Die Stones auf Tour

Die unzertrümmerbaren Steine

Von Rose-Maria Gropp

Springteufel in Grün: Mick Jagger

Springteufel in Grün: Mick Jagger

18. Juli 2006 „Jumpin' Jack Flash“ - da sind sie. Wir hätten wetten können, daß sie damit anfangen. Mick Jagger im grünen Affenfrack, sonst ganz in Schwarz. Keith Richards auch und mit seiner schwarzen Binde ums wunde Haupt, als ob damit etwas in seinem Kopf zusammengehalten würde, das Fingergefühl wahrscheinlich: Der Mann spielt an diesem Sommerabend, als wär's das letzte Mal. Wer ihn nicht schon seit ungefähr vierzig Jahren liebhat, der tut das seit gestern nacht in München. Und wer das nicht tut, hat niemals Rock'n'Roll gespürt.

Aber das muß ja auch keiner. Es gibt genug anderen Lärm auf der Welt, der manchem süßer in den Ohren klingt als jenes „I like it, I like it!“ Als zweite Nummer kommt diese Botschaft, als Ansage für die nächsten zwei Stunden. Keith Richards gibt direkt sein Bestes. Er lächelt, wir sehen es genau. Verklärung liegt in diesem Lächeln, obwohl er ganz offensichtlich noch lebt; denn er raucht auch noch. Charlie Watts im weißen T-Hemd hinter seinem Schlagzeug lebt auch noch, und er lächelt auch. Jetzt ist es gewiß: Der Abend wird groß werden, und wir werden sagen können, wir sind dabeigewesen.

Der Gockel lebt

Allerdings, um darauf zurückzukommen, ist eine Existenz ohne Rock'n'Roll schon traurig. Und es gibt weltweit eine ganze Menge Leute, die in ihrem Leben eine Handvoll und mehr „Stones“-Auftritte erlebt haben und aus denen trotzdem etwas Anständiges geworden ist. In gewisser Weise schützen ausgerechnet die „Stones“ ihre Anhänger sogar vor regressiver Lächerlichkeit.

Mick Jagger selbst tut es, wenn er „Let's Spend The Night Together“, dieses ungeduldige Gezerre juveniler Virilität, mit dem sich bis in unsere Tage ein paar versprengte Hüter des guten Geschmacks auf die Palme treiben lassen, elegisch verlangsamt. In Moll-Töne polstert die Band das großmäulige Gegockel, und dennoch bleibt es aufsässig wie eine nicht ganz verlorene Erinnerung.

Melancholie steht ihm gut

Im Bühnenhintergrund flirren manchmal Video-Einspielungen der jungen Combo: Davor gibt Jagger, jedenfalls für diesmal, eben nicht den alternden Desperado mit präpotentem Getue, als den ihn manche gern ewig sehen möchten, sondern den Herrn seiner Worte und Gesten. Kalte Melancholie steht ihm gut, und er zieht sie durch: „Streets of Love“ - von Jagger, der den ganzen Abend deutsch spricht, als „ein neues Lied“ angekündigt - schließt hauteng an. Das ist einer der Songs, die jenen wilden Pferden huldigen, die auch nichts ausrichten können gegen die Liebestrauer - I must admit I was awful bad als armselig narzißtische, zweischneidige Pointe, die dem abgewiesenen Mann noch bleibt auf der tränengetränkten Straße seiner immergleichen Wünsche. Und Jagger steht mit seiner Gitarre am Bühnenrand, und Richards spielt mit ihm, als hege er doch, noch oder neuerlich, Sympathie für den elastischen Teufel vor ihm an der Rampe.

Während es dunkel wird, mutiert die monströse Bühne von einer Art Parkhaus mit Auffahrtschleifen, auf denen man die Band von hinten und von oben betrachten kann, über die Umrisse eines Baus von Frank Gehry hin zu den illuminierten Balkonen in einem elisabethanischen Theater: Sir Mick macht heute nacht nicht in effeminiert oder androgyn, sondern geht als primus inter pares, was ihm auch einige Gelegenheiten gibt, durchzuatmen, das Hemdchen zu wechseln oder sich das Näschen zu pudern. Zugegeben: Keiner muß sich für einen Anfangsechziger männlichen Geschlechts erwärmen, der sich ein Mikrophon unter den Gürtel klemmt und herumhüpft, als hätte er bei Jane Fonda weiland einen Aerobic-Kurs gemacht.

Ironischer Urknall

Andererseits: Es gibt keinen einzigen auf der ganzen Welt, der genau das besser macht. Man kann ja wegsehen. Oder in diesem wohligen Gefühl des Wiedererkennens und einer Wiederholung, die nicht dasselbe hervorbringt, zuhören und hinschauen, wenn die vier Freunde - Ron Wood macht immer freundlich mit - zusammen mit Daryll Jones am Baß und Chuck Leavell an den Keyboards auf ihrer Bühne mitten ins Stadion zwischen die Leute fahren unter den Klängen von „Miss You“, dem ein wenig verhurten Tribut der „Glimmer Twins“ an die Disko-Musik der späten Siebziger. An diesem Abend machen Jagger/Richards in der Lebendvariante daraus wieder zickigen Krawall. Und wenn Jagger später auf die uralten vulgären „Honky Tonk Women“ zurückgreift, reiht er läßliche Anbiederungen der mittleren Jahre elegant in die Gesamtausgabe zu Lebzeiten ein.

„A Bigger Bang“, der Titel der Tour, übertrumpft ironisch den Urknall. Es bleibt bloß noch die Implosion der unzertrümmerbaren Steine, und die ereignet sich durchaus - die Druckwelle wirkt nach. Der Zauber der Performance liegt darin, daß sie eine Rückkehr einleitet. Niemals zuvor war der Kunstcharakter der Band so fühlbar, das artistische Spiel auf Leben und Tod, das in den Gesichtern aufgezeichnet und aufgehoben ist. Es wird nicht mehr sein wie früher, und sie wissen das. Als Zugaben verteilen sie Wahrheiten: „You Can't Always Get What You Want“ und „(I Can't Get No) Satisfaction“. Was sonst?

Text: F.A.Z., 18.07.2006, Nr. 164 / Seite 31
Bildmaterial: Reuters

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