Udo Lindenberg wird 60

Hau rein, schöne Seele

Von Dietmar Dath

17. Mai 2006 „Es ist besser, Nina, wenn du jetzt gehst“: Die beim späten Wiederhören unerwartetsten Stellen im tollkühn großmäuligen Getöse des Lindenbergschen Schaffens sind die intimen. Von Entsagung oder Abschied handeln einige seiner feinsten Stücke - „Cello“ (1973) etwa, eine bei aller frühlingshaften Jugendlichkeit der Vortragsweise, die gerade erst dem Stimmbruch entkommen scheint, äußerst schwerblütige Vergänglichkeitsanrufung, durch deren wehes Arrangement die leisen Zupfkrümel einer bitteren und bleichen Sehnsucht rieseln („Und heute wohnst du irgendwo / und dein Cello steht im Keller“). Oder das oben zitierte „Nina“ (1976), dessen dylanesk zirpende Akustikgitarren dem Sänger allen nötigen Raum geben, davon zu erzählen, daß die Geliebte zu jung für ihn ist und er sich deshalb plötzlich alt fühlt, also ganz wider Willen weise genug, auf den Kuß zu verzichten.

Selbst Lieder, die gegen solchen Kummer das Wunschbild von der kosmischen Megaverknalltheit setzen, müssen bei Lindenberg immer wieder den Makel von Verlust und Enttäuschung aushalten - „Horizont“ von 1986, sein größter kommerzieller Single-Erfolg, der in getragenen Strophen von „Freunden für die Ewigkeit“ erzählt und im Refrain zu gemessen treibenden Baßläufen versichert: „Hinterm Horizont geht's weiter“, hat er Gabi Blitz, einer langjährigen Vertrauten, gewidmet, die unter Drogeneinfluß gestorben war.

Unaufhaltsamer Rockbrocken

Der Mann, den seine Geschäfts- und Männerfreunde im deutschen Unterhaltungswesen und unserer gehobenen Revolverpublizistik derzeit als den unaufhaltsamen Rockbrocken, manischen Rauschmittelverzehrer, charmestrotzenden Aufreißer und Abräumer mit rauchfleckiger Stimme und dunklem Hut feiern und der das alles zweifellos tatsächlich gewesen ist und bleibt, hat mit den goldenen Panzerplatten, die ihm dieser Ruf verschaffte, einen empfindsamen und anrührenden Zug in seinem Weltzugang beschützt, den nur Fans und Kenner zu hören und zu spüren bekamen.

Zu diesen gehören gerade in jüngster Zeit durchaus Vertreter der wachen Jugend - sowohl Musikerkollegen wie Jan Delay, das coolste Eishörnchen des deutschen Hip-Hop, als auch der Schriftsteller und aufmerksame Selbstbeobachter Benjamin von Stuckrad-Barre. Talente, die sich auf ihrem Talent nicht bloß ausruhen wollen, stehen stets vor dem Problem, daß etwas so Flüchtiges wie Begabung einerseits und etwas so Zähes wie Durchhaltevermögen andererseits eigentlich unvereinbar sein sollten. Deshalb können sie von Lindenberg lernen, wie man sich aus dem größten Talent einer Musikrichtung, die man selbst miterfunden hat, zum würdigen Überlebenden mehrerer Ruhmes- und Vergessenheitszyklen fortentwickelt, die diese Musikrichtung umwälzen - man nenne sie, mit leichten Bauchschmerzen wegen der unbestreitbaren Wurzelgnom-Käsigkeit des Wortes, „Deutschrock“.

„Panik“ als Schlüsselbegriff

Lindenbergs musikalisches Händchen war über die Jahrzehnte sicher genug, ihn mit unverächtlich professionellen Leuten wie Klaus Doldinger und Steffi Stephan zusammenzubringen. Sein zupackender Kunstsinn ließ ihn zu schwungvollen Zeichnungen und ausgelassen flächiger Malerei finden. Sein sicheres zeitdiagnostisches Sensorium hat ihm erlaubt, den Ausdruck „Panik“ (auch in Gestalt englischer „Panic“ und niederländischer „Paniek“ von Lindenberg erkundet) als einen Schlüsselbegriff der sechziger und siebziger Jahre zu bestimmen - ausgewiesene Avantgardekünstlerinnen wie Valie Export, Erfinderin der „Genitalpanik“, sekundierten ihm da bereitwillig.

Sein launiger Sprachwitz schließlich („Lindianisch“) hat sich zwar seit spätestens 1984 bei schätzungsweise zwanzig Milliarden Radiomoderatoren, Jugendpfarrern und Kommunalpolitikern als böse Juxkrätze ausgebreitet, uns aber doch auch so schöne Adjektive für Liebeserfahrungen wie „bedeutend“ (betreffend das „heiße Mädchen aus Ost-Berlin“) und „erregend“ (betreffend die Cello-Dame) in die Herzen geschmeichelt. Der bekennende Sozialdemokrat ist mit einem „Echo“ fürs Lebenswerk, dem Bundesverdienstkreuz am Bande für seine netten Frechheiten gegen Erich Honecker und anderen erlesenen Preisen geehrt worden; er sollte wohl auch die Widerstände überleben, die sich derzeit noch seiner Auszeichnung mit dem Büchnerpreis entgegensträuben. Udo Lindenberg wird heute sechzig Jahre alt.



Text: F.A.Z. vom 17. Mai 2006
Bildmaterial: AP, Cinetext/Kaatsch, Cinetext/Przybylla, Cinetext/RM, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche