„Franz Ferdinand“

Die Thronfolger bitten zum Tanz

Von Johanna Adorjan

Die Herren von “Franz Ferdinand“

Die Herren von "Franz Ferdinand"

02. Februar 2004 Dieser Text kommt zu früh, aber das gehört auch so, denn hier geht es um einen Hype. Im "Spiegel" stand schon was, die hatten es aus der englischen Musikzeitschrift "NME", die Anfang Januar eine große Geschichte druckte. Diese Band wird Ihr Leben verändern. Stand da so. In großen Lettern auf der Titelseite. Und seither breitet sich die Nachricht aus wie Wellenkreise auf einem See, in den ein Meteorit einschlug: Es gibt eine neue Band! Aus Schottland! Sie heißt "Franz Ferdinand"! Ja, wie der österreichische Thronfolger! Die Platte kommt im März! Und sie soll umwerfend sein!

Zunächst zum Phänomen. "Franz Ferdinand" haben sich im Sommer 2002 in Glasgow gegründet, vier junge Männer, Freunde, aus dem Umfeld der Kunsthochschule. Im Sommer 2003 veröffentlichten sie ihre erste Single, "Darts of Pleasure". Ein Achtungserfolg, auch in Deutschland, aber als gewöhnlicher Musikhörer konnte man davon mühelos nichts mitbekommen. Und jetzt die Großoffensive: In England berichtet dieser Tage so ziemlich jedes Magazin, jede Zeitung über die Band, darunter "Independent", "Times" und "Guardian"; die neue Single "Take me on" schaffte es sofort auf Platz drei der englischen Charts.

Hysterie und Glück

Und auch in Deutschland standen die Journalisten für Interviews Schlange, und das ist noch nicht einmal besonders übertrieben. Bei der deutschen Plattenfirma von "Franz Ferdinand" kann man sich jedenfalls nicht erinnern, im Vorfeld einer Plattenveröffentlichung jemals eine solche latente Hysterie erlebt zu haben.

Wer will, kann hier endlich einmal zusehen, wie aus ein paar Jungs, die Musik machen, ein Mythos wird, live und in Echtzeit. Alles, was das Popstartum ausmacht, erleben "Franz Ferdinand" gerade zum ersten Mal. Das erste Mal in den Charts. Das erste Mal bei "Top of the Pops" im Fernsehen. Die ersten Leute, die einen erkennen, obwohl man nie zuvor in ihrer Stadt war. Die ersten Nächte in Hotels der gehobeneren Preisklasse. Diese Band wird ihr Leben verändern - vielleicht ein bißchen hoch gegriffen, aber zu stoppen ist der Aufstieg von "Franz Ferdinand" nicht mehr. Sie werden groß werden, größer als sie selbst gedacht hatten, und sie beginnen gerade, das zu begreifen.

Einfach der Wahnsinn

An einem dieser scheußlich kalten Januartage sitzen die vier in Köln in einem schicken Designerhotel und scheinen das alles kaum fassen zu können. Es sei der Wahnsinn, einfach der Wahnsinn, sagt Nick McCarthy, 29, Gitarrist der Band, und daß er es auf deutsch sagt und sogar bayrisch gefärbt, liegt daran, daß er mehr als zwanzig Jahre in Bad Aibling bei München gewohnt hat. Vor zwei Jahren ist der gebürtige Engländer nach Glasgow gezogen ("ich wollte mal in England leben, dann ist es aus Zufall Schottland geworden"), wo er auf einer Party einen schlaksigen, blassen jungen Mann kennenlernte, Alex Kapranos. Der hatte englische Literatur studiert, war ebenso korrekt gekleidet wie McCarthy selbst ("wir tragen eben gerne Hemden unterm Pullover") und gerade auf der Suche nach einem Schlagzeuger für eine noch zu gründende Band. Das treffe sich gut, er spiele Schlagzeug, sagte McCarthy, denn er war seinerseits auf der Suche nach neuen Freunden in der fremden Stadt und scheute dabei auch vor einer Lüge nicht zurück. In Wahrheit spielte er nämlich Baß.

Vier Jahre hatte er in München am Konservatorium klassischen Kontrabaß studiert, war Bassist der Hippieband "Embryo" und hatte viele Auftritte in Jazzclubs wie der "Unterfahrt". Erste Proben zeigten, daß das mit dem Schlagzeugspielen keine gute Idee war - heute spielt McCarthy Gitarre und Keyboard bei "Franz Ferdinand". Kapranos spielt Gitarre und singt. Die beiden schreiben auch die Songs. Dann gibt es noch Bob Hardy, der Kunst studiert hat und gerade dabei war, sich in Glasgow als Maler einen Namen zu machen, als es mit der Musik losging - er spielt Baß. Und Schlagzeuger ist Paul Thomson, der einen modischen Schnurrbart trägt und früher an der Glasgower Kunsthochschule als Aktmodell Geld verdiente.

Legenden und Leidenschaft

Alles ist eben erst passiert, und doch klingen die Geschichten um die Entstehung und Entwicklung der Band schon jetzt beinahe wie Pop-Legenden. Da gibt es die Nachbarin, die so taub ist, daß sie die ersten lärmenden Proben der Band kein bißchen stören. Es gibt ein riesiges Art-deco-Gebäude, das Jahre leergestanden hatte und das die Band besetzte und zu ihrem Hauptquartier umfunktionierte. Es gibt zahllose Auftritte in verlassenen Industriebauten oder leerstehenden Gefängnissen, die sagenhafte Parties gewesen sein müssen, bis die Polizei kam und das Licht anmachte. In Glasgow und Umgebung waren "Franz Ferdinand" schnell berühmt. Und irgendwie muß es sich im ganzen Land herumgesprochen haben - eines Abends jedenfalls ließen sich bei einem Auftritt vierzig Plattenfirmen auf die Gästeliste schreiben.

