31. Oktober 2005 Zweihunderttausend Menschen an der Siegessäule waren Zeuge, und noch ein paar Millionen mehr vor den Bildschirmen in aller Welt. Viele von denen in Berlin werden allerdings die Szene nicht richtig gesehen haben, weil sie zu weit weg von der Bühne standen, als Morten Harket, der Sänger von a-ha und 46 Jahre alt, sich während des Auftritts der Band beim Live 8-Konzert seine Brille aufsetzte.
Eine schmale schwarze Brille war es, die wirklich gut zum schmalen Morten Harket paßte, aber wie diese Brille aussah, war eigentlich egal: Was diesen Augenblick zur Sternstunde machte, war die lässige Selbstverständlichkeit, mit der ein ehemaliger Bravo-Schwarm dem ganzen Erdkreis erklärte: Leute, ich habe eine Sehschwäche. Ich bin nämlich keine zwanzig mehr. Aber ich habe seit 25 Jahren eine Band, die so großartige Popmusik macht, daß die Leute lieber ihre Augen schließen, als auf meine Brille zu schauen.
Frauen jeder Altersklasse
Es hilft Morten Harket natürlich, mit Mitte Vierzig noch besser auszusehen als zu jener Zeit, als er mit Lederarmbändern, knöchelhohen Turnschuhen, Fönfrisur und Liedern wie Take on me oder The sun always shines on TV in den Hitparaden war. Wer sich heute zu einem Interview mit der norwegischen Band a-ha aufmacht, dessen Weg ist gepflastert mit Frauen jeder Altersklasse, die um Autogramme bitten. Vielen Dank, sagt Magne Furuholmen höflich, als er das hört. Der Unterschied ist: Heute wissen wir solche Reaktionen zu schätzen.
Magne Furuholmen wird übermorgen, am Dienstag also, 43 Jahre alt, sieht aber zehn Jahre jünger aus und hat, gemeinsam mit Pal Waaktaar, von Beginn an die meisten jener Hits komponiert, die Morten Harket singt. Das ist auch beim neuen, achten Album Analogue so, das in dieser Woche erscheint. Unter den Liedern, die a-ha seit 1981 geschrieben haben, sind Meisterwerke, was anfangs kaum jemand erkannt hat.
Damals wollte niemand zugeben, daß Hunting high and low oder Stay on these roads einfach zu den schönsten Balladen zählen, die die Popmusik je hervorgebracht hat. Damals sahen nämlich alle nur die kollabierenden Mädchen, die Magne, Morten und Pal mit Stofftieren bewarfen, sobald die drei irgendwo auftraten, sahen die Starschnitte, den Boulevard-Overkill (Heiratet Morten Harket schwedisches Supermodel?) und die schmalzromantische Mode, und sie hakten a-ha als exotisches Teenie-Phänomen ab: die Bay City Rollers aus Oslo.
Mißverstanden
Wie mißverstanden sich die drei damals gefühlt haben müssen, das merkt man Furuholmens Antwort an: Heute wissen a-ha es also zu schätzen, angehimmelt zu werden, weil sie jetzt Familienväter und Brillenträger sind. Heute bekommen sie obendrein gute Kritiken. Seit a-ha wieder da sind, seit dem exzellenten Album Minor Earth Major Sky von 2000, das nach siebenjähriger, nie amtlicher Trennung erschien und mit Summer moved on der Welt wieder eine Hymne bescherte, umarmen plötzlich alle a-ha, bekennen sich, gestehen, sie immer geliebt zu haben.
Wer weiß, was wäre, wenn a-ha heute ihre Karriere begännen, wo Boygroup-Idole wie Justin Timberlake in allen Lagern gefeiert werden, von der Expertenpopkritik genauso wie von der Teenie-Presse? Heute ist nichts beliebter als die Oberflächenphänomene des Pop zu bejubeln, Rampenlicht, Schminke und Stofftierattacken, das ganze künstliche Sternglitzern, weil es so camp und uneigentlich ist. Heute stehen Rockprotzer wie U2 mit Björn und Benny von ABBA auf der Bühne, um gemeinsam Dancing Queen zu ruinieren. Heute kupfern die gleichen U2 in ihrem Lied Beautiful Day ungeniert den Refrain von The sun always shines on TV ab. Die Wiederkehr von a-ha mit Summer moved on fiel zwar irgendwie mit dem anschwellenden Achtziger-Revival zusammen, hatte aber gar nichts damit zu tun. Was man auch daran erkennt, daß es neulich bei Duran Duran eben nicht funktioniert hat, ein Comeback nach dem Modell von a-ha zu installieren.
Phantastische Songwriter
Denn a-ha waren eben von Anfang an und mit jeder neuen Platte phantastische Songwriter. Auch auf Analogue gibt es wieder diese zwei, drei Lieder, die ihnen keiner nachmacht, Celice zum Beispiel, die Single, die beim ersten Mal klingt, als wäre es wieder 1986, das Jahr, in dem a-ha mit Scoundrel Days ihr vielleicht bestes Album der Achtziger aufnahmen. Celice ist ein Popdrama, wie es damals I've been losing you war, es stürmt und drängt in den Untergang, schließlich geht es um zerstörerische Liebe. Und Morten Harket glüht!
