Von Andreas Rosenfelder
19. September 2005 Lange haben wir auf den neuen Messias gewartet. Auf den Heilsbringer, der die Flamme in eine im Nihilismus versunkene Popkultur zurückträgt. Wir haben gehofft, und der verrückte Frosch ist gekommen und gibt uns neue Kraft. Er mischt das Musikfernsehen auf, indem er die Werbeblöcke kapert, ohne bei den bornierten Redakteuren auch nur anzuklopfen. Er steht für gelebte Demokratie, denn er läßt sich jeden Tag von minderjährigen Handybenutzern wiederwählen. Und er nervt Eltern und Erwachsene ohne Ende. Hat Elvis das vor fünfzig Jahren nicht ähnlich gemacht? Kein Zweifel: Der Crazy Frog, das zur Zeit wohl erfolgreichste Gezücht der Musikindustrie, ist Rock 'n' Roll.
Das jedenfalls wurde auf der Popkomm ohne jede Ironie in einer Elefantenrunde behauptet, die sich um das Schicksal der Künstler-Rekrutierung in Zeiten der Digitalisierung drehte. Der Satz stammte von einem smarten Manager, der in den letzten Monaten sehr viel Geld mit Klingeltönen gemacht hat. Es war ein eher trauriger als peinlicher Augenblick, aber es war vielleicht der wahrhaftigste Moment auf dieser Popkomm, die nach ihrem Weggang aus Köln zum zweiten Mal in Berlin stattfand. Denn in diesem absurden Vergleich offenbarte sich das Selbstverständnis einer Kaste desillusionierter Popfunktionäre, die auf fast verzweifelte Weise an ihrem alten Selbstverständnis als Hipster festhalten und folglich selbst das lukrative Gebrabbel des verrückten Froschs für Rock 'n' Roll halten.
Es ist aber nicht mehr alles so wie früher
Es ist dieselbe Kaste, die während der Berliner Popkomm auf zahllosen Geheimempfängen wie der European Music & Media Night zusammenkam, wo gefragte Bands wie die Ragga-Boygroup Mattafix aus London vor einem handverlesenen Privatpublikum auftraten, das die Musiker auf der Bühne bestenfalls mit geschäftlichem Kennerblick abnickte. Im Anschluß legten dann Diskjockeys auf, und die Funktionäre tanzten wie aufgedrehte Kinder zu Fetenhits wie Sweet Dreams oder Smells Like Teen Spirit. Als wäre die Welt noch wie früher, am Freitagabend im Jugendzentrum, wo alles anfing.
Ist sie aber nicht. Auch wenn auf der Popkomm wieder einmal vom Ende der Durststrecke und der erreichten Talsohle, vom Licht am Ende der Tunneldurchfahrt und von der Trendwende fabuliert wurde und die Messe sogar den erfolgreichen Abschluß zweier Plattenverträge (Stuurbaard Bakkebaard aus den Niederlanden werden ab sofort beim deutschen Indie-Label Hazelwood Vinyl Plastics unter Vertrag stehen) vermeldete - das Gefühl des Leerlaufs, das die Popkomm schon im vergangenen Jahr prägte, hat sich in den mäßig bevölkerten Messehallen festgesetzt, wo mit Warner und Universal nur noch zwei jener großen Labels vertreten waren, auf deren Betreiben die Branche ihren Treffpunkt in die Hauptstadt verlegte.
Jede Gesundheitsmesse hat mehr Glamour
Allein die Ästhetik der meisten Stände ist inzwischen auf einem Stand neusachlicher Kargheit angekommen, den jede Gesundheits- oder Immobilienmesse an Einfallsreichtum und Glamour übertrifft. Man muß es so nüchtern feststellen: Die vermeintliche Creative Industry, von der Dieter Gorny auf seiner tausendundersten Keynote Speech orakelte, hat ihre Aura mehr oder weniger verloren, und das liegt nicht nur daran, daß der ehemalige Viva-Chef, vom neuen Arbeitgeber MTV mit dem Ehrentitel eines Executive Vice President ausgestattet, seine Rede passend zur Lage in schlechtem Business-Englisch vortrug.
Der Mann, der Viva an MTV verkaufte und die Popkomm nach Berlin verfrachtete, trägt jetzt lässige Künstlerlocken; doch den Vorreiter einer mit digitaler Unterhaltung befaßten Pop-Bohème, die zu ihren schöpferischen Ursprüngen zurückkehrt, nahm ihm auch in der versprengten Schar interessierter Zuhörer kaum jemand ab.
Gästelistenterror: Alles exklusiv
Bezeichnend war schon der Eröffnungsrundgang mit Wolfgang Clement und Klaus Wowereit, ein Rundgang für Personenschützer und Lippenableser, bei dem um jeden besuchten Messestand im Eilverfahren ein Bannkreis mit Fünf-Meter-Radius geschaffen wurde, aus dem höchstens Leerformeln wie Optimismus oder Musikstadt Nummer eins nach draußen drangen. Ob die Traube der Leibwächter den Eindruck von Popstars erzeugen sollte, die vor den eigenen Fans geschützt werden müssen?
Auch auf dem Festival schien die Popkomm ihre Exklusivität oft durch den Ausschluß des Publikums beweisen zu wollen. Doch all der Gästelistenterror konnte kaum verbergen, daß die solchermaßen mit Bedeutung aufgeladenen Bands den Hype selten rechtfertigten. So traten Ojos de Brujo, die zur Zeit angeblich heißeste Band aus dem diesjährigen Popkomm-Partnerland Spanien, beim wie ein Staatsakt abgeschirmten Eröffnungsabend nur unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf. Wer die Band sah, fragte sich trotzdem, ob diese mit Hiphop-Beats aufgemotzten Gipsy Kings den Aufwand der Einladungsbeschaffung lohnten. Überhaupt war das für die Popkomm immer schon charakteristische Gefühl, stets zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, diesmal trügerisch - anderswo war es meistens auch nicht besser.
Natürlich gab es auch im nichtexklusiven Teil lohnende Programmpunkte, aber das waren eher schräge Raritäten wie jene spanischen Trashpop-Gruppen, die am Donnerstagabend im Café Moskau auftraten. Im Kontrast zu zahlreichen anderen Länder-Abenden spielten hier Bands wie Astrud keine folkloristischen Klischees aus, sondern arbeiteten die popkulturellen Klischees der Achtziger auf intelligente und witzige Weise durch. Ansonsten wirkte der noch einmal verschärfte Trend zur Regionalisierung von Musik - auch dieses Thema beschäftigt die Popkomm schon seit Jahren - oft wie der hilflose Versuch, globale Trends noch einmal in liebenswerten Lokalausgaben an den Mann zu bringen. Wesentlich Besseres als mit japanischen Texten nachgespielte Beatles-Songs wird, wie der amerikanische Journalist Greg Jarvis sarkastisch, aber zutreffend bemerkte, auch diese Entwicklung nicht hervorbringen.
Meisterstück an Schluffigkeit
Da kein neues Genre, keine neue Schule und - jenseits der zahllosen neuen Franz Ferdinands oder sogar neuen Maximo Parks, als die jede zweite neue Band absurderweise gehandelt wird - auch keine neuen Stars am Horizont stehen, klinkte sich die Popkomm einfach in alte Bereiche ein, die bislang nicht zu ihrem Kerngeschäft gehörten. So wurden die Territorien von Jazz, Gospel und sogar Klassik über Nacht annektiert und der Popkultur zugeschlagen; es handelt sich schließlich, wie Wirtschaftsminister Clement bei der Eröffnungsrede klarstellte, bei Pop nicht mehr nur um Jugendkultur.
Den Unterschied zwischen Pop und Klassik konnte man freilich altersunabhängig feststellen, wenn man die Präsentation von Neil Youngs neuem Album Prairie Wind mit jener Geigenstunde verglich, welche die Starviolinistin Hillary Hahn vor Neuntkläßlern aus Tempelhof gab. Während die Sechsundzwanzigjährige eine hervorragende Haltung demonstrierte, ließen die von Neil Young engagierten Streicher, die offenbar nach Geistesverwandtschaft mit dem Meister der Schluffigkeit ausgewählt waren, selbst auf ihren Orchesterstühlen die Schultern tief herabhängen.
Erlösungshoffnung umsonst
Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Natürlich war der große Neil Young nicht persönlich zugegen, und seine Violinen waren auch nur auf der Videoleinwand zu sehen. Auch Sting, der am Stand der Verpackungsfirma Gundlach mit umgeschnallter Baßgitarre immer wieder Englishman in New York durch die Halle nölte, war bloß ein wenig überzeugendes Double.
Die Popkomm lebt weiter, aber sie lebt von Scheinereignissen und von alten Themen, die schon vor zwei Jahren in Köln kalter Kaffee waren, wie etwa dem Boom des Live-Betriebs oder der Verschmelzung von Pop und Literatur, die mit einer Reihe von überwiegend uninspirierten Lesungen im Kino der Kulturbrauerei gewürdigt wurde. Auch wenn der verrückte Frosch sicher kein apokalyptisches Tier ist: Vielleicht merkt die Branche ja allmählich, daß es eine Illusion aus dem letzten Jahrhundert war, Erlösung von der Popkultur zu erhoffen.
Text: F.A.Z., 19.09.2005, Nr. 218 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb