Rockmusik

Seine Generation: Pete Townshend wird sechzig

Von Edo Reents

19. Mai 2005 Es ist irrig zu meinen, das Hauptanliegen der Rockmusik wäre es gewesen, Aufbruchsstimmung zu erzeugen und die Jugend hedonistisch um ihrer selbst willen zu feiern. Über all dem Lärm wurde überhört, daß „Jugend“ vielmehr ein angsterfüllter und im Grunde bedauernswerter Lebensabschnitt ist.

Keine unter den vier bedeutendsten britischen Bands hat diese Erkenntnis so treffend und machtvoll zum Ausdruck gebracht wie „The Who“. Während die „Beatles“, „Rolling Stones“ und „Kinks“ die Leute mit Phantasie und Nostalgie beglückten, verharrten „The Who“ in der Ecke des Unartikulierten. Die Aggressionen, die sie freisetzten, übertrafen alles bisher Dagewesene, weil die vier Musiker trotz erheblicher Rivalitäten einen Organismus bildeten, der in der Summe homogener war als bei den Konkurrenten. Ihr Musizierwille bündelte sich freilich in einer Person: der ihres Gitarristen und fast alleinigen Songschreibers Pete Townshend.

Hochwirksames Identifikatiosnmodell

Der ehemalige, aus einer Musikerfamilie stammende Kunststudent spürte deutlicher als alle Kollegen, daß die Popkultur, die sich vor vierzig Jahren in London Gehör verschaffte, auch nur dazu diente, Leerstellen zu füllen. „I Can't Explain“, 1965 der erste „Who“-Hit, drückte etwas merkwürdig Verstocktes aus und bot einer weniger bildungs- als lebenshungrigen Nachkriegsjugend ein hochwirksames Identifikationsmodell an. Für Townshend bedeutete Rockmusik Krieg; und dieses Konzept zwang er seinen Partnern Roger Daltrey, Keith Moon und John Entwistle auf, die keineswegs schlechter spielten als er, aber seiner Autorschaft nicht gewachsen waren.

Jener erste Song führt freilich auf ein Mißverständnis, das die Band bis zu deren Ende begleitete: daß sie der Jugend etwas zu sagen habe. Ein sogenannter Mod sprach ihn darauf an: „Das ist unser Lied, genau das wollten wir selber sagen.“ Townshend fragte: „Was wolltet ihr denn sagen? Ich hab' doch nur beschrieben, daß ihr nicht erklären könnt, was in euch vorgeht.“ Pete Townshend konnte es erklären und verzichtete dabei auf falsche Versprechungen. Deshalb ist auch die Mod-Bewegung, deren kurzhaarige, anzugtragende Mitglieder sich von den lederbejackten Rockern absetzen wollten und in den „Who“ ihr Sprachrohr hatten, ein Oberflächenphänomen.

Sarkasmus und Scharfsinn

Townshend ging es um etwas anderes, viel Allgemeineres als Gruppenabgrenzungen: die Befindlichkeit von Jugend als solcher, der er mit Sarkasmus und Scharfsinn zu Leibe rückte: „Rock'n'Roll ist nur etwas für frustrierte, überdrehte Kinder, und nur bei ihnen funktioniert er.“ Dieser Intellektuelle bestand darauf, daß das alles nichts mit Intelligenz zu tun hat, und ließ die Kritiker gewähren, die seinen unter dem Einfluß des Sektenführers Meher Baba geschriebenen „Tommy“ 1969 als gewollte Emanzipation des Genres in Richtung Anspruch bejubelten und als „Rock-Oper“ überinterpretierten. Trotzdem ist gerade Tommy eine exemplarische Townshend-Figur: blind, stumm und taub, heilbar nur durch die manische Befassung mit der Populärkultur.

Seit „Tommy“, der um die Welt ging, waren „The Who“ nicht mehr die alten. Die Musiker, die sich das Kaputtschlagen ihrer Instrumente endlich leisten konnten, spielten in einer anderen Liga; die Musik war besser denn je und frei von irgendwelchen Resten der Bluestradition. Der einst gewichtige modische Anspruch, den vor allem Townshend mit seinen Union-Jack-Jacketts symbolträchtig vertrat, hatte seine Triftigkeit verloren.

Das Gültigste überhaupt

Townshend ließ sich von dem Manager Kit Lambert dazu ermutigen, das herkömmliche Songformat zu erweitern. Seine Kompositionen zwischen 1969 und 1975 sind, neben den Platten der „Rolling Stones“, als das Gültigste überhaupt in Erinnerung. Das gewaltige „Won't Get Fooled Again“ brachte die zwischen Revolte und Resignation schwankende Stimmung so bündig auf den Begriff wie sonst nur Bob Dylan und Mick Jagger. Auch Townshend sah das Heil ausschließlich in der Musik: „Pick up my guitar and play / just like yesterday / and I'll get on my knees and pray / We don't get fooled again.“

Zu dieser Zeit stand sein Spiel auf der Rickenbacker-Gitarre, das die Quintessenz der Rockmusik blieb, mit seiner enormen Dichte, Schlagkraft und Wendigkeit auf dem Gipfel. Doch Townshend, der 1973 das zunächst als unspielbar geltende Großwerk „Quadrophenia“ nachlegte, eine weitere vertrackte Jugendpathologie, verharrte in der Pose des Suchenden: „The Seeker“, der große Song von 1970, schildert den Mann, der niemals lächelt und auf Idole nicht hereinfällt.

Der tiefe Pessimismus, den dieser heute fast taube, einst schwer alkoholkranke Musiker verströmt, geriet in der „Who“-Wiederbelebungsmaschinerie in Vergessenheit und ist etwas anderes als das unterstellte Draufgängertum des zu Tode gerittenen Songs „My Generation“ von 1965 - kein Bekenntnis zur Kurzlebigkeit, sondern die nackte Angst vor der Kälte und Indifferenz des Erwachsenseins, wie sie in Amerika die Beat-Generation äußerte: „Hope I die before I get old.“

Man kann es auch umgekehrt sehen: An diesem Donnerstag wird Peter Denis Blanford „Pete“ Townshend sechzig Jahre alt.



Text: F.A.Z., 19.05.2005, Nr. 114 / Seite 37
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