"Seither geht es ab", sagt McCarthy und erzählt, wie sie sich in London mit wichtigen Menschen aus der Musikindustrie getroffen hätten, die sie unter Vertrag nehmen wollten. Das seien aber alles arrogante Angeber gewesen, bis unter die Nasenwurzel voll mit Kokain, deswegen hätten sie sich schließlich für ein unbekanntes kleines Independent Label entschieden, Domino, da würden sie nun gemeinsam lernen, wie das große Musikgeschäft funktioniert.Einiges haben sie alleine schon richtig gemacht: Ihren ungewöhnlichen Namen zum Beispiel wollen sie nur deshalb gewählt haben, weil er, eben, ungewöhnlich sei. Er ist wahrscheinlich mit ein Grund für die rasant wachsende Popularität der jungen Band. Franz Ferdinand. Den Namen merkt man sich. Und zusammen mit dem dandyhaften Styling der Band, das an das Berlin der zwanziger Jahre denken läßt, an "Roxy Music" oder ein Jungeninternat in der Schweiz, ergibt sich eine Mischung, die neugierig macht.

Music that girls can dance to

Wann hat es zuletzt junge Musiker mit einer solchen Attitüde gegeben? Vielmehr: Wann hat es zuletzt junge Musiker mit einer solchen Attitüde gegeben, die auch noch gute Musik machen? Denn, und nun kommen wir endlich zum wichtigsten Punkt: das tun "Franz Ferdinand". Für eine Band ein nicht zu unterschätzendes Plus. Sie klingen jung und sexy, nach den "Strokes" und "The Cure". Nach Party und Pogo und den "White Stripes" und "Blondie". Für Musik wie diese wurde die Gitarre erfunden. "Franz Ferdinand" selbst nennen es Raw Disco, oder: Music that girls can dance to. Musik, zu der Mädchen tanzen können. Und zu diesem Zweck allein hätten sie sich überhaupt nur gegründet.

"Wir waren immer nur auf Konzerten, auf denen ernste Jungs auf der Bühne für ernste Jungs im Publikum spielten", sagt Nick McCarthy. "Getanzt hat niemand, und Mädchen haben wir auch nicht gesehen. Das wollten wir anders machen." Menschen, die schon einmal auf einem Konzert von "Franz Ferdinand" waren, sagen, es sei ihnen geglückt. Es würde getanzt, die Mädchen kämen in Scharen, und "Franz Ferdinand" brächten sogar das Kunststück fertig, das ganze, bislang ausschließlich englischsprachige Publikum deutsche Textzeilen mitsingen zu langen: "Ich heiße superfantastisch, ich trinke Champagner und Lachsfisch", heißt es, grammatikalisch nicht ganz korrekt, am Ende von "Darts of Pleasure". Ein Spaß, Schwachsinn, sagt McCarthy, aber es klinge gut, und die Engländer würden es lieben.

Alles Zufall, vieles auch nur Spaß

Überhaupt, das Deutsche. Da seien die verrückt nach. Vor allem natürlich, was die Kunst betrifft. Bauhaus, "Kraftwerk", Fritz Lang. "In der englischen Kunstszene gilt Deutsches als extrem schick", sagt McCarthy. "Wir machen uns darüber ein bißchen lustig - besonders ernst nehmen sollte man das nicht." Den Refrain des Liedes "Michael", in dem es um einen Freund der Band geht, der sehr gut tanzt, singen sie einfach mit starkem deutschen Akzent, was das Mitsingen für Deutsche erheblich vereinfacht: "Come and dance wiss me, Michael." Es klingt nach einem ausgetüftelten Konzept: Eine Band mit dem Namen des Mannes, dessen Ermordung den Ersten Weltkrieg auslöste; junge Männer mit akkuraten Seitenscheiteln und spitzen Schuhen; Pop, der mit deutschen Einflüssen spielt, was ihm eine gewisse dunkle Dekadenz verleiht; die Nähe zur Kunstszene.

Alles Zufall, sagen "Franz Ferdinand", vieles auch nur Spaß. Die Frisur zum Beispiel, die hätten in Glasgow viele. Da gebe es noch diese alten Friseursalons, deren Inventar noch aus den fünfziger Jahren stammt. Short back and sides, please - schon sehe man so aus. Daß sie alle ähnlich angezogen seien, liege daran, daß sie sich immer alles nachkaufen. Wenn einer was Schönes hat, wollen es die anderen auch. Und die Nähe zur Kunst? Vor allem scheint es die Nähe zu Kunststudentinnen zu sein, die die Band vereint: ihre Freundinnen besuchen in Glasgow die Art School. Soeben kam die Nachricht, daß die Plattenfirma die "Franz Ferdinand"-Platte nun doch nicht, wie angekündigt, erst im März veröffentlicht, sondern den Termin vorgezogen hat. Der großen Nachfrage wegen. In zwei Wochen ist sie da. Was für ein wunderschöner Hype.

Die Single "Take me out" ist bei Verstärker erschienen; das Album "Franz Ferdinand" kommt am 16. Februar.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.02.2004, Nr. 5 / Seite 21
Bildmaterial: Verstärker

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