Madonna

Der Popstar als Terrorist

Von Johanna Adorján

21. Juni 2006 Vor fünfzehn Jahren sah es einen kurzen Moment lang so aus, als würde die Erde aus ihrer Umlaufbahn geraten, damals, als ein Dokumentarfilm in die Kinos kam, dessen Thema die Popsängerin Madonna war: „In Bed with Madonna“. Es war eine Sensation. Noch nie dagewesen. Eine der berühmtesten Personen der Welt erlaubte der Kamera Zutritt zu ihren privatesten Momenten. Das Publikum konnte seinen Star beim Nachahmen von Oralsex sehen, am Grab der Mutter, auf dem Behandlungsstuhl eines Arztes. Irgendwann wurde auch ein vollkommen entsetzter Warren Beatty ins Bild gezerrt, zur Zeit der Dreharbeiten gerade der Mann an ihrer Seite, der für die exhibitionistische Neigung seiner Freundin nur Sarkasmus übrig hatte und selbst davon nicht viel. Kurze Zeit später trennten sie sich.

Was Madonna seither gemacht hat, wissen wir. Sie hat zwei Kinder gekriegt, ist nach England gezogen, hat mehrmals Haarfarbe und Rocklänge geändert, das Schauspielen aufgegeben, ein paar Alben herausgebracht. Jetzt erscheint, parallel zur gerade laufenden Welttournee, eine neue Dokumentation über die Sängerin auf DVD. Regie führte angeblich der Schwede Jonas Åkerlund, der für seine Musikvideos bekannt wurde, die so schnell geschnitten waren, daß einem beim Zuschauen schwindlig werden konnte - für Prodigy drehte er „Smack My Bitch up“, für Madonna „Ray of Light“ (1998). Wer in Wahrheit bei der neuen Madonna-Dokumentation das Sagen hatte, stellen gleich die Anfangscredits unmißverständlich klar - nur für den Fall, daß irgend jemand eine Sekunde lang etwas anderes gedacht haben könnte: Als Executive Producer ist da ein gewisser „myself“ angegeben - ich selber, ich, Madonna.

Es geht nur vordergründig um Oberflächlichkeiten

Der Film begleitet die Sängerin auf ihrer letzten großen Tournee, der „Reinvention-Tour 2004“, ist von den ersten Proben bis nach dem letzten Konzert dabei. Madonnas Ehemann Guy Ritchie hat ein paar Gastauftritte, die er, was bleibt ihm anderes übrig, so männlich wie möglich gestaltet: Wenn er nicht gerade in einem Pub sitzt und Bier trinkt, ist er gerade auf dem Weg in ein Pub, um Bier zu trinken, oder er taucht gar nicht auf, weil er keine Lust hat, aus einem Pub zu kommen, in dem er gerade sitzt und Bier trinkt.

Es gibt ein paar Szenen mit den Kindern, mit Lourdes, die perfekt Französisch spricht und dieselbe Angewohnheit hat wie ihre Mutter, die Augen beim Sprechen immer einen Tick zu lang geschlossen zu halten, was ihr einen belehrenden Ausdruck verleiht. Ihr kleiner Bruder Rocco, der unglaublich lange schwarze Wimpern hat, scheint für sein Alter sehr gewitzt zu sein: Als Lourdes einmal ansetzt, in gewählten Worten zu erklären, daß ein Kinderbuch ihrer Mutter nur vordergründig von Oberflächlichkeiten handele, es aber im Grunde um die Notwendigkeit gehe, im Leben den größeren Zusammenhang zu sehen, „the bigger picture“, brüllt Rocco plötzlich los, als gelte es, mindestens das Haus zum Einsturz zu bringen: „What the heck are you talking abooooout?“

Dann ist es ja nur eine Frage der Definition

Es gibt Szenen mit den Tänzern der Show, alle jung, alle außerordentlich begabt. Außerdem laufen durchs Bild: Madonnas Vater und ihre Stiefmutter, Gwyneth Paltrow, ein Dudelsackspieler, Iggy Pop, die Pianistinnen Katia und Marielle Labeque sowie jede Menge gründlich verkabelter Bodyguards. Ansonsten gehört die Bühne alleine Madonna, und die nutzt sie auch, denn sie hat uns etwas Wichtiges mitzuteilen.

Während des Vorspanns richtet sie sich schriftlich an uns: „Es geht um mehr im Leben als um Ruhm und Reichtum“, schlängelt sich eine zierliche Schreibschrift ins Bild, während Madonna als burkatragende Kunstinstallation zu sehen und zu hören ist, wie sie aus der Offenbarung des Johannes liest: „Es gibt etwas Tieferes, Wichtigeres. Ich werde euch ein Geheimnis erzählen.“ Dann springt das Geschehen in ein Tonstudio, in dem Madonna mit dem musikalischen Leiter ihrer Show sitzt und gerade darüber debattiert, warum er nicht an Gott glaubt. Nur so, sagt er. Ob er denn gar nicht glaube, daß etwas Höheres die Welt geschaffen habe? Er schüttelt vorsichtig den Kopf. Aber an irgend etwas, an irgendeine Energie müsse er doch glauben, nein, nichts? Er nickt, Energie, joah, damit könne er etwas anfangen, Energie sei okay. Na, dann sei es ja nur eine Frage der Definition gewesen, sagt sie zufrieden und läßt von ihm ab.

Und wir hatten sie für eine Popmusikerin gehalten!

Während der folgenden langen 140 Minuten erfahren wir von der Frau, die mit Songs wie „Physical Attraction“ und „Material Girl“ sehr viel Geld verdient hat, daß wir alle versklavt sind von der materialistischen, der physischen Welt, die sie „the beast“ nennt. Daß es unsere Aufgabe ist, „ein Licht“ zu werden. Daß man vergeben und allen Menschen mit Güte begegnen soll. Und: „Es ist mein Job, die Menschen aufzuwecken. Und ihnen eine Richtung zu geben, das Handwerkszeug, Lösungen.“ Und wir hatten Madonna bislang immer für eine Popmusikerin gehalten!

Auch Madonnas Kabbala-Lehrer, ein gewisser Eitan Yardeni, der ihr, bösen Gerüchten zufolge, beim Schreiben ihrer Kinderbücher hilft, kommt zu Wort: Die Kabbala lehre, daß alles, was man sagt und tut, Konsequenzen habe und daß man deswegen seine Handlungen und Worte mit Bedacht wählen solle. Er erklärt das so ernst, als wäre es ein Gedanke, dem man nur mit Mühe folgen könne, so ungeheuerlich neu und wider alle Logik höre er sich an.

Gegen Ende des Films, kurz vor der Szene, in der Madonna in einem erschütternden Akt der Selbstüberschätzung nach Israel reist, um dort etwas an den politischen Verhältnissen zu ändern („to make a difference“), hält sie eine Ansprache an ihre Tänzer: Sie hoffe, die seien durch die Tour mit ihr nicht nur bessere Tänzer geworden, sondern auch mitfühlendere Menschen, die stets Verantwortung für ihre Worte und ihr Tun übernähmen - „denn ohne diese beiden Dinge bedeutet eure Begabung nichts!“

Ein hohes missionarisches Fieber hat sie befallen

Dieser Film fordert niemanden dazu auf, einer Sekte beizutreten, seinem bisherigen Leben abzuschwören oder kästenweise überteuertes Kabbala-Mineralwasser zu kaufen - traurig ist er trotzdem: Er zeigt eine Frau, die vom Irrglauben fehlgeleitet ist, auf irgendeine Art erleuchtet, „ein Licht“ zu sein, und die ein hohes, missionarisches Fieber befallen hat. Dabei ist Madonna, trotz all ihrer vielen Veränderungen, trotz britischem Akzent und neuer Heiligkeit, doch ganz die alte geblieben: Sie ist immer noch ein Mensch, dessen Botschaft sich in zwei Buchstaben zusammenfassen läßt, die in der Kabbala noch nicht einmal vorkommen: Me.

Sie predigt Güte und bedenkt Menschen, die ihr einen Befehl abschlagen, kaum daß die den Raum verlassen, mit den schlimmsten Schimpfwörtern; sie sagt, sie danke Gott jeden Tag dafür, mit einem Mann wie dem ihren verheiratet zu sein, und gibt der Kamera hinter dessen Rücken mehr als einmal zu verstehen, wie sehr er sie anödet; als ihre Assistentin ihr signalisiert, daß man einen Flug verschieben müsse, weil der Luftraum zur fraglichen Zeit wegen Beförderung von Mitgliedern der englischen Königsfamilie gesperrt sei, fragt sie: „Gibt es nicht Platz für zwei Königinnen in diesem Land?“ Und eine typische Familienszene zu Hause bei Madonnas geht so: Mutter liegt mit Sohn auf dem Bett. Mutter: „Wer ist die Königin, Rocco?“ Sohn: „Du, du, du.“ Mutter: „Sehr gut.“

Der Unterschied zu einem Terroristen

Es gibt diesen Witz über Menschen mit großem Ego: „Jetzt haben wir aber genug über mich geredet - (Pause) - Wie findest du mich eigentlich?“ Genau das ist der Witz an Madonna. Und was ihn bei ihr aber so unlustig macht, ist, daß sie selber die Pointe immer schlechter zu verstehen scheint. Als ihr Vater ihr nach einem Auftritt gratuliert - noch ganz gerührt von den Bildern eines israelischen und eines palästinensischen Jungen, die Arm in Arm auf der Videoleinwand zu sehen waren, während Madonna beherzt, aber nicht besonders sauber John Lennons „Imagine“ sang, erwidert Madonna: „Ja, ich habe endlich den Kopf aus meinem A. . . gezogen.“

Und dann erzählt sie ihrem Vater einen Witz: „Was ist der Unterschied zwischen einem Popstar und einem Terroristen?“ Der Vater weiß es nicht. Madonna: „Mit einem Terroristen kann man verhandeln.“ Vielleicht die größte Weisheit dieses Films.

Madonna: „I'm going to tell you a secret“. Regie Jonas Åkerlund. 141 Minuten. Warner Music. Eine Live-CD liegt bei.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 32
Bildmaterial: AP, Warner Music

 
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