„Interpol“ in Köln

Das Dorf in der Kirche

Von Eric Pfeil

14. Mai 2007 Der Kölner Stadtteil Nippes steht in dem Ruf, eine gute Wohngegend mit dürftigem Ausgeh-Angebot zu sein. In den für Kölner Verhältnisse zahlreichen Altbauten lässt es sich halbwegs ruhig wohnen; tagsüber wird in zahlreichen Cafés mit putzigen Märchen- oder Tiernamen herumgesessen, die groben Einkäufe erledigt man auf der Neusser Straße, die äußerst uncharmant durch das Viertel schneidet.

Das Freizeitangebot der ortsansässigen Halberwachsenen deckt die hier gelegene Kulturkirche ab, die mit einem Programm von geradezu exzentrischem Abwechslungsreichtum lockt. An diesem Maiabend hat die Plattenfirma der New Yorker Band „Interpol“ die Kulturkirche für eine Show gebucht: Die Band ist in der Stadt, um ihr im Juli erscheinendes drittes Album „Our Love To Admire“ zu bewerben, und spielt in diesem Zusammenhang ein knappes Set vor kleinem Publikum.

Finsternisverwalter im Anzug

So reizvoll die Idee klingen mag, die Anzug tragenden Finsternisverwalter in einer Kirche spielen zu sehen, so sehr rückt das Bild, das sich im Innern bietet, die Erwartungen zurecht: Eine Kirche, in der Rockmusikanteninstrumentarium herumsteht, sieht nun mal aus, als würde hier gleich ein Achtziger-Jahre-Hair-Metal-Video gedreht. Doch das Publikum freut sich auf die Band, deren Erfolg erst noch einmal einsortiert werden muss.

„Interpol“ tauchten etwa zwei Jahre nach den „Strokes“ und einige Monate vor den britischen Kollegen von „Franz Ferdinand“ auf. Mit Letzteren teilen sie sich bei allen Unterschieden deutliche Bezüge auf die frühen achtziger Jahre und die Vorreiterrolle im boomenden Anzugträgerpop-Betrieb. 2002 erschien das erste Album, ein funkelndes Amalgam aus Wave-Pop, dezentem Goth, spätem Glam und zartem Post-Punk. Mit der zweiten Platte „Antics“ wurde die Band zu Szene-Stars, das dritte Werk dürfte sie auch hierzulande in Top-20-Kategorien befördern. Hört man diese neue Platte, dann muss man sich schon ein bisschen über den breiten Zuspruch, den diese Band genießt, wundern: Im Gegensatz zu zahlreichen jener aus vergangenen Coolness-Codes schöpfenden Para-Indie-Bands, die heute den Musikmarkt fluten, haben sich „Interpol“ eine faszinierende Strenge und Zurückhaltung bewahrt.

Während bei anderen Bands stets die willige Klatschmenge mitgedacht zu werden scheint und vermuffte Rockergesten Einzug in das Post-Punk-Zitatrepertoire halten, scheinen „Interpol“ nur sich und ihrem strengen künstlerischen Koordinatensystem verpflichtet zu sein, innerhalb dessen sie sich in kleinen, schlüssigen Schritten weiterentwickeln. So ist auf der neuen Platte eine sehr stilvolle Band zu hören, die mit äußerst dunklen Klangfarben teilweise lichtdurchflutete Landschaften malt.

Der Sound des Rummelplatzes

Auf der Bühne aber sind „Interpol“ an diesem Abend größtenteils eine Enttäuschung. Gegen viertel vor zehn betreten die vier Musiker zu einem sonoren Brummen die Bühne. Der erste Song, gleichzeitig Eröffnungsstück des neuen Albums, heißt „Pioneer to the Falls“, ein majestätischer Schleicher, dessen schöne Einzelelemente - ein verwehtes Keyboardthema, ein spukiges Gitarrenmotiv und eine müde Gesangsmelodie - ein großes Ganzes ergeben. Mit „Obstacle 1“ folgt danach der erste von zahlreichen Klassikern. Doch der Klang in der Kulturkirche ist eine Katastrophe. Während auf Platte gerade die Abwesenheit offensichtlichen Gitarrengeschraddels beeindruckt, hört sich die Band hier wie eine sägende Gitarrenanhäufung an, was „Interpol“ unglücklicherweise dann klingen lässt wie „Placebo“, die trivialisierte Rummelplatz-Variante dieses Sounds.

Vor allem die melancholische Kasernenhofstimme des geradezu anticharismatischen Sängers Paul Banks leidet unter dem Brei. Banks ist ein Herumsteher und Ausdrucksverweigerer von Gottes Gnaden - allerdings verkommt bei einem derart schlechten Sound, der die Eleganz der Band einem dröhnenden Gerocke opfert, die lässige Distanz fast zur Beleidigung. Zum Glück ist da Bassist Carlos D, eine selten extravagante Erscheinung, an dessen charmantem Schmierentheater man sich festhalten kann. Mit onduliertem Haar und albernem Schnurrbart sieht er aus wie ein ungarischer Adeliger, der nur auf Grund eines Sciencefiction-Unfalls in einer New Yorker Popband gelandet ist. Sich wiegend und krümmend, steht er am Bühnenrand und starrt in imaginäre Weiten: tolle Theatralik, fast schon lustig, mit Sicherheit das Aufregendste an diesem Abend. Auch wenn New York zu Besuch war - in Köln-Nippes kann ruhig weitergeschlafen werden.



Text: F.A.Z., 14.05.2007, Nr. 111 / Seite 35
Bildmaterial: Thomas Brill

 
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