Carla Bruni singt wieder

Wackelig in der Höhenlage

Von Nils Minkmar

09. Juli 2008 Gestern kam eine E-Mail von ihr. Jeder, schrieb sie, könne es nun hören, ihr so lang angekündigtes drittes Album - „Comme si de rien n‘était“ -, ganz umsonst und volle zwei Stunden lang. Man muss nur ein Geburtsdatum angeben, dazu eine Mailadresse, schon singt Carla, gleich dort in ihrem digitalen Wohnzimmer Carlabruni.com. Man begegnet diesen Songs aber trotz der geradezu elysisch-umfassenden Einladung mit Vorsicht: Wenn sie erstmal in Freiheit sind, diese Lieder, werden sie sich ausbreiten wie akustisches Kuzu, der ganze Sommer wird nach Carla klingen, soviel ist jetzt schon klar.

Zwei Dinge fallen auf: Ihre Stimme hat Mühe, in die Höhe zu kommen, richtig klar und gesund klingt sie nicht. Das wegen seines Textes (die Metapher mit dem kolumbianischen Pulver) vorher bekannt gewordene Lied „Tu es ma came“, auf ihren Mann, den französischen Staatspräsidenten gedichtet, enttäuscht; es ist ein recht einfallsloser Blues, der bloß einen schönen Gag bereithält: Sie nennt den Adressaten „ma volupté suprême“, die höchste Lust, und das ist schon ziemlich komisch, weil der französische Staatspräsident ja die Magistrature Suprême bekleidet. Schon Yasmina Reza hatte sich über Sarkozy amüsiert, weil dieser den Job des Präsidenten gern als „pouvoir suprême“ bezeichnete, und Reza fragt, ob es denn so etwas für einen Menschen überhaupt geben könne: eine allerhöchste Macht.

Ihr Leben, aufregender als ihre Musik

Eines kann Carla (bleiben wir beim Vornamen; schließlich lässt sie sich auf offizieller Elyséepost nicht mehr, wie es bis dahin Usus war, als Madame Nicolas Sarkozy bezeichnen, sondern üppig mit allen fünf Buchstaben) - also eines kann Carla wirklich, nämlich sehr viele französische Wörter in einer Strophe wegsingen, ohne zu stolpern. Das klingt sehr anmutig, dazu müssen die Texte dann auch eine gewisse Komplexität bereithalten; wo beides zusammenpasst ist das Album sehr schön. Es bleibt aber ein Album für Leser. Die von der Sängerin selbst verfassten Texte brauchen keine Vergleiche, etwa zu denen Benjamin Biolays, zu fürchten. Die Musik enttäuscht hingegen; zu viele Lieder klingen wie Melodievorlagen einer Songwritersoftware. Das Lied auf ihren an Krebs verstorbenen Bruder ist kitschig und flach.

Ein schönes Lied ist dem Rausch des Verliebtseins gewidmet und erzählt davon, wie Paris sich so anfühlt, wenn man mit ausgebreiteten Armen die Straßen entlangrennt, total verknallt und durchgedreht und dazu aus voller Kehle singt. Dieses Lied, „L'Amoureuse“, schrieb Carla, bevor sie ihren Mann kennenlernte - hinterher hätte natürlich besser gepasst. Carlas Leben ist eben komplexer als ihre Musik.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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