Von Eric Pfeil
15. Juli 2006 Die Frau braucht nicht viel. Weder musikalisch noch inhaltlich. Seit ihrer ersten Platte reichen Merrill Nisker alias Peaches ein paar rohe Beats, ein wenig Keyboard-Gezirpe und ihre minimalen Raps, um ein Album zu füllen. Und seit dem Debüt The Teaches Of Peaches aus dem Jahr 2000 doziert die Ex-Stripperin nur über ein einziges Thema: Sex.
Der Allmusic-guide, das große musikbezogene Allroundauskunftsamt im Internet, meint zwar noch andere Themengebiete ausgemacht zu haben (Club, Drinking, Party Time, Cool & Cocky); doch Peaches findet zwischen Masturbation, Geschlechtgeschüttel, Homoerotik, Swingertum, Zeigefreudigkeit und nochmals Masturbation genug Schattierungen, um letztlich immer wieder über ihr Lieblingsthema zu singen.
Neil Young in Porno?
Nun hat die achtunddreißigjährige Kanadierin ihr drittes Album in sechs Jahren veröffentlicht. Auf dem Cover schaut sie uns durch eine pailettenbesetzte Burka an; Impeach My Bush heißt die Platte - huch, was kommt denn jetzt? Das bislang sexuell erregendste Anti-Bush-Album? Neil Young in Porno? Präsidentenfeindlicher Sex-Dance?
Doch relativ schnell wird deutlich: Merrill Nisker braucht nicht viel, sie hat ja ihr Thema. Lediglich am Anfang leistet sich die Schamhaar-Fetischistin eine langweilige Doppeldeutigkeit. Im knüppeligen Fuck Or Kill heißt es erst: I'd rather fuck who I want than kill who I'm told to. Und dann: Impeach my bush/Impeach Bush. Nun ja. Mit dem zweiten Song ist Peaches wieder ganz bei sich und huldigt dem Zelt in jemandes Unterhose: If there's a housing crisis then there ain't anymore. Subtil auch dies wieder nicht. Doch spätestens hier wird klar: Sosehr man mittlerweile glaubt, Peaches zu kennen, sie einschätzen und ihre Musik voraussehen zu können, so unerhört ist all dies tatsächlich.
Rohe Minimal-Musik
Seit zwei knappen Stücken läuft diese Platte, sie ist bislang nicht sonderlich gut, aber die Sängerin, eine Ex-Stripperin, hat bereits explizit über Schamhaare und Hosenzelte gesungen und dazu eine rohe, an Elektro, Cock-Rock und Hip-Hop geschulte Minimal-Musik ausgespuckt. Im weiteren Verlauf der Platte wird sie ihre männlichen Hörer noch dazu anleiten, sich nicht nur auf die Allmacht ihres Geschlechtsteils zu verlassen, sondern ihren Partnerinnen auch auf andere Art und Weise Freude zu bereiten (Rock The Shocker), und in Two Guys (For Every Girl) schafft sie es sogar, Männer zu Objekten zu degradieren.
All das ist zugegebenermaßen plump, kindisch, stumpf und in seiner Darreichung oft nicht sonderlich elaboriert (manchmal sogar saublöd, wie so oft, wenn es um Sex geht). Aber auf welcher Platte einer weiblichen Künstlerin hat man derartiges denn bitte zuletzt gehört? Nicht bei Madonna, nicht bei PJ Harvey, nicht bei Pink, nicht bei Missy Elliott - beim Rest sowieso nicht. Sensitives immer gerne. Sensuelles, dazu forderndes - um Himmels willen!
Madonna ist ihr Fan
Bemerkenswert ist vor allem, daß Peaches all dies mittlerweile in einem Beinahe-Mainstream-Rahmen zelebriert, in dem es interessant werden könnte: Peaches ist nicht mehr die über ein deutsches Indie-Label importierte Underground-Sensation, mittlerweile zählt sie unter anderem Madonna, Pink, Nine Inch Nails und Queens Of The Stone Age zu ihren Fans. Die Zeiten, in denen man Peaches als zotiges Indie-Kuriosum mit hohem Hipness-Faktor goutieren konnte, sind längst vorbei; die Ein-Frau-Show spielt nun dort, wo es interessant werden könnte - vor großen Meeren überwiegend männlicher Neunziger-Rock-Fans und im Umfeld semirabaukiger Mainstream-Diven. Hier könnte sich ihr Auftrag erfüllen.
Impeach My Bush klingt im Vergleich mit Peaches früheren Pllatten minimal geglättet, was sicher den beiden Produzenten Mickey Petralia und Greg Kurstin ins Hosenzelt zu schieben ist. Trotzdem - wenn die drei bei Boys Wanna Be Her das Dirty Deeds Done Dirt Cheap von AC/DC auf einen Elektrobeat treffen lassen, macht die Platte Spaß. Die relative Glätte ist also keineswegs der Haken des Albums. Weitaus problematischer ist es, daß die Platte mit zunehmender Länge und fortschreitender Elektrorockerei irgendwann anödet. Ständig rockt es - meistens das Haus (Plattenfirmeninfo). Kann Musik bitte mal aufhören zu rocken? Da ist es kein Wunder, wenn die gelangweilten Spanner am Ende doch wieder nur die Stripperin Peaches sehen wollen. Was natürlich unfair ist, AC/DC-Platten werden ja auch nach Stück Nummer fünf langweilig.
Peaches, Impeach My Bush, XL/Beggars CD 201 (Indigo)
Text: F.A.Z., 15.07.2006, Nr. 162 / Seite 40
Bildmaterial: AP