Klager klagt: Die Trauerfeier für Robert Enke in ![]()
Morbide Schaulust: der Tatort ... es wird Trauer sein und Schmerz übt Medienkritik
Samt unter Strafe: das iranische Regime fürchtet den weichen Protest
Google Book Settlement: ohne Deutschland, aber auch beim zweiten Anlauf umstritten