„Hot Chip“ in Berlin

Kuscheln war gestern

Von Josefine Kühl

Fünf Nerds am Werk: “Hot Chip“ im Berliner Lido

Fünf Nerds am Werk: "Hot Chip" im Berliner Lido

21. September 2006 Der Hype ist unabwendbar. Manche sagen, „The Warning“ von „Hot Chip“ sei das Album des Jahres. Sicher ist zumindest: Es bekommt sehr viel mehr Aufmerksamkeit als das Debüt der Band, „Coming On Strong“, das in Großbritannien schon Anfang 2005 erschien. Der Erfolg von „Hot Chip“ mag auch daher rühren, daß ihre Musik sich jeglicher Einordnung in bekannte Genres verweigert. Wer es nicht lassen kann, macht neue Schubladen wie „Indietronic“ oder „Slapcore“ auf oder beschreibt sie als eine Mischung aus Elektro, Indie und Hip-Hop.

Ungewöhnlich aber ist auch das Auftreten der Band. Abseits von gekonnt kaputtem Indie-Glamour und aufwendigen Elektroinszenierungen betreten an diesem Abend im Berliner Club „Lido“ fünf Nerds die Bühne, stellen sich an ihre nach Vintage aussehenden Synthesizer, Keyboards und Drumcomputer und machen einfach nur Musik. Der Eröffnungssong „Keep Fallin'“, der auf dem Album als sanftes Elektrogeknister daherkommt, entwickelt live eine ganz andere Dynamik, klingt tanzbarer und schneller.

Nach dem noch nicht veröffentlichten, aber schon im Internet kursierenden „Shake a Fist“ kommt endlich „Boy From School“, die erste Singleauskopplung aus dem neuen Album. Der nicht zu überhörende Spieltrieb der „Chips“ tritt hier deutlich zutage. Dabei spannen sie ihr Publikum mit einem extrem langen Intro auf die Folter, während sie fröhlich an Gitarre und Trommeln herumimprovisieren, so daß der Refrain dann schließlich auf eine euphorisierte Menge trifft.

Darüber kann man nicht streiten

Auch bei „(Just Like We) Breakdown“ gibt sich die Band nicht damit zufrieden, einfach nur die Studioversion wiederzugeben. Da wird gefrickelt, improvisiert - im Wortsinne gespielt eben. Den nächsten Song widmet Joe Goddard, gemeinsam mit Alexis Taylor Gründer und Kern der Gruppe, dann dem Label und kündigt an, daß der wahrscheinlich auf dem nächsten Album zu finden sein werde. „Hold on!“ ist elektronischer und hektischer als das, was man bisher von „Hot Chip“ kennt, dafür aber mit weniger eingängigen Melodien versehen - vielleicht ein Hinweis darauf, in welche Richtung sich das nächste Album bewegen könnte.

Auch der Kontrast zwischen Alexis Taylors sanfter Stimme und den satten Beats und Bässen ist live noch interessanter geworden. So wirkt es fast unfreiwillig komisch, wenn er bei „Beach Party“ mit halbgeschlossenen Augen und in lethargischem Tonfall die Zeilen „Throw off your shirt“ und „I like to rock“ singt. Der letzte Song vor der Zugabe macht schließlich klar, warum „Hot Chip“ als Synthiegötter bekannt geworden sind. „No Fit State“ ist ein typischer Achtziger-Jahre-Song mit sehr viel Hit-Potential. Bei den Zugaben läßt sich die Band nicht lange bitten und legt noch drei Songs nach, unter anderem „Over and Over“, das in den Clubs schon seit Monaten rauf und runter gespielt wird.

Die Interaktion mit dem Publikum läuft bei „Hot Chip“ auf eine subtile Art und Weise über die Musik, sonst wirken sie auf der Bühne zurückhaltend, ja fast schüchtern. Dennoch müßten nach dieser Darbietung alle verstummen, die die Band für Kuschel-Elektroniker halten. Was auf dem Album nämlich reduziert, „laid back“, entspannt klingt, verwandelt sich live in Musik, die zum Tanzen zwingt. Über „Hot Chip“ kann man nicht streiten. Denn in einem sind sich alle einig: Diese Musik macht glücklich.

Weitere Auftritte:

Donnerstag, 21. September: Alte Feuerwache, Mannheim
Freitag, 22. September: Atomic Café, München

Text: F.A.Z., 22.09.2006, Nr. 221 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Matthias Lüdecke

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