Klimaschutz

Rette uns, wer kann: Etwa die „Live Earth“-Konzerte?

Von Edo Reents

Jessica Sutta und die Pussycat Dolls waren in London an der Reihe

Jessica Sutta und die Pussycat Dolls waren in London an der Reihe

09. Juli 2007 Es war nicht das erste Mal, dass die Popmusik für ein fremdes Anliegen in Dienst genommen wurde; Benefiz-Konzerte gibt es seit George Harrisons Concert für Bangladesch 1971. Erstmals in dieser Größenordnung war der Anlass jedoch kein direkt humanitärer mehr. Frühere Konzerte galten den Menschen selber: den Armen und Hungernden, den Entrechteten, Eingesperrten oder sonst wie Benachteiligten. An der Triftigkeit solchen Engagements konnte nie ein Zweifel bestehen; das Ergebnis falscher Politik lag offen zutage.

Dieses Mal war die Lage komplexer und umstrittener, die Zielsetzung denkbar allgemein: Das Klima auf der ganzen Erde, ja die Erde selbst sollte mit „Live Earth“ gerettet werden. Damit wurde an grüne Ideen appelliert, welche die Popmusik seit den sechziger Jahren umtreiben. Es zeigte sich jedoch, dass man über den alten Ökokitsch, der sich, quasi-christlich verbrämt, in Sprüchen wie „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen“ äußerte, nicht hinauskam. Der Evidenz solcher Folklore entkam trotzdem niemand. Dazu stand die Sache in einem Widerspruch, in den Veranstaltungen dieser Größenordnung auf Grund ihres eigenen Energieverbrauchs zwangsläufig geraten. Genüsslich rechneten Kritiker vor, wie viel Tonnen Kohlendioxid dies nun wieder verursacht habe und wie viel Plastikbecher ausgehändigt worden waren. Andere sprachen von Irreführung, weil Konzerne mit ins Boot geholt wurden, die als Mitverursacher der befürchteten Katastrophe gelten; der Bock würde zum Gärtner gemacht, wenn Autofirmen uns sagen wollen, wie wir uns zu verhalten haben.

Per SMS in die Kamera winken

Gravierender war, dass „Live Earth“ zum Kampf gegen etwas blies, dessen Ursachen in Verhaltensweisen liegen, die der dafür in Anspruch genommenen Popkultur in besonders starkem Maße zu eigen sind: Hedonismus, Konsum, Feier des Augenblicks, Hang zur Selbstzerstörung, also das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Es hatte den Anschein, als ob ein gewisses Unbehagen an dieser Tatsache die Veranstaltung überschattete – man hat schon fröhlichere (und, was Hamburg betrifft, auch besser besuchte) Konzerte gesehen, bei denen der Anlass eher noch trauriger war. Vielleicht war die Stoßrichtung zu selbstreferentiell: Das Engagement fiel ja auf sich selbst zurück und schuf eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Menschheit hat Angst um sich selbst, und es gibt niemanden, der behaupten könnte, das ginge ihn nichts an. Jeder ist Verursacher und, wenn es so kommt wie befürchtet, jeder auch Leidtragender. Folgerichtig heißt die vom Mitorganisator Al Gore gegründete Stiftung „Save Our Selves“.

Diese global gewordene Problemlage forderte ein quasi weltumspannendes Konzert: das größte Fernseh- und Internet-Ereignis aller Zeiten, gesehen von geschätzten zwei Milliarden Menschen. Im Vergleich dazu waren die Urmütter des Großkonzerts fast unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit über die Bühnen gegangen und hatten ihre gleichsam mythische Kraft erst durch eine nachträgliche Aufbereitung entfaltet. Diesmal sorgte die Allgegenwart des Ereignisses nur noch für Ernüchterung: Es war einfach Popmusik, die sich von der von vor zwanzig Jahren kaum unterschied. Die künstlerischen Beharrungskräfte kontrastierten mit den Neuerungen der Rahmenbedingungen. Der Glanz, den die Namen der Stars hätten abwerfen müssen, ging unter in Werbung und den penetrant einblendeten Aufforderungen an die Fernsehzuschauer, sich per SMS ins Geschehen einzuschalten, auf dass deren Name ebenfalls auf dem Bildschirm erscheine – das Winken in die Kamera. Überhaupt wirkte die Fernsehübertragung jetzt seltsam anachronistisch; Reiz mochten allenfalls noch jene empfunden haben, die sich von unterwegs aus über Handy oder Laptop zuschalteten.

Peinliche Appelle

Es ist, nach den Erfahrungen, die man mit Figuren wie Bob Geldof und Bono gemacht hat, müßig, jetzt wieder danach zu fragen, ob die Popmusiker ihre Kompetenz nicht doch überschritten oder sich haben vereinnahmen lassen. Für dieses Mal bleibt festzuhalten, dass die Veranstaltungen da am überzeugendsten waren, wo gar nicht über die gute Sache gesprochen, sondern einfach gespielt wurde. Peinlich war der Appell des deutschen Rappers Jan Delay an die Zuschauer, doch dem Ersten Bürgermeister von Beust eine SMS zu schicken, damit das Hamburger Kohlekraftwerk nicht gebaut würde; banal waren die Pauseneinlassungen, die auch nur aufs Energiesparen hinausliefen.

Selten jedenfalls war ein Ereignis, das sich doch als politisches verstand, in seinem Verlauf so vorhersehbar wie dieses, auch wenn Madonna es zur „Revolution“ hochredete. Es sollte Druck auf Politiker ausüben und Bewusstsein für den Klimaschutz wecken; für Letzteres mag die Popmusik, die seit je bewusstseinsverändernde Kraft für sich in Anspruch nimmt, das geeignete Mittel gewesen sein. Die Popmusik entfaltete diese Kraft aber einst in Frontstellung zum bürgerlichen, streng antihedonistisch eingestellten Lager, oft unter Zuhilfenahme gewisser Mittel. Der Appell an die taghelle Vernunft, der ja Sache der Wissenschaft und in jeder Umweltbroschüre besser zu haben ist, blieb ohne Wirkung, weil ihm niemand widersprechen mochte; er verpuffte und blieb im Ohr stecken wie das Pfeifen nach jedem halbwegs lauten Popkonzert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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