Doch zum Glück ist es gar nicht 1986. Dies ist kein Revival. Die Band macht nur einfach immer weiter. Was Celice oder Analogue, das regelrecht rockt, mit den alten Hymnen gemein hat, ist der Kunstgriff, die größtmögliche Hochspannung mit der abgründigsten Melancholie zu koppeln. Eigentlich geht das nicht. Doch a-ha beherrschen diesen Kunstgriff. Sie haben über die Jahre gelernt, ihn immer neu zu instrumentalisieren. Diesmal sind es vor allem die Gitarren, die Analogue tragen, wie überhaupt der Pop von a-ha immer handgemachter wurde: Das elektronische Take on me, dieser fliegende Start, für den wir jahrelang bezahlen mußten, wie Magne Furuholmen sagt, war eher die Ausnahme, nicht die Regel.
Aber auf Analogue sind auch keine Nostalgiker am Werk, so sehr die Platte manchmal nach San Francisco um 1969 klingt und so sehr der Titel auf Tradition schließen läßt: Er hat überhaupt nichts mit analoger Technik zu tun, sagt Morten Harket sofort, das ist die größte Schwäche des Titels. Harket, der im Gespräch oft in die größeren Zusammenhänge des Lebens abschweift, mag die wahre Bedeutung dann aber auch nicht erklären und rät, sie einfach nachzuschlagen. Also: Analogue kann auch Gegenstück heißen, Entsprechung. Und da Magne Furuholmen viel davon spricht, wie er mit Pal Waaktaar in der letzten Zeit an den alten Arrangements ihrer Lieder gesessen habe, um begeistert festzustellen, daß sie allesamt dieses eine bestimmte Element verbindet, das a-ha ausmacht, geht es auf Analogue wohl darum, auf die immergleiche Frage eine neue Antwort zu finden.
Das Talent ist ein Geschenk
Andererseits reagiert Harket geradezu brüsk auf die Frage, ob es eigentlich eine Belastung sei, einen beinahe perfekten Popsong wie Stay on these roads geschrieben zu haben. Nein, sagt er schnell. Wir sind einfach fertig mit dem, was wir früher gemacht haben. Und dann, einen kleinen Moment später: Das war kein abwehrendes Nein, sondern ein bekräftigendes. Aber schüchtert das eigene Talent nicht manchmal ein? Es ist ein Geschenk, man muß behutsam damit umgehen. Wenn man nach einem großen Song sucht, findet man nur einen kleinen. Das ist der einzige Rat, den ich geben kann: Wer einen großen Song schreiben will, sollte nach einem kleinen suchen, denn nur der kann ein wirklich großer Song werden. Außerdem, sagt Magne Furuholmen, denke man beim Komponieren eben nicht: Also das wird jetzt aber ein Klassiker!, sondern: Hm, so könnte das funktionieren.
Als a-ha nach dem Konzert bei Live 8 in Berlin Interviews geben sollten, ging Morten Harket voraus. Pal Waaktaar wartete noch am Bühnenausgang auf Magne Furuholmen. Es ist viel darüber spekuliert worden, wie gut sich die drei eigentlich noch verstehen. Mittlerweile haben alle Mitglieder von a-ha ihre eigenen Projekte neben der Band, was untereinander sicher geholfen hat: Furuholmen begann eine ernsthafte Karriere als Maler, die ihn beinah davon abhielt, es Ende der neunziger Jahre noch mal mit a-ha zu versuchen. Pal Waaktaar gründete mit seiner Frau Lauren die Band Savoy, deren wunderbarer Hit Velvet Jahre später von a-ha neu eingespielt wurde. Und Morten Harket nahm das obligatorische Soloalbum auf. Es kann einem am Ende aber ganz egal sein, ob die drei beste Freunde sind oder nicht, solange sie Lieder wie Celice oder das schöne Don't do me any favours schreiben, bei dem das Klavier über das Lied hinwegzuschweben scheint.
Wir wählten das, was wir sind: Europäer
Als a-ha ankündigten, im September im New Yorker Irving Plaza zu spielen, war das Konzert sofort ausverkauft. Es war der erste amerikanische Auftritt nach zwanzig Jahren, und der Saal, räumt Morten ein, war klein. Und doch: Die Leute standen schon um acht Uhr morgens zum Einlaß an. Die Leute sangen ihre Lieder auf der Straße. Am Tag zuvor hatte die Band selbst auf geliehenen Instrumenten Take on me am Times Square gespielt. Warum eigentlich haben a-ha sich trotz all der Zuneigung aus Amerika herausgehalten? Weil der Markt zu groß ist, sagt Morten Harket. Wir hätten nach Amerika ziehen müssen. Wir mußten uns also entscheiden. Und wir wählten das, was wir sind: Europäer.
Und als Europäer sei er zugleich Internationalist, sagt Morten Harket dann noch. Und daß er, auch wenn er seit 25 Jahren Lieder in einer fremden Sprache singt, sich in diesen Liedern zu Hause fühlt. Als a-ha antraten, mit ihrer Musik von Oslo aus den Rest der Welt zu erobern, hätten die Norweger so etwas für undenkbar gehalten. 25 Jahre später leben die Menschen überall auf der Welt in den Liedern von a-ha. Die meisten sind sogar mit ihnen erwachsen geworden.
Konzerte in Deutschland im November:
Samstag, 19. November: Jahrhunderthalle, Frankfurt/M.
Sonntag, 20. November, Arena Treptow, Berlin
Dienstag, 22. November: Bördelandhalle, Magdeburg
Mittwoch, 23. November: Color Line Arena, Hamburg
Freitag, 25. November: Olympiahalle, München
Samstag, 26. November: Messehalle, Friedrichshafen
Montag, 28. November: Schleyerhalle, Stuttgart
Dienstag, 29. November: Messehalle, Dresden
Mittwoch, 30. November: Stadthalle, Rostock
Analogue von a-ha erscheint am Freitag bei Universal Music.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2005, Nr. 43 / Seite 27
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Universal